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Grand Hotel Barbès_Paris

Februar 14, 2014

Ich hab mich gestern früh entschieden, die Dusche für 4,60 Euro extra nicht auszuprobieren. Wenn ich mich hier hygienisch auch nicht wirklich ganz wohl gefühlt habe, so habe ich mir doch einen zehn Jahre alten Traum erfüllt: Das Grand Hotel Barbès …

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes (c) Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Es war dieser Name vor allem, der mich immer faszinierte: Nicht auf dem pragmatisch-schmucklosen Schild, sondern in Mosaiksteinchen auf der Schwelle. In seinem extremen Kontrast zur Einfachheit des Etablissements: Das sechsstöckige Eckhaus ist seit über einem halben Jahrhundert eine (erste) Absteige vor allem für Migranten aus dem Maghreb, die hier oft zu dritt oder zu viert wochen- oder monatelang gewohnt haben, von der Hand in den Mund lebend, bis sie genug verdient hatten, um sich eine billige Wohnung (vielleicht auch wieder gemeinsam geteilt) leisten konnten. Von wegen „Grand Hotel“ … Aber wunderbar, sich nach der Einmietung gegenüber ins Café Hotel de l’Univers zu setzen und die Szenerie zu beobachten.

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Die Zimmer im Grand Hotel haben kein fliessend warmes Wasser, weder WC, noch Dusche im Zimmer, noch einen Fernseher oder Wifi – also auch keinen Stern. Aber ich habe aber alles, was ich brauche – bloß die fehlende Steckdose war etwas ärgerlich. Und das WC auf dem Gang hat weder einen Toilettendeckel, noch Toilettenpapier. Nur eine mit Wasser gefüllte Plastikflasche. Es ist also wie auf Reisen, irgendwo zwischen Syrien, Ägypten und Marokko. Nur dass die Bettbezüge hier wirklich frisch sind. „Für den, der schon einmal in Afrika war, ist das hier ein normales Viertel“, sagte mir der diesmal sehr nette Mann an der Rezeption. „Wer noch nie dort unterwegs war, ist eher befremdet“. Er meint den quirligen Marktbetrieb in der Rue Déjean und die Völkermischung. Ähnliches gilt sicher auch für das Hotel, das wohl für die meisten Reisenden schon äußerlich gar nicht erst in Erwägung gezogen wird.

Immerhin liegt neben dem Camel-Aschenbecher aus Plastik auch eine kleine Seifenpackung auf dem Tisch. Hergestellt von Les Laboratoires Azbane SA, Paris – Casablanca. Sind die Hotelbesitzer also Marokkaner? Es ist sehr wahrscheinlich, hier in der Rue des Poissoniers/ Ecke Rue Déjean, etwas nördlich des für die maghrebinischen Einwanderer berühmten Viertels „La Goutte d’or“. Das Leben der Einwanderer hier hat Tahar Ben Jelloun in den 1970er-Jahren in seinen mich später aufwühlenden Dokumentationen „La reclusion solitaire“ und „Die tiefste der Einsamkeiten“ sowie 1991 in dem Roman „Les yeux baissés“ beschrieben. Die Krimi-Autorin Chantal Pelletier bringt das heutige Lebensgefühl des Viertels auf den Punkt: „Hier ist das Paris der Verzweiflung, der Hausbesetzer, der Drogen aber auch der Gastfreundschaft“.

Zu Silvester 1996/97 und 2001 habe ich das erste Mal genauere Blicke in das Viertel geworfen, 2003 habe ich es für eine Reportage über Araber in Frankreich sehr gründlich durchstöbert. Später – etwa 2004 oder 2005 – habe ich im Nachbarhotel „Château Rouge“ zwei bis drei Nächte verbracht, 2009 im Hotel Pax. Damals habe ich hier auch nachgefragt und bin irgendwie böse abgeblitzt. In alten Notizen von 2003, die ich im Stadtplan fand, steht: „Unfreundlicher alter Maghrebiner: Keine Zeit, mir das Zimmer für 19 Euro zu zeigen“. Es kostet jetzt 28 Euro – was ein Drittel billiger ist, wie die preiswertesten Hotels, die man online buchen kann. Ich nehme nicht an, daß es andere derart günstige Hotels in der Innenstadt gibt. Paris lag 2014 mit einem Durchschnittspreis von 232 EUR auf Rang 11 der Bllomberg-Liste der teuersten Hotel-Städte der Welt. Das Pax Hotel kostete schon 2003 mir damals überteuert erscheinende 32 Euro (heute 70 Euro), das Meliti gar 37 Euro. Bei den F1Hotels zahlt man 39 Euro, bei Ibis 45 Euro. Aber dies nur am Rande, ich war ja hier aus anderem Interesse.

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

Das Hotel stamme so etwa aus den 1930er-Jahren, erzählt mir der Rezeptionist. Vorher sei es ein Appartmenthaus gewesen. Seit wann es zu einer ersten Adresse für Immigranten geworden ist, konnte ich nicht herausfinden. Das Hotel „Château Rouge“ war noch ein von Franzosen geführtes Haus. Sie haben sich damals deutlich frustriert gezeigt, wie sehr das Viertel transformiert worden ist. Das Hotel ist seit drei bis vier Jahren geschlossen. Gegenüber das Hotel des „Café Hotel de l’Univers“ wohl auch. Nebenan in der Rue des Poissoniers gibt es gegenüber der Moschee noch das ebenfalls von Maghrebinern, allerdings deutlich religiöseren, geführte Hotel „Pax“ gegenüber der Moschee, etwas weiter weg das eher schäbige und überteuerte Hotel „Meliti“, das „Hotel de la Paix“ und das „FM Hotel“. Jenseits des Boulevards Barbès gibt es weitere kleine, billige Hotels wie das „Carthage“ oder das „Neuf Myrha“ mit winzigen Zimmern. Dort, am östlichen Fuß des Hügels von Montmartre, steigen vor allem Touristen ab. Empfehlen würde ich da für Leute mit schmalem Budget das Hotel Bervic. Diesseits nicht. Beide Teile gehören zum 18. Arrondissement, aber der Boulevard trennt zwei Welten.

„Barbès-Rochechouart“ ist überall in Westafrika ein Synonym für Paris und Musik: Viele schwarzafrikanische Musiker produzieren hier ihre CDs. Zugleich ist es noch immer das historische Einwandererviertel der Maghrebiner, wovon das Sozialcafé Ayyem Zamen im Erdgeschoss des Hotels zeugt, dessen milchglasige Fassade zwischen 2014 und meinem letzten Besuch im März 2016 mit einer phantasievollen Malerei umgestaltet worden sind:

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Adresse: 21 Rue des Poissonniers, 75018 Paris/ Frankreich,Tel.: +33 1 46 06 82 80, keine E-Mail, keine Webseite, Metro: Château Rouge

Verwendete Quelle: Stäblein, Ruthard: Literaturstadt Paris, Hessischer Rundfunk, 02.06.2006. Weiterführende Literatur: Gildas Simon: L’Espace des travailleurs tunisiens en France. Structures et Fonctionnement d’un champ migratoire international, Eigenverlag, Poitiers 1979, S.  192 ff, 208f.

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

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