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Moscheeneubauten im Iran

September 22, 2013

Nach 30 Jahren Reiseerfahrungen in der muslimischen Welt Nordafrikas und Vorderasiens hat sich mir nach drei Reisen durch die einzige islamische Theokratie der Region ein Widerspruch stark erstaunt: Anders als in Marokko, Ägypten oder der Türkei, finden sich ausgerechnet im Iran kaum Neubauten von Moscheen. Während in der Türkei seit gut 20 Jahren in jedem Dorf mehrere neue und meist große Moscheebauten errichtet wurden und in Marokko und Ägypten sowieso schon jeder Ort über mehrere im 20. Jahrhundert neu errichtete Gebetshäuser verfügt, sind die Silhuetten von Minaretten im Iran ein seltener Anblick geblieben.

Während die Regierungen in erstgenannten sunnitischen Ländern seit den 1920er-Jahren eher islamfeindlich eingestellt waren und der Neubau von Moscheen daher eher beunruhigend reaktionär wirkte, hätte man im Iran, wo immerhin seit 35 Jahren der schiitische Klerus regiert, erwarten können, dass dies im Stadtbild entsprechend sichtbar wird. Dem ist jedoch keineswegs so.

Ob es am Schiismus liegt, jener Abspaltung vom Mehrheitsglauben, die durch die Frage nach der legitimen Nachfolge des Propheten entstand, kann ich nicht beantworten. Jedenfalls finden sich in iranischen Dörfern wie in Städten kaum Moscheen, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden wären. Und wenn dann in einem Neubaugebiet eine errichtet wird, fühlen sich die meisten Bewohner aufdringlich bedrängt. Alles ist relativ: In den meisten muslimischen Ländern, die von weltlichen Herrschern regiert werden, würden in Neubaugebieten mehrere Moscheen errichtet werden.

Aufgefallen ist mir dies erst richtig im März diesen Jahres im Bergoasendorf Sirch östlich von Kerman an der Straße in die Wüste Dascht-e Lut. Die einzige Moschee des Dorfes gab ein doch arg jämmerliches Bild ab:

Moschee in Sirch/ Kerman, Iran © Ekkehart Schmidt

Moschee in Sirch/ Kerman, Iran © Ekkehart Schmidt

Ganz anders die Situation in Teheran, zum Beispiel im wohlhabenden Norden am Tajrish Markt: Hier ist in den vergangenen Jahren eine riesige neue, aber auf alt getrimmte Moschee erbaut worden, für die ein Teil des uralten Dorfbasars abgerissen wurde. Links erkennbar die Abbruchkante:

Neue Moschee am Tajrish/ Teheran, Iran © Ekkehart Schmidt

Neue Moschee am Tajrish/ Teheran, Iran © Ekkehart Schmidt

Die Frage, warum ausgerechnet im Iran – trotz einer Vielzahl wunderbarer Moscheebauten des 17. bis 19. Jahrhunderts – heute kaum noch ein bemerkenswerter Neubau entsteht, erscheint ähnlich signifikant für die Religiösität der Bevölkerung und die Akzeptanz der Regierung, wie für deren ökonomische Leistungsfähigkeit. Daher lohnt eine Recherche zu Antworten, die ich von Sirch ausgehend gerne unternehme.

Eine erste Antwort ist, dass es in schiitisch geprägten Regionen neben Moscheen noch einen zweiten, äusserlich leicht zu verwechselnde, Typus religiöser Bauten gibt: die Imamzadehs. Es handelt sich um Grab- bzw. Schreinbauten für schiitische Imame, die ihre Herkunft direkt auf den Propheten Mohammed zurückführen können. Diese Schreine werden lediglich für die Nachfahren von Imamen errichtet, nicht für die Imame selbst. Sie dienen Schiiten als Zentren für Pilgerfahrten und die Andacht. Meistens wird ihnen eine wunderheilende Wirkung zugesprochen. Es scheint im Iran in den letzten Jahren eher zum Bau neuer Immamzadehs, denn von Moscheen gekommen zu sein.

Fotos © Ekkehart Schmidt

From → Iran

2 Kommentare
  1. Pirouz Kas permalink

    Ich denke es werden keine Moscheen mehr gebaut, weil diese leer bleiben würden.
    Iraner sind anti-islamischer denn je seit Khomeini uns den wahren Islam gezeigt hat.

Trackbacks & Pingbacks

  1. Stabiles Gleichgewicht. Der Iran von innen | akihart

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