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Goldfische zu Nowruz

März 20, 2014

Heute werden im Iran bis tief in die Nacht die letzten von Zigmillionen Goldfischen verkauft, die seit gut zwei Wochen überall im Lande in provisorisch auf Tischen platzierten Aquarien an Straßenecken zum Kauf feilgeboten werden. Ab morgen kauft dann niemand mehr Goldfische, jedenfalls für die nächsten Monate. Dieser weltweit sicherlich einmalige Massenverkauf von Haustieren hat mit einer Besonderheit des Nowruzfestes zu tun, das am 21. März im Iran sowie bei den Kurden der westlichen Nachbarländer gefeiert wird. Das Neujahrsfest hat viele interessante Facetten, beispielsweise den vorangehenden „Fröhlichen Mittwoch“, aber die Besonderheiten des Nowruz-Tisches (Sofre-ye Haft-Sin) als wohl wichtigstem und seit Jahrtausenden überliefertem Brauchtum, sind besonders interessant. Der Tisch wird mit sieben Gegenständen, deren Namen jeweils mit „S“ beginnen, gedeckt: den Haft-Sin (Haft bedeutet Sieben, Sin bedeutet S, also: „Sieben-S“). Aha, mag man nun denken: Auch das persische Wort für „Goldfisch“ beginnt mit S … Aber so einfach ist es nicht.

Zunächst gehört zum persischen Neujahr, dass am letzten Tag des alten Jahres, also heute, in jedem Zimmer des Hauses eine Kerze als Lichtsymbol angezündet wird. Dann wird ein edles Tischtuch festlich gedeckt: auf einem Beistelltisch, einem Schrank oder auch auf dem Boden. Auf diesem werden dann die sieben Dinge ausgebreitet: Sabze (Weizen- oder Linsensprossen, die man rechtzeitig zum Sprießen gebracht hat/ Symbol der Wiedergeburt), Samanu (eine süße Speise aus Weizenkeimen/ Symbol für Liebe und Zuneigung), Sir (Knoblauch/ Symbol für Medizin), Serke (Essig/ Symbol für Alter und Geduld), Somagh (ein saures Gewürz, das gerne für Chelo Kebab verwendet wird/ steht für die Farbe des Sonnenaufgangs), Sib (ein Apfel/ Symbol von Gesundheit und Schönheit) und Senjed (Mehlbeeren). Die Haft-Sin reichen den meisten heute jedoch nicht. Bei fast allen Familien kommt noch mehr auf das Tuch: mindestens Sekke (Münzen), häufig auch Sonbol (Hyazinthe) sowie Sepand (eine wilde Raute) – für den Weihrauch, ein Spiegel (Symbol für Glück), manchmal auch ein Stück Brot und bemalte harte Eier. Auf jeden Fall auch ein Buch: Bei Christen und Regimekritikern meist der Diwan-e Hafez (Gedichtband von Hafez), bei Zoroastriern eher das Awesta und bei Muslimen der Koran.

Und eben ein bis drei Goldfische, die in einem Wasserglas ihre Kreise drehen.

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Die meisten dieser Dinge finden sich in jedem Haushalt. Jedoch machen sich nicht alle die Mühe, die Weizenkeimlinge (Sabze) rechtzeitig anzusetzen. Sie und die Goldfische, sowie auch anderes Zubehör wie Krüge, Jahreszahlen oder Luftballons, kauft man ein. Mir hat es letztes Jahr in Kerman viel Spaß gemacht, diese Stände zu fotografieren:

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

Was mit den Goldfischen im neuen Jahr passiert? Es heißt, man solle sie nach zwei Wochen in einen Bach oder See geben. Für ein Fest, das den Neubeginn der Natur und des Lebens reflektiert, passt das. Falls ein passendes Gewässer in der Nähe ist und das Tier nicht nach einem verzweifelten Sprung aus der Schale, umgenutzter Brandyflasche oder was auch  immer für ihn als Übergangs-„Lebensraum“ verwendet wurde, auf dem Wohnzimmerboden verendet ist. Ich möchte nicht wirklich genau wissen, ob und wie das millionenfach umgesetzt wird… und welche Konsequenzen das für die lokalen Ökosysteme hat.

In Deutschland wird natürlich auch gefeiert, meist auf größeren Veranstaltungen lokaler Vereine, oft mit Konzerten – zum Beispiel Karlsruhe, Frankfurt, Wiesbaden oder im sog. Ausländercafé an der Universität des Saarlandes (diese Woche jedoch oft erst am Samstag). Dort wird dann auch ein Nowruz-Tisch aufgebaut. Und Livemusik geboten. Vielleicht auch getanzt und Wein getrunken. Die lokale iranische Community, die sonst wenig Kontakt zueinander hat, trifft sich und feiert. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Unesco hat Nowruz in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Als Fest der Wiedergeburt erlangte das Fest übrigens zuerst bei den Kurden Bedeutung und wurde später von anderen Völkern wie den Iranern oder Afghanen übernommen. Sie haben das Fest um ihr eigenen nationalen Bräuche bereichert. Die Kurden nutzen es auch, um für ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren, während die Iraner damit dem von vielen als Fremdherrschaft empfundenen Islam etwas Eigenes entgegen stellen.

Im Iran sind die Nowruz-Feiertage das wichtigste Fest des Jahres, vor allem besucht man sich innerhalb der Verwandschaft – jede Familie jede andere … Und das öffentliche Leben steht still. Nach 12 Tagen begibt man sich am 13. Tag in die Natur, um mit dem Neujahr auch den Frühling zu feiern

Verwendete Quelle: Parsay, Javad: Das iranische Neujahrsfest Nowruz, 2005; siehe auch Sputniknews zu aggressiven Goldfischen

Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt

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