Zum Inhalt springen

Restaurant Woll_Spicheren

März 2, 2014

Als ich 1994 nach Saarbrücken gezogen bin, hat mich die Nähe zu Frankreich fasziniert und ich habe viele kleine Touren über die Grenze gemacht. Eine der ersten führte mich auf die Höhen von Spicheren und zum Restaurant Woll. In den 20 Jahren seitdem war ich vielleicht noch vier bis fünf Mal dort. 2012/13  wurde das historische Lokal renoviert. Heute, am ersten echten Vorfrühlingstag, haben eine lange Wanderung gemacht, mit dem Woll als Ziel: Auch um zu schauen, ob es kaputt saniert wurde. „Nein, es wurde ganz wenig verändert“, sagte uns ein Kellner. Das Lokal müsse als „monument culturel“ in seiner historischen Substanz erhalten bleiben, außen wie innen. Und tatsächlich: Abgesehen von einem Neuanstrich und neuen Gardinen, gibt es im rechten Speisesaal nur neue Kronleuchter. Die alten seien sehr hässlich gewesen, erzählt er. Die jetzigen seien original Art deco (zu deutsch: Jugendstil). Die Fenster, Stühle und Tische blieben im Stil erhalten. Im linken Saal so ähnlich. Theke und Kaminofen blieben erhalten. Wenn ich mich nicht täusche, wurden ein paar leicht kitschige Dekostücke dazu gestellt. In beiden Räumen wurden auch neue großformatige historische Schwarzweiß-Fotos aufgehängt. Die meisten wurden hier aufgenommen, es gibt aber auch einige berühmte Fotos aus völlig anderem Kontext. Dennoch gelungen, wie ich finde (weitere historische Aufnahmen hier).

Die Original-Atmosphäre dieser „Saarbrücker Institution“ ist erhalten geblieben. Jedenfalls wenn ich das vergleiche mit meinem Empfinden von 1994. Das war keine einfaches Unterfangen: In den 130 Jahren seit der Eröffnung 1897 ist hier viel passiert: Wenn auch die berühmte Schlacht vom 6. August 1870 schon lange vorbei war, so interessieren die Gräber und Denkmäler doch – bis heute – noch viele Besucher. Das Lokal lag bis 1918 auf deutschem Boden und war schon ein beliebtes Ausflugsziel. 1939 gab es zehn Monate währende Kämpfe auf den Höhen über dem Westwall am damals „Restaurant Côte de Spicheren“ genannten Haus, mit weihnachtlichem Besuch Hitlers. Vorher und nachher war  eine Station des kleinen Grenzverkehrs lange vor dem Schengener Abkommen. Vor allem in den Jahren 1920 – 1935, als das damalige Saargebiet einen Sonderstatus unter Völkerbunds-Regierung besaß, war der steile Spicherer Weg sehr von Grenzgängern belebt, der Grenzübergang selbst unproblematisch, wie Doris Seck erzählt: „So wanderten die Saarbrücker hinauf auf die Höhe, wo sie in der Gaststätte Woll einkehrten, um sich an Rotwein und Weißbrot mit schinken oder Münsterkäse gütlich zu tun. Umgekehrt gingen des Morgens die Spicherer Milchfrauen mit ihren gefüllten Kannen nach Saarbrücken, wo sie in den Haushaltungen schon erwartet wurden, Unter einem charakteristischen dicken Baum mitten auf dem Exerzierplatz machten sie Rast. Da war eigens ein Gestell aufgebaut, auf dem sie ihre Kannen abstellen konnten.“ Dann folgten 70 Jahre, in denen die Französin Margarete Woll aus dem Lokal auch einen Ort deutsch-französischer Erinnerungsarbeit und Begegnung machte. Oskar Lafontaine verlieh ihr 1987 nicht umsonst den saarländischen Verdienstorden.

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Früher hieß es, die Küche sei nicht wirklich das wahre und es wirkte auch etwas überteuert. Es ist eine einfache französische Landküche.Heute gibt es im Wesentlichen auch nur Flammkuchen in zwei Varianten (mit Munsterkäse oder Ziegenkäse mit Honig), Fischsuppe, Entrecote, Schnitzel, Steak Tatar, Fritten und Salat mit überbackenem Ziegenkäse. Nachmittags dann Kuchen (heute nur Apfeltarte). Aber im heutigen Empfinden war es sehr lecker und preisgünstig (die Flamm ab 8,40 EUR, der Salade chèvre chaud für 9,80 EUR). Vom ehedem viel gescholtenen schlechten und langsamen Service erlebten wir nichts: Das Haus war rappelvoll und dennoch wurden wir zügig bedient. Vielleicht ist das abends anders. Aber das Woll ist eben vor allem ein Ausflugslokal.

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Schade ist nur, dass die bislang wirklich urigen Toiletten so saniert wurden, dass sie original wirken, es aber nicht mehr sind: Es fehlt vor allem der Napf für Trinker, die einen zu viel intus hatten. Man erreicht sie durch den rückwärtigen Flur.

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren (c) Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Nach wie vor gibt es hier freilich diese etwas merkwürdige Stammklientel von aufgebretzelt wirkenden neureichen Schnöseln. Früher hieß es, wer in Saarbrücken etwas werden wolle, müsse hier regelmäßig „kontakten“. Damals traf sich hier offenbar ein Teil der hiesigen Polit- und Unternehmerprominenz. Diese läßt sich aber ignorieren, das Lokal ist weitläufig genug. Gerade im Sommer, wenn der Biergarten geöffnet ist.

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

Adresse: 80, rue des Hauters, F-57350 Spicheren, Tel.: (0033) 3 87 85 31 02, Homepage

Zitierte Quelle: Sick, Doris: Freie Rasenspieler auf friedlichem Kriegsgelände, in: Albers, Jürgen/ Blaß, Ursula/ Bubel, Dirk/ Glaser, HArald (Hrsg.): Saarbrücken zu Fuß, Hamburg 1989, S. 213-229, S. 224

Restaurant Woll_Spicheren © Ekkehart Schmidt

One Comment

Trackbacks & Pingbacks

  1. Ponsheimer Hof_Ormesheim | akihart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: