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Gasthaus Bingert_Saarbrücken

November 29, 2013

Alle zwei Jahre muß ich kurz im Bingert nach dem rechten sehen. Heute war es wieder so weit, etwas früh am Abend, dafür schön leer für einige Fotos. Ich kenne es seit 1994, bin aber noch nicht fertig, jedenfalls nicht für ein abschließendes Urteil, was es denn nun eigentlich ist, was es so legendär macht. Beim Bingert geht das, denn es ändert sich grundsätzlich nicht. Es wird auch 2024 so sein wie 1994. Aber nie wieder so, wie 1979/80.

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Kein Lokal im Nauwieser Viertel ist so häufig in seriöser Literatur erwähnt worden wie das „Gasthaus Bingert“ jener Jahre. Also möchte man das gerne hinterfragen. In den 50ern wurde das Gasthaus von Klara und Paul Bingert eröffnet, nach ihnen herunter gewirtschaftet, ehe 1977 aus dem damaligen SOG-Theater-Kollektiv der Künstler Hans Husel und Dorothee Schmitz ausstiegen, um mit dem Schriftsteller Chris Schrauff und Marina Ehrendreich ab Mai 1978 das Lokal zu übernehmen und ab 1979 als einen von damals etwa 20 Kollektivbetrieben aufzubauen. Dr. Mohsen Ramazani Moghaddam und Jupp kamen später als Kneipiers dazu. Der unverändert übernommene rauchvergilbte Schankraum rund um einen Bollerofen wurde zum Treff für linke Intellektuelle, Humanisten, Poeten wie Arnfrid Astel sowie Politakteure inklusive der hiesigen APO und aller, die sich ihr zugehörig fühlten. Die kultige Musikbox, die heute im AWO-Antiquariat steht, wurde immer mittwochs gemeinsam mit neuen Singles bestückt . Bis etwa 1977 – jedenfalls wirkte die Auswahl bis tief in die 90er so, als sei die Zeit stehen geblieben.

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Wenn es auch leer oberflächlich so wirkt, als wär es eine elend spießige Spelunkenkaschemme, in der sich das immer gleiche Dutzend Zechkumpane trifft, um nochmal gemeinsam einen hoch zu kriegen, also einen schweren Humpen Karlsberg, einen schalen oder auch einen derben Witz, ist das Bingert auch im vollen Zustand einfach nur eine angenehm spießige Spelunkenkaschemme, in der sich das immer gleiche Dutzend Zechkumpane trifft, um nochmal gemeinsam einen hoch zu kriegen – also ein Gläschen Weißwein und ein paar schee nette Geschichtchen, ehe es dann zeitig in’s Bett geht. Jedenfalls meistens. Es gibt aber auch ganz andere Abende, in denen das Bingert zum Brechen voll ist, das Publikum studentisch jung, politisch links und die Stimmung saugudd.

1987 schrieb Klaus-Michael Mallmann: „Heilige Kuh der Subkultur, alternative Sozialstation, Perpetuum mobile, Depressobar für Generationen. Die linke Stehbierhalle mit dem dezenten Charme eines Wartesaals und dem subversiven Dunst der Bratkartoffeln, mit den Infos an der Wand und Zarah Leander in der Musiktruhe. Persisch und das konsonantenschwangere Idiom der Nordsaarländer sind gleichberechtigte Verkehrssprachen.“ 20 Jahre später schrieb Ralf Leis, daß sich diese „Mutter aller Viertelsszenekneipen“  mit einer „schon an Starrsinn grenzender Beharrlichkeit“ in unserer Mitte halte. Übrigens auch, nachdem das Kollektiv 1998 auseinanderbrach.

Spricht man Mohsen, den sicherlich reflektiertesten ehemaligen Bingert-Kollektivisten, auf einen Zusammenhang an, der in mindestens zwei viel beachteten Publikationen  und danach sicherlich zahlreichen davon abgeleiteten Varianten viertelsspezifischer Oral history weiter getragen wird, reagiert er verärgert, fast persönlich beleidigt. Das jüngste Zitat stammt von Manual Andrack: „Häuser besetzen war das Ding der Viertler nicht, da traf man sich lieber in einer der zahlreichen Kneipen, zum Beispiel im ‚Bingert‘, und wartete auf die Weltrevolution. In diesem links-maoistisch-trotzkistisch-frauenbewegten Gasthaus saßen zwischen saarländischen Pseudo-Revolutionären  manchmal auch Berufspolitiker wie Joschka Fischer und Ottmar Schreiner, Oskar Lafontaine sowieso.“ Er wiederhole, was schon anderswo falsch zu lesen war.

Mohsen, der 1973 zum Studium aus dem Iran gekommen war und fast die gesamte Zeit des Kollektivs hinter der Theke stand, stellt klar: Das sei den Autoren von der zwischenzeitlich  alleinigen Inhaberin Marina geflüstert worden, habe aber keinerlei Relevanz für das, was das Bingert wirklich war: „Personen sind nicht das entscheidende, sondern die Debatten, Kämpfe und Visionen, in denen wir gelebt haben“. An denen waren die genannten Prominenten überhaupt nicht beteiligt, wenngleich dieser Typus Aussage das suggeriert. Schreiner sei als Juso-Vorsitzender und ASTA-Präsident öfters im Bingert gewesen: anonym und als noch kleines Licht. Lafontaine war exakt drei Mal im Bingert: einmal, als man mit Arnfried Astel nach der Verleihung eines Literaturpreises noch einen trinken ging, einmal als Tatort-Kommissar Jochen Senf nach einer Hochzeit oder ähnlichem einlud und ein weiteres Mal, als man ebenfalls genauso in ein anderes Lokal hätte gehen können. Joschka Fischer schließlich sei tatsächlich zwei bis drei Mal hier gewesen (aber auch anderswo). Mit der gelebten Diskussionskultur im Bingert hatten sie überhaupt nichts zu tun. Aber es macht sich gut, weshalb die Mär von deren Beteiligung immer weiter kolportiert wird.

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Die im Bingert stark vertretenen Spontis gründeten den Sterbeverein Saar, in Revolutionszeiten (wohlgemerkt: iranischen) bildeten sich Stammtische von Exilanten und debattierten auf hohem Niveau. Später wurde das Bingert zum Ort der Voyeur-Cup Gruppenauslosung und -Siegesfeiern (das hiesige Team hieß „Roter Stern Bingert“, ist aber nicht verwandt mit dem heutigen „Roter Stern“). Seit 2007 trifft sich hier donnerstags der Stammtisch der Bunten Liga. Nach dem Tod von Jupp übernahm Marina 2002 das zunehmend skurrile Lokal, bis dieses wiederum 2011 von Dirk Blank, dem gerne kickenden Wirt des „Fleur de bière“ übernommen wurde.

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Manchmal überkommt einen im Bingert eine angenehme Melancholie. Heute war es eher ein wenig depressiv. Schon gegen 19 Uhr – was bei mir eine kleine Endorphin-Ausschüttung bewirkte, so sehr war ich gerührt, daß wenigstens hier zuverlässig alles beim alten bleibt!

Mehr bzw. gar ziemlich viel zur Nauwieser Kaffeekneipenlandschaft

Gasthaus Bingert_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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