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Buvette Bonny_Bonnevoie

März 11, 2014

Bonnevoie bzw. Bonneweg ist heute nicht nur einer von vielen kosmopolitischen Stadtteilen in Luxemburg, sondern auch in gleicher Weise Synonym für Zuwandererviertel mit portugiesischem Schwerpunkt wie für ein Zentrum alternativer Lebensweisen. Bis Anfang der 1980er-Jahre war der Stadtteil hinter dem Bahnhof vor allem das luxemburgische Arbeiterviertel, geprägt insbesondere von Eisenbahnern. 1970 setzte hier eine Kooperative ein Großprojekt um: Die Schaffung eines Supermarktes mit integriertem Café nebst Würstchenbude, deren Kunden zugleich Eigentümer und am Gewinn beteiligt sind. Die Konsumgenossenschaft der Eisenbahner war schon 1919 in der Rue Origer entstanden, zog dann in die Rue du Fort Neipperg um und ließ sich 1956 schließlich in Bonneweg (in jenem Komplex, in dem jahrzehntelang eine Filiale von Stemberg und bis vor kurzem die Galerie vun der Kooperativ untergebracht war). Der aufgrund der hohen Nachfrage notwendige Neubau war damals der größte im Großherzogtum. Nach 44 Jahren schließt die Cooperative de Bonnevoie nun Ende März 2014: Aufgekauft von Cactus, der heute größten Supermarktkette, harren die Gebäude der Umwandlung nach den Vorstellungen eines nunmehr rein kapitalistischen Betriebs.

Heute mittag bin ich vom Bahnhof über die sanierte, gut 200 m lange Fußgängerbrücke an den ebenfalls sanierten Rotunden vorbei und habe mich – nachdem ich schon Dutzende Male an diesen Gebäudekomplexen vorbeigekommen bin – diesmal etwas genauer an diesem Relikt der Arbeiterbewegung umgeschaut. Das Ziel: Die „Buvette Bonny“ im Inneren des alten Supermarktes. Für ein Mittagessen plus Espresso.

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

© Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Für das tägliche Stammessen für 6,80 Euro kam ich im Lokal um 13.15 Uhr zu spät. Ich könne mir beim Imbiss draußen etwas holen und drinnen essen, sagte man mir. Die Wurstbude gehört also zur Buvette dazu. Ich ging also durch den Ausgang des Supermarktes hinaus, holte mir Thüringer Wurst und gebratenen Speck im Brot für 4,40 Euro und ging durch den Haupteingang wieder hinein. Den Espresso dazu konnte ich innen ordern. Wenn die Kombination auch gruselig klingt: Es schmeckte lecker!

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Bonny Buvette_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Nicht nur die Stammgäste der Buvette, die nach dem Ladenmaskottchen „Bonny“ benannt ist, auch viele andere Kunden und Mitarbeiter der Kooperative, befürchten, dass mit der Umwandlung der Gebäude ein Stück Bonneweger Identität verloren geht. Das bei einem Besuch deutlich spürbare Gefühl der Nähe zwischen Kellnerinnen, Kassiererinnen, den Wurstgrillern und der Kundschaft, ein entspannter Umgang mit einer treuen Stammkundschaft, fast eine familiäre Atmosphäre, droht sich völlig zu verändern. Insofern herrscht in diesen letzten Wochen eine Grundstimmung von Traurigkeit und Resignation – jedenfalls nach Beobachtung der Journalisten der Zeitschrift „Wunnen“. Ähnlich war es vor zwei Jahren, als Chez Rosalie geschlossen hat. Das Viertel ist im Wandel. Aber das war es schon immer, ohne grundlegend seine Identität zu verlieren.

Nachtrag: Der Supermarkt wurde als Cactus Marché Bonnevoie am 4. November 2014 neu eröffnet. Alle 86 Mitarbeiter/innen der Kooperative wurden von Cactus übernommen, 48 von ihnen arbeiten am altbekannten Ort. Mehr dazu hier. Im Tageblatt vom 5. November und im Wort vom 2. November 2014 hiess es in seltener Eintracht, scheinbar süffisant: „Yuppi ersetzt Bonny“: Aber das Maskottchen von Cactus heisst tatsächlich so…

Buvette Bonny_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

Adresse: Coopérative des Cheminots Bonnevoie 27, rue des Gaulois, L – 1618 Luxembourg, Tel.: 48 61 81, Homepage

Weiterführende Literatur zur Kooperative: Homepage der Kooperative; Clessé, René: Kooperative Bonnevoie. Ein Relikt der Arbeiterbewegung, in: Ons Stad 79, 2005, S. 26-29; Bonnevoie. Le quartier qui voit défiler le monde entier, in: Wunnen 37, Février – Mars 2014, S. 64-71; Reger, Sven: Coopérative Bonnevoie. La fin d’une époque, City-Magazine „Urak’s“, 04/ 2014, S. 22-23; Thiel, Michel: „Coopérative des Cheminots“ in Bonneweg. „Ich war immer sehr zufrieden“, Luxemburger Wort, 29.03.2014.

Buvette Bonny_Bonnevoie © Ekkehart Schmidt

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