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Jeepneys

November 16, 2013

Als die US-amerikanischen Streitkräfte nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Philippinen nach und nach verließen, gaben sie ihre nun überflüssigen Militär-Jeeps an die einheimische Bevölkerung ab. Die Philippinos fanden in ihnen ab den 1950er-Jahren ein perfektes Transportmittel für den damals nicht existierenden öffentlichen Personen-Nahverkehr und entwickelten mit vielerlei Improvisationen ein faszinierendes Gefährt: Ingenieure wie Leonardo Sarao überdachten die Pick-up-Trucks und verlängerten sie unter anderem mittels Metallschienen und -Platten derart, dass mit den so entstandenen „Jeepneys“ (eine Neuschöpfung aus den Worten Jeep und Jitney = Sammeltaxi) bis zu 16 Passagiere transportiert werden konnten.  Gleichzeitig wurden sie kunstvoll, extrem bunt und mit viel Liebe zum Detail bemalt und verziert (zunächst vor allem mit christlichen Motiven, später eher mit coolen Namen) und mit glänzenden Kühlerhauben und Radkästen aus Chrom versehen, so dass sie wie merkwürdige Miniaturausgaben  amerikanischer Trucks erinnern. Auf gelben Streifen sind die Fahrtrouten markiert.

Hier ein offenbar sehr altes Modell, im Einsatz in Intramuros, der Altstadt von Manila:

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Was heute durch die Straßen von Manila knattert und brummt – ihre Zahl wird auf über 50.000 geschätzt – wirkt freilich, was die Karosserie angeht, schon so optimiert und ähnlich, dass eigene Jeepney-Produktionsstätten zu vermuten wären. Zwar gibt es diese – am bekanntesten ist Sarao Motors -, aber es wird in keinen großen Serien produziert, da auch unterschiedlichste Fahrzeuge als Grundmodell verwendet werden. So hat jede Garage ihre eigenen Modelle. Seit langem werden auch japanische Fahrzeuge der Marken Isuzu und Mitsubishi zu Jeepneys umgebaut. Ich glaube kaum, dass man auch bei der heutigen Generation zwei gleich aussehende Jeepneys sieht:

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Vor allem die so genannten Owner Jeeps, die kleinere Version des Jeepneys für 4-6 Passagiere zur (überwiegend-) privaten Nutzung, werden von den Besitzern im Eigenbau erstellt. Bei spezialisierten Händlern kann man vorgefertigte Teile wie die Karosserie (meist Edelstahl) sowie Rahmen kaufen. Die weiteren Teile (vom Motor über die Bremsen zu den Achsen) werden in Gebrauchtteile-Handlungen („Surplus Shops„) erworben oder von Schlachtfahrzeugen demontiert. Nicht passende Teile werden in speziellen „Machine Shops“ passend gemacht. Diese Fahrzeuge sind teilweise in sehr aufwendiger Handarbeit mit Echtholzarmaturenbrettern, Stereoanlagen mit einer Vielzahl von Lautsprechern sowie einer Batterie von einem halben Dutzend Zusatzscheinwerfern veredelt.

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Auf ihren Routen haben die Jeepneys feste Haltestellen, stoppen aber auch bei jedem, der ein Handzeichen gibt oder aus dem Inneren des Gefährts „Stop“ ruft. Jedenfalls in Manila. In Städten wie Angeles City ist das System ausgereifter, die Jeepneys haben unterschiedliche Farben, die ihre Strecke signalisieren (mehr hier).

Um das ungebremste Wachstum während der letzten Jahrzehnte einzudämmen, beschränkte die Regierung die Zulassung der Fahrzeuge. Unter anderem müssen die Fahrer eine besondere Führerscheinklasse namens „Professional Driver’s License“ besitzen, eine reguläre Strecke abfahren und angemessene Fahrpreise erheben. Ferner müssen die Besitzer an einem bestimmten Wochentag, der an der Farbe der Kennzeichen ersichtlich ist, ihr Fahrzeug in einer dafür vorgesehenen Garage parken.

Ich bin während meines einwöchigen Aufenthalts in Manila im Oktober 2013 ein paar Mal von der University of the Philippines in Quezon City westwärts in Richtung Quezon Avenue gefahren. Wenn ich die Jeepneys mit den Minibussen in der Türkei, Ägypten oder Äthiopien vergleiche, so ähnelt sich zwar das Grundprinzip – es gibt eine feste, außen angezeigte Fahrstrecke und man kann jederzeit zu- und aussteigen – aber es geht deutlich schneller voran, man sitzt sich auf zwei langen Bänken gegenüber, statt hintereinander, was die Kommunikation fördert, aber es ist offenbar auch deutlich gefährlicher. Jedenfalls nachts, heißt es: Man könne einfach beraubt oder bestohlen werden, wenn man in einen Jeepney steigt, in dem zwar schon Leute sitzen, die sich aber untereinander kennen und auf Beute warten. Ich für meinen Teil kann das nicht beurteilen.

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Es soll auf den Philippinen nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 150.000 und 5 Millionen Jeepney-Fahrer geben. Die meisten sind Scheinselbstständige, fahren also für einen Unternehmer oder müssen sich täglich neu einen Wagen zu überhöhten Preisen mieten. Sie haben in der Regel keine soziale Absicherung und ein unstetes Einkommen. Aber sie verdienen mit 6.000 bis 12.000 Pesos/ Monat vergleichsweise gut: Das ist etwa so viel wie ein durchschnittliches Beamtengehalt und mehr, als ein Verkäufer oder Fabrikarbeiter verdient, hat Niklas Reese recherchiert.

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Die Jeepneys dominieren auf vielen Routen den städtischen Verkehr, auch weil der Fahrstil der Driver sehr entschieden, klar und von der Notwendigkeit geprägt ist, während einer Schicht möglichst viele Passsagiere zu befördern, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Die Jeepney-Armada wird zunehmend negativ gesehen. Einer Studie zufolge verbraucht ein 16-sitziger Jeepney ähnlich viel Sprit wie ein Bus mit 54 Sitzen und Klimaanlage. Weil die größeren Straßen oft von Jeepneys verstopft sind, die auf der Suche nach Fahrgästen herumfahren, gibt es zunehmenden Druck, sie von den Straßen Manilas und anderer Städte zu entfernen. Erste Versuche mit Elektro-Jeepneys laufen seit 2008 (mehr dazu hier).

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

Aber gegenüber allen anderen, moderneren und energieeffizienteren Transportmöglichkeiten haben Jeepneys einen entscheidenden Vorteil: Sie sind nach den Peddycabs das bei weitem billigste Transportmittel in einer Stadt mit über 10 Millionen Armen. Und sie sind emblematische Fahrzeuge geworden, die man schon aus nostalgischen Gründen nicht einfach so abschaffen kann – wie die roten Doppeldeckerbusse in London oder die gelben Taxis von New York.

Verwendete und weiterführende Quellen: Agana, Rey/ Breininger, Lilly: Die Steilfahrt des Elektro-Jeepneys, in: Asienhaus, 01/2009; Kollenberg, Malte E.: Die bunten Jeepneys, in Merian, Oktober 2011; Reese, Niklas: Fluch der Arbeit, in: Reese, Niklas/ Werning, Rainer (Hg.): Handbuch Philippinen, 4. aktual. Auflage, Berlin, Sept. 2012, S. 95-106 (S. 99f); Roussillon, alain: Ästhetik des Alltags in Zeiten der Krise. Gebraucht und gehasst – die Jeepneys von Manila, in: Le monde diplomatique, August 1998, S. 8-9; Syed, Saira: End of the road for Jeepneys in the Philippines?, BBC News, 29 July 2013; Wikipedia-Artikel „Jeepney

Jeepneys in Manila © Ekkehart Schmidt

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