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Shaharshanbe Suri (Fröhlicher Mittwoch)

März 19, 2014

Wenn der Winter sich dem lang ersehnten Ende zuneigt, wird in vielen Kulturen ein Ritual gefeiert, mit dem der Frühling herauf beschworen werden soll. Sehr häufig werden Feuer angezündet: Während im Allgäu eine Hexenfigur verbrannt wird (je nachdem, zu welcher Seite sie dabei umkippt, ist der Frühling nah oder noch fern), oder in Luxemburg beim „Buergbrennen“ auf Hügeln imposante riesige Holzkreuze abgebrannt wurden (eine Woche nach Fastnacht, um den Winter zu vertreiben), springt man im Iran über ein kleines (oder sagen wir zumindest: kleineres) Feuer. Bei dieser heute fast verbotenen, oder zumindest ungern gesehenen – weil vor- bzw. unislamischen – Sitte trifft man sich unter Nachbarn auf wenig befahrenen Gassen und Grundstücken oder – wenn man unter sich in der Großfamilie bleiben will – im Innenhof eines Hauses, und springt reihum fröhlich über das Feuer. Jung und Alt, Männer, Frauen und Kinder. Gerne werden auch leuchtende Feuerwerkskörper gezündet, aber keine Raketen. Danach isst man gemeinsam.

Shaharshanbe Suri (Fröhlicher Mittwoch) heißt diese Sitte, die ich 1993 in Teheran und 2013 in Kerman mitfeiern durfte. Es geht hierbei nicht etwa darum, böse Geister zu vertreiben, sondern um den Abschied vom alten Jahr und die Vorfreude auf das neue Jahr. Denn im Iran ist am 21. März nicht nur Frühlingsbeginn, sondern auch Neujahr („Nowruz„). Shaharshanbe Suri wird in der Nacht zum letzten Mittwoch vor Nowruz gefeiert. Gestern Nacht also.

Die Vorbereitungen für den Nowruz (Pischvaz-e Nowruz-) beginnen jedoch schon gut zwei Wochen vor den Feiertagen. Natürlich gibt es im Vielvölkerstaat Iran regionale Unterschiede. Einige Gebräuche bestehen jedoch überall. Fünfzehn Tage vorher wird Weizen, der vorher in Wasser zum Keimen gebracht wurde, auf einem Teller oder eine flache Schüssel gelegt, um dort zu kleinen grünen Schösslingen (Sabze) heran zu wachsen. Der wichtigste Teil der Vorbereitungen ist jedoch der Frühlingsputz: Die Hausfrauen und -männer entsorgen beschädigte oder  gebrochene Gegenstände, ans Fenster kommen schöne Blumentöpfe, dazu werden einige Winterfrüchte ausgelegt, damit es überall schön ausschaut und nach Blumen und Zitrusfrüchten duftet.

Am Vorabend des letzten Mittwochs des Jahres beginnen dann die Feierlichkeiten. Der fröhliche Mittwoch vor genau einem Jahr also:

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Beim Nachbarschaftsfest wurde Aasch-Suppe ausgeschenkt, die übliche Suppe für besondere Anlässe. Anschließend im Familienkreis ebenso. Danach begannen zwar die Männer mit dem Sprung über zwei, fein säuberlich in Metallschalen angefachten Feuern, danach dominierten aber die Frauen. Manche sprangen ein halbes Dutzend Mal. Vielleicht, um sicher zu gehen, dass das alte Jahr wirklich abgehakt werden kann? Beim Springen ruft man ein altes zoroastrisches Mantra um Unglücck und Krankheit zu vertreiben: „Sorchi-ye to as man, sardi-ye man as to„. Übersetzt: „Dein Rotes nehm ich mir, mein Gelbes gebe ich Dir“. Rot steht für das gesunde, gute (im Feuer), gelb für das ungesunde, schlechte. Man könnte auch rufen: „Meine Sorgen lass ich Dir, alles Gute nehm ich mir“.

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri (c) Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

Wenn Nowruz – wie dieses Jahr – nicht auf einen Freitag fällt, werden am letzten Freitag des Jahres die verstorbenen Verwandten auf dem Friedhof besucht. Am Vorabend des Jahreswechsels laufen dann Bäder auf Hochtouren: Alle waschen sich den Körper, damit sie den Jahreswechsel sauber erleben. Diese Körperreinigung wurde zu Zeiten der Sassaniden-Dynastie nach einer bestimmten Ordnung vollzogen. Zusätzlich war es üblich, den Körper, am nächsten Tag, also am ersten Tag des Frühlingsfestes, in fließendem Wasser, also Bächen und Flüssen, zu waschen und einander mit Wasser anzuspritzen, um den Körper symbolisch von Sünden zu befreien und auch mögliche Seelenqualen zu beseitigen. Solchen Bräuchen begegnet man im Iran noch immer in vielen Volksgruppen, besonders im Gebirge.

Als ich das Fest 1993 in Teheran erlebte, waren hunderte von Jugendlichen auf einer Hauptstraße am Rand des Stadtzentrums unterwegs und entfachten mitten auf der Straße Feuer, sogar auf der Basis von angezündeten alten Reifen, und schossen mit Feuerwerkskörpern. Ich erlebte das als wirklich abenteuerlich-waghalsige Rebellion. Oder zumindest als Ausdruck mutigen Ungehorsams. Sicher gibt es dabei immer wieder auch Einsätze von Polizei und Pasdaran, aber das Regime hat verstanden, dass es „diesen einen Kampf nicht gewinnen kann“, wie es die ehemalige Times-Korrespondentin Ramita Navai 2016 auf den Punkt brachte.

In Deutschland wird dieses „Feuerfest“ auch gefeiert, meist auf größeren Veranstaltungen lokaler iranischer Vereine, letzten Dienstag zum Beispiel in Wiesbaden oder Offenbach. Ein ganz ähnlicher Brauch war in Deutschland das Anzünden von Johannisfeuern, über die man auch gesprungen ist – allerdings zur Mittsommerwende am 21. Juni.

Verwendete Quellen: Parsay, Javad: Das iranische Neujahrsfest Nowruz, 2005; Navai, Ramita: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran, Berlin 2016, S. 36.

Sharshanbe Suri © Ekkehart Schmidt

From → Iran

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  1. Goldfische zu Nowruz © Ekkehart Schmidt | akihart

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