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Bahnhof Friedrichsthal

März 6, 2014

Abfahren, ankommen, jemanden abholen oder zum Zug bringen … Wenn ich nur die 25 Jahre nehme, in denen ich mit Wohnort Bonn, Ottweiler, Wiebelskirchen und Saarbrücken als Nicht-Autofahrer werktäglich einen Zug oder Bus zu den Bahnhöfen Köln-Süd, Saarbrücken und Luxemburg genommen habe, etwa 225 mal jährlich also, so bin ich schon circa 11.000 mal an einem Bahnhof ein- oder ausgestiegen. Ganz zu schweigen von den rund 10 Stationen, durch die ich bei jeder einzelnen Fahrt gekommen bin (und meist zumindest einen kurzen Blick auf den Bahnsteig geworfen habe), so komme ich nicht nur auf eine enorm hohe Lebenszeit, die ich in und an Bahnhöfen verbracht habe, sondern auch auf erheblichen Speicherplatz im Hirn und Abermillionen geschalteter Synapsenverbindungen, die mit der Wahrnehmung von Bahnhöfen zu tun haben. Und dann gibt es noch fünf Umsteigebahnhöfe, die ich bei diesen Fahrten ins Büro oder auf Reisen besonders oft genutzt habe: Neunkirchen, Karthaus, Trier, Mainz, Koblenz und Mannheim. Seit letztem Sommer, seitdem mein Sohn Tom in Elversberg Fußball spielt, ist Friedrichsthal dazu gekommen.

Den dortigen Bahnhof kann ich vor dem Hintergrund dieser extensiven Erfahrungen mit klarer Sicherheit als den heruntergekommensten und verwahrlosesten Bahnhof des Saarlandes benennen (Neunkirchen wird gerade saniert, Luisenthal kommt äußerlich nahe heran,  ich bin aber nie im Gebäude gewesen und Karthaus liegt in Rheinland-Pfalz). Aber der protzige und eigentlich Respekt einflössende Bau aus wilhelminischer Zeit hat etwas, gerade wegen des enormen Kontrastes aus einstiger und heutiger Bedeutung. Und seine Patina regt mich, wie schon in den 1980er-Jahren manch Berliner S-Bahnhof, zum Dokumentieren an. Gestern habe ich mir endlich die Zeit genommen:

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Er ist einer dieser Bahnhöfe, an der man sich auch als Mann eher unsicher fühlt, nicht nur abends oder nachts, zumal man fast immer der einzige Wartende ist. Auf dem Bahnsteig stehend schaut man auf das von unten hochwachsende Bahnhofsgebäude mit seinen zugenagelten Fenstern, von denen die einen wie Augen wirken, während die anderen Einschußlöcher aufweisen.

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Der Bahnhof hat vier Ebenen und zwei Ausgänge. Neben einem stählernen Treppenaufgang hoch geht es auch hinunter in die Unterwelt des seit mindestens 15 Jahren leeren und ungenutzten dreigeschossigen Bahnhofsgebäudes in Hanglage, dessen Erdgeschossebene deutlich unterhalb der Gleise liegt:

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

„Verwahrlost“ ist nur die Hülle dieses beeindruckend mächtigen Gebäudes. Der Boden ist makellos sauber, wird vielleicht sogar täglich gefegt.

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

Was ist passiert zwischen der Entscheidung zu einem so großen, repräsentativen Bahnhof mit parkähnlichem Vorplatz und seinem Absterben? Friedrichsthal ist eine der jüngsten Städte des Saarlandes (1723 erstmals erwähnt). Frühe Formen der Glasindustrie bildeten die wirtschaftliche Grundlage der ersten Bewohner. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann der Bergbau zum größten Industriezweig. Ein erster Bahnhofsbau entstand schon 1852, wurde dann aber 1910 durch den jetzigen ersetzt. Nach dem Strukturwandel sind in der heute nur noch 11.000 (ehedem 15.000) Einwohner zählenden Stadt verschiedene Relikte des Steinkohlebergbaus zu sehen, vor allem aber machen Bergschäden seit Jahrzehnten Schlagzeilen, da praktisch das gesamte Stadtgebiet von unterirdischen Stollenanlagen durchzogen ist, die teilweise unter Einsturzgefahr stehen. Viele Familien, die bauen wollten und des Abbaues wegen kein Baugelände bekommen konnten, sind abgewandert, heißt es auf der Homepage der Stadt: „Namhafte Industrieunternehmen verließen wegen der Bergschäden unsere Gemeinde und siedelten sich außerhalb des Bergsenkungsgebietes an. Zahlreiche Familienväter sind dem Betrieb, in dem sie arbeiteten, nachgewandert, wodurch ein weiterer Aderlaß entstand“.

Das gesamte Gebäude steht heute laut Wikipedia unter Denkmalschutz. Bis in die 1980er Jahre war der Bahnhof belebt. Es gab ein Bahnhofsrestaurant und einen Fahrkartenschalter der Bundesbahn. Nachdem in den 1990er Jahren die Bahn im Zuge von Restrukturierungsmaßnahmen den Fahrkartenschalter schloss und das Lokal nicht mehr rentabel war, wurde der Bahnhof teilweise als Wohngebäude vermietet. Heute dient er lediglich als Durchgang und ist zunehmend dem Verfall preisgegeben. Jugendlichen bieten Vorplatz und ehemalige Schalterhalle abends einen Freiraum, gemeinsam Musik zu hören und etwas zu trinken. An zwei Stellen haben Besucher Zugangslöcher in Absperrungen gebrochen. Beim nächsten Umsteigen schaue ich vielleicht auch einmal genauer ins Innere.

Am 7. Dezember 2012 sollte der Bahnhof bei einer öffentlichen Auktionin Berlin versteigert werden. Ziel: Einen privaten Investor finden, der das imposante, aber stark sanierungsbedürftige Gebäude einer neuen Nutzung zuführt (mehr dazu in der Saarbrücker Zeitung). Das Ergebnis der Auktion ist mir nicht bekannt.

Bahnhof Friedrichsthal © Ekkehart Schmidt

One Comment
  1. Hendrik permalink

    Der Bahnhof wurde verkauft bzw versteigert. Der Besitzer hat in dem Haus absolut nix getan. Jetzt will bzw muss die DB das Haus zurück holen soweit ich das weiss. Wie es drin aussieht ist lohnenswert. Hab den ganzen Bf schon durchleuchtet. Es war mal sogar ein Aufzug vorhanden. Den Schacht kann man noch sehr gut oben erkennen. Die Teerdecke davon passt nicht zum Rest.

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