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Häuser als Lüftungsschächte

September 9, 2013

Während meines Austauschschuljahrs 1980/81 in Saint Germain-en-Laye war ich sehr dankbar für die RER-Verbindung nach Paris. RER steht für Réseau Express Régional, also die S-Bahn französischer Metropolen. Der gerade erst 1977 errichtete unterirdische Schnellzug brachte mich aus der Banlieu in einer halben Stunde dahin, wo die Musik spielte. Damals gab es meine RER A und die RER B, eine West-Ost- und eine Nord-Süd-Verbindung. Später entstanden eine C-, D- und E-Verbindung: Eine von der Metro und den Fernverkehrszügen unabhängiges Netz an Tunneln ist unter den Stadtkörper gesetzt worden. Das ist nirgends in der Innenstadt sichtbar, außer an sehr wenigen Stellen. So waren Lüftungsschächte einzubauen, für die nirgends Platz war. Zwischen den Bahnhöfen Gare du Nord und Gare de l’Est zum Beispiel, in extrem dichter denkmalgeschützter Bausubstanz:

RER-Lüftungsschacht am Gare du Nord © Ekkehart Schmidt

Aber man fand einen unauffälligen Raum. In zwei Gebäuden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die von der Stadt aufgekauft und entkernt wurden, um Lüftungsschächte für die RER B nach oben zu treiben. Zum einen 6 mal 7 m breit in einem nach 1850 errichteten Haus in der rue La Fayette, Hausnummer 145. Dieser gigantische Schacht verbirgt sich seit 1980 hinter einer echt falschen Fassade. Als wir letzten Samstag dort vorbei schauten, nachdem in der Zeitung „Le Parisien“ darüber berichtet wurde, waren wir nicht die einzigen, die das staunend nachprüfen wollten. Und ja: Man erkennt es nur, wenn man es weiß, weil die Fassade schon ziemlich angegriffen verdreckt wirkt und kein echter Eingang mehr da ist. Eine Pforte ohne Klingeln und Klinke. Das übersieht man schnell. Zumal beide Schächte offenbar weder Staub noch Lärm produzieren. Eine große Überraschung sogar für Anwohner nahebei, so jedenfalls „Le Parisien“.

RER-Lüftungsschacht am Gare du Nord © Ekkehart Schmidt

RER-Lüftungsschacht am Gare du Nord © Ekkehart Schmidt

RER-Lüftungsschacht am Gare du Nord © Ekkehart Schmidt

RER-Lüftungsschacht am Gare du Nord © Ekkehart Schmidt

Im Jahr 1988 hat der italienische Autor Umberto Eco das hier dokumentierte Haus in seinem Roman „Das Foucault’sche Pendel“ erwähnt. Und die Straße findet bei Proust, Zola und Balsac in der Literatur Erwähnung, heißt es. Neben diesem „trompe d’oeil“ gibt es mindestens noch drei weitere solcher getarnter Ablufthäuser in Paris, das erste etwas weiter nördlich in der rue du Faubourg St. Denis 174 (RER-Station Magenta), ein anderes in der rue d’Aboukir 44, eins in der rue de l’Aqueduc 3 (allerdings nur im Erdgeschoss) und schliesslich noch ein anderes in der rue Auber, um den herum jedoch ein Neubau errichtet wurde, der in geringem Umfang zur Strasse hin auch Büroräume bietet.

Auf Google Maps kann man sich die Schächte von oben anschauen: rue La Fayette findet sich bei 48.879178,2.356159, rue du Faubourg St. Denis bei 48.879963,2.357557 und rue Auber bei 48.872436,2.329878. Neben RER-Lüftungsschächten gibt es in Pars freilich noch andere – meist denkmalgeschützte –  Fassaden, hinter denen sich ganz andere Dinge verbergen, als es den Anschein hat, Stromtransformatoren oder große Serveranlagen zum Beispiel (eine Liste findet sich bei Wikipedia).

Natürlich beschränkt sich das Phänomen nicht auf Paris. Ähnlich getarnte Lüftungsschächte gibt es unter anderem in der Joralemon Street in New York sowie in der Straße Leinster Gardens in London. In Frankfurt/ Main fand ich am Messetrurm Litfasssäulen als U-Bahn-Lüftungsschächte:

Getarnte Lüftungsschächte (c) Ekkehart Schmidt

Getarnte Lüftungsschächte (c) Ekkehart Schmidt

Quellen: Artikel in „Le Parisien“, Erläuterung im frz. Wikipedia

Mehr zur RER in Paris

Fotos © Ekkehart Schmidt

One Comment
  1. mullskye permalink

    Sehr geehrter Herr,

    vielen Dank für Ihre immer neuen, lesenswerten Beiträge. Es ist mir stets eine Freude …

    Bezüglich des Themas vielen mir die „Fake-Houses“ im Londoner Stadtteil Bayswater ein, welche ich vor einigen Jahren auch selbst aufgesucht hatte.

    Ein paar gute Bilder im web dazu findet man hier:

    http://www.urban75.org/blog/the-fake-houses-at-23-and-24-leinster-gardens-bayswater-london-w2/

    Viele Grüße aus Dresden

    S. Mucke

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