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Metro Vavin im Regen

März 15, 2014

„Vavin“ ist wohl eine der unbekanntesten Pariser Metrostationen. Dabei ist sie vielleicht diejenige, bei der man am Ausgang auf einen einzigen Blick die meisten interessanten Örtlichkeiten sehen kann: Vier Kaffeehäuser mit ganz besonderer Bedeutung für die Kunst- und Literaturgeschichte. Vielleicht findet sich hier auf engstem Raum die weltweit größte Ballung klassischer Kaffeehäuser. Zwischen 1918 und 1930 frequentierten viele Künstler diese Lokale im Stadtteil Montparnasse. In den 1960er-Jahren traf sich hier das wohl bekannteste Philosophenpaar des 20. Jahrhunderts. Das ist lange her. Aber gerade im Regen, wie an diesem Februarabend 2014, wirken sie wie zeitlos.

Métro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Ursprünglich lebten und arbeiteten die in Paris lebenden Künstler am Montmartre, bis sie im 19. Jahrhundert im 14. Arrondissement billigere Ateliers fanden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachten Pablo Picasso und seine Künstlerfreunde die moderne Kunst zum Montparnasse.

Das 1897 eröffnete Le Dôme ist das älteste Café am Boulevard Montparnasse. Der Künstlerkreis um Picasso machte es – mit dem Select – zum Mitelpunkt ihres gesellschaftlichen Lebens. Hier haben zudem Leo Trotzkij, Amedeo Modigliani, Henry Miller sowie eine Generation später Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir (die im Gebäude gegenüber geboren wurde) regelmässig gesessen.

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Auf der anderen Straßenseite steht das 1911 eröffnete Café La Rotonde. Im Inneren eine Symphonie in rotem Samt, Licht und Dunkel, außen ein exquisiter Platz zum Sehen und Gesehen werden. Zu den illustren Gästen zählen neben Simone de Beauvoir und Picasso auch Peggy Guggenheim, Louis Aragon, Malcolm Cowley, Leo Trotzkij, Wladimir Iljitsch Uljanow (Lenin), Amedeo Modigliani und Ernest Hemingway. In den 1920er-Jahren war das Viertel, wie man an dieser Auflistung sehen kann, ein bevorzugtes Revier junger ambitionierter Yankees. Zur zeit wird das Haus jedoch saniert.

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Doch das macht nichts, von einer Häuserecke weiter grüßt Le Select, 1923,  20 Jahre lang – bis zum Winter 2013/14 war aber der hier wohnende Kater Mickey der Star. Seit den 1920er-Jahren, in denen hier Picasso. Max Jacob, Henry Miller, Hemingway oder Jean Marais verkehrten, ist an der Inneneinrichtung zum Glück nicht viel modernisiert worden (Video).

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Vom Le Select sieht man auf der anderen Straßenseite links die blauen Lichter des Le Dôme, rechts lockt La Coupole mit roter Leuchtschrift. Noch ehe das Lokal 1927 eröffnet wurde, war der Stadtteil südlich des Jardin du Luxembourg „zu einem der gesellschaftlichen und literarischen Zentren Europas geworden, zu einem internationalen Knotenpunkt der Kunst“, wie Noel Riley Fitch schreibt. La Coupole hat Robert Mc Almon, Hemingway, Louis Aragon, Henry Miller, Lawrence Durrell, Anais Nin, Ilja Ehrenburg und Samuel Beckett ein und ausgehen gesehen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde es ruhig, doch seit Beginn der sechziger Jahre ging es hier wieder so lebhaft zu wie vierzig Jahre vorher. In diesen Jahren zählten Francoise Sagan, Gabriel Garcia Marquez und natürlich das Paar Sartre/ de Beauvoir zu den regelmässigen Gästen .

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Metro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

Alle vier Häuser sind nicht nur Cafés, sondern auch Restaurants. Touristen sieht man hier – anders als im Quartier Latin – relativ selten. Die Cafés haben sich ihr eigenes Leben erhalten, wenn dieses auch nichts mehr mit der damaligen Zeit zu tun hat, aus dieser aber noch eine starke Anziehungskraft bezieht. Um’s Eck zu erwähnen sind mit dem Falstaff, der Dingo Bar und dem Le Jockey drei weitere Cafés besonderer Bedeutung.

Was die Stimmung dieses verregneten Abends angeht, entdeckte ich später den Maler Lesser Ury, der Anfang des 20. Jahrhunderts ähnliche Szenen malte.

Verwendete Quelle: Fitch, Noel Riley: Die literarischen Cafés von Paris, Zürich 1993

Weitere authentische Kaffeehäuser weltweit

Métro Vavin im Regen © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Paris

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