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Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila

November 14, 2013

Bei längeren Aufenthalten auf Reisen in fremden Städten versuche ich mir immer eine kleine Heimat zu schaffen: Bei einem ersten Spaziergang rund um mein Hotel schaue ich, wo ich gemütlich einen Kaffee trinken, etwas essen und einkaufen kann. Habe ich etwas gefunden, bleibe ich gerne dabei und werde für mehrere Tage Stammkunde. Am schönsten ist es, wenn ich wiedererkannt, freundlich begrüßt werde und das Gefühl bekomme, in diesem einen Viertel angekommen zu sein, meine Anonymität gegen ein Stück Vertrautheit einzutauschen. Seitdem ich blogge statt Tagebuch zu schreiben, schaue ich bei den zur Wahl stehenden Cafés und Restaurants auch, ob die Lokale eine Story bieten könnten.

Manila, Stadtteil Quezon City im Oktober also: Die Mellan Canteen, meine erste Karinderia, wie die kleinen billigen Garküchen auf den Philippinen heißen, war nach dem ersten Besuch immer geschlossen. Also ging ich auf die andere Seite der Scout Tobias Straße in ein urig-höhlig und very local wirkendes Geviert, schaute mich um bei den Gärküchen und probierte eine Garküche im hinteren Eck, die mich durch seine bunte Vitrine anzog. Und kam dann fünf Abende nacheinander immer wieder.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Am ersten Abend war ich für die dort anwesenden drei Frauen die Sensation des Monats: Ein Westler in ihrer Karinderia, der erste überhaupt oder so (verstand ich). Am ersten Abend hatte die etwa 50jährige Inhaberin Leti, ihre Tochter und deren schwangere Tochter zu Besuch: vier Generationen. Danach traf ich sie nur noch alleine an, bzw. mit zwei Mädchen und einem Jungen, die dort ihre Zeit verbrachten. Viel los war am frühen Abend nicht. Am dritten Abend kam ich später, als das Lokal sich schon  – wie offenbar immer nach den üblichen Abendessenszeiten für die Arbeiter der Gegend – in eine Karaoke-Bar verwandelt hatte.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Ein junges Mädchen setzte sich gleich zu mir und wir unterhielten uns zwar nett auf Englisch, aber es fiel auf, das Leti und die anderen uns augenscheinlich sehr bedacht alleine liessen. Sie behauptete, 19 zu sein und nicht mehr zur Schule zu gehen, weil sie zum Einkommen der Familie beitragen muss: Der Vater verdiene als Bauarbeiter nicht genug für die neunköpfige Familie. Sie fragte, ob ich verheiratet sei – worauf es einfacher war, ja zu sagen, statt deutsche Patchworksituationen zu erklären. Aber ich wollte das Signal geben, dass ich nicht an dem interessiert bin, was sie vielleicht anbietet. Ob sie gezwungen sei, ab und zu mit Männern zu gehen? Naja, antwortete sie etwas unbestimmt, sie tue es für Gottes Lohn.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Ich kann nicht beurteilen, welche verborgenen Angebote es hier gibt, war aber froh, beim nächsten Abend eine Mutter mit ihrer Tochter zu beobachten, wie sie sich für 5 Pesos ein kurzes Karaoke-Vergnügen vor dem riesigen Flachbildschirm gönnten.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leider war Leti’s Englisch zu schlecht, um mehr über ihr Lokal in Erfahrung zu bringen, aber ich versprach ihr, beim nächsten Aufenthalt auf den Philippinen wieder bei ihr vorbei zu schauen.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

Karaoke-Bars scheint es in Ostasien noch immer überraschend viele zu geben. Auch in Hotels. Die anlagen bieten manchmal bis zu 100.000 Titel. Es gibt auch schlichte Karaoke Boxen –  Räume die nur zum Karaoke-Singen eingerichtet wurden. Die Philippinos lieben es offenbar zu singen, Karaoke findet man an jeder Strassenecke.Man kann auch Karaoke-Maschinen für Privatparties mieten. Es gibt aber auch Berichte über wütende Gegenreaktionen von Nachbarn, die sich vom Lärm gestört fühlten. Offenbar scheint besonders der Song „My way“ beliebt zu sein – und Nachbarn zur Weißglut zu treiben. Jedenfalls hat es wohl schon ein halbes Dutzend Tote gegeben, weshalb die Medien schon über das Phänomen der „My Way killings“ schrieben und einige Bars den Song aus dem Repertoire genommen haben.

Manche dieser Orte sind Anlaufpunkte für Prostituierte. Mit etwas Zeitabstand glaube ich aber, dass Leti einfach einfach nur versucht, später am Abend zusätzliche Kunden anzuziehen. Es gibt dann auch Alkohol. Sie muss ja irgendwie überleben.

Leti Karinderia & Karaoke Bar_Manila © Ekkehart Schmidt

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