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Tepe Kenar Sandal bei Jiroft

August 24, 2013

Behrang aus Kerman macht gerne, dann aber oft latent wütend und genervt, Scherze über die Leute aus Jiroft. Wenn sich jemand etwa beim Autofahren ungeschickt anstellt, zögerlich abbiegt oder in zu hohem Tempo in die Kurve fährt, findet er das typisch für „diese Bauern“. Jiroft, etwa 230 km südlich von Kerman, durch massive Gebirgszüge getrennt, gilt durch sein subtropisches Klima und die Obst- und Gemüseproduktion als „Klein-Indien“. Behrang und andere iranische Bildungsbürger schauen aber auf sie herab. Dazu haben sie keinen Anlass, wie eine echte archäologische Sensation beweist, die außerhalb von Fachkreisen bislang keine Aufmerksamkeit gefunden hat.

Im März 2013 haben wir eine Führerin engagiert und sind per Pkw  entsprechend neugierig von Kerman durch die Berge nach Jiroft und weiter südwärts zu dem Ort im Tal des Halilrud gefahren, an dem 2001 zufällig eine bislang unbekannte völlig eigenständige prähistorische Kultur entdeckt wurde, über die 2009 erstmals wissenschaftlich geforscht wurde: Eine möglicherweise ganz eigene Zivilisation aus der Bronzezeit oder dem Neolithikum, aber beeinflusst von mesopotamischen Frühkulturen, wie vor allem ein Zikkurat beweist, den wir uns als Ziel nahmen – den Tepe Kenar Sandal.

Jiroft © Ekkehart Schmidt

Jiroft © Ekkehart Schmidt

Ehe es von Jiroft weiter ging, brauchten wir dringend ein Eis.

Jiroft © Ekkehart Schmidt

Nach gut 30 km durch eine von Intensivlandwirtschaft mit Dattelpalmen und Gewächshauskulturen geprägte Ebene erschien am Horizont – einer Fata Morgana gleich – ein ockerfarbener Bau: Das mußte der Zikkurat sein, eine Stufenpyramide, die es sonst nur über 1000 km weiter westlich in Mesopotamien gibt (und in Ägypten und Mexiko). Schwer vorstellbar, dass ein solch imposanter Bau bislang unentdeckt geblieben sein soll. Jedenfalls in seiner Bedeutung: Es heißt, er sei möglicherweise älter als alle mesopotamischen Zikkurate!

Jiroft © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Aber tatsächlich: Erst nachdem es 2001 auffällig wurde, dass Hundertschaften an Dorfbewohnern begonnen hatten, prähistorische Grabstätten zu plündern und eine ganze Lastwagenladung wertvollster Artefakte bei einer Kontrolle auffiel, wurden Behörden auf diesen Fundort aufmerksam. Bei einer Überschwemmung eines Friedhofs hatte ein Bauer einen wertvollen Fund gemacht –  eine freigeschwemmte kostbare Grabbeigabe – und damit einen Run ausgelöst. Erst dadurch wurde der Stufentempel „entdeckt“. Das 21 m hohe Heiligtum wurde aus Lehmziegeln von 2 x 30 x 60 cm errichtet und lag im Inneren einer Stadtanlage

Da auch 4 Keilschrifttafeln gefunden wurden, deren Alter auf 3000 – 2800 v. Chr. geschätzt wird und die Ähnlichkeiten mit der sumerischen Keilschrift aufweisen, gehen manche Forscher davon aus, dass es sich um das sagenhafte Aratta handelt, das man bisher nur aus Nennungen auf anderen Keilschrifttafeln kannte, das aber nie lokalisiert werden konnte. Möglicherweise handelt es sich gar um eine der ältesten orientalischen Städte überhaupt. Der Tepe war übersät mit Tonscherben. Auch eine 2 m hohe Figur, halb Mensch, halb Gottheit wurde bei kurzen Versuchsgrabungen gefunden. Die Artefakte in einem Museum in Kerman  stammen jedoch offenbar hauptsächlich aus den Plünderungen.

Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Im Internet finden sich nur drei seriöse Quellen zu dem Thema. In einem populärwissenschaftlichen Text heißt es:

Jiroft was discovered (or rather re-discovered since the area of Kerman has been investigated already in 1930) in 2001 when a local peasant found an ancient artifact floating on the water. Next day thousands of villagers with picks and shovels began digging an ancient cemetery. Within 9 months 10,000 holes were dug illegally. Within 15 days a hectare of an ancient site was destroyed by villagers in search of treasures. What they left behind was a maze of holes, broken pottery, and broken hearts of archaeologists who eventually learned about this discovery. It is reported that a single grave contained up to 60 objects. Known cemeteries which have been robbed are Rig Angar, Ala-edini, Kenar Sandal, Mahtoutabad, and Nazmabad. All – between 28 to 53 kilometers south of Jiroft. Hundreds if not thousands artifacts have been stolen, mostly stone vases and other objects carved from steatite as well as bronze and marble objects. They were inlaid with precious and semi-precious stones and such metals as silver and gold. The recovered Jiroft artifacts have been published and republished by numerous Iranian sources (brochures, websites, etc.). The most complete illustrative material can be found in “Jiroft. The Earliest Oriental Civilization,” by Dr. Yousef Madjidzadeh (2003) who is a chief archaeologist on the Jiroft project. The demand for Jiroft objects is so high that it created yet another industry: production of the Jiroft fakes. No longer anyone knows what is real, what is not.“ (Quelle: Ewa’s Iran)

Tepe Kenar Sandal © Ekkehart Schmidt

Für uns war es faszinierend, einen mit Blick auf die Menschheitsentwicklung so wichtigen fast unvorstellbar alten Ort in solch unspektakulär gegenwärtigem Setting zu erleben. Vom Zikkurat ging es abends weiter in ein Dorf zwangsangesiedelter Nomaden, bei denen wir durch die Kontakte unserer Führerin übernachten konnten. So wurde es dann doch vorstellbar: Dieser epochemachende Sprung der Menschheit vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit…

Jiroft, Qale Shirazi © Ekkehart Schmidt

Jiroft, Qale Shirazi © Ekkehart Schmidt

Mit Behrang habe ich nach dieser Tour leider nicht mehr sprechen können. Ich hätte sein Weltbild als moderner Städter, der zwar sehr gut, fast archaisch gut Tschello Kebab bereiten kann, ansonsten aber als Universitätsdozent für Informatik arbeitet, gerne ein wenig korrigiert. Stattdessen haben wir Melonen gekauft und  einen Sack Orangen mitgebracht, den uns die Beduinen geschenkt haben. Jiroft? Das bleibt im Iran weiterhin ein Synonym für tölpelige und kaum zivilisierte Bauern. Wie die Bergheimer für die Kölner…

Nachtrag vom 20. August 2017: Heute ging in Bonn eine Ausstellung zu frühen Kulturen im Iran zu Ende, die ich vorletzte Woche besucht habe. Es war faszinierend, dort in einer eigenen Abteilung Fundstücke von hier zu sehen, die mich ob ihrer Schönheit sehr überraschten. Ich lernte, dass das Tal des Halilrud, der eine etwa 400 km lange Schwemmlandebene bewässert, in der Bronzezeit dicht besiedelt war. Die Bedeutung des Tals wurde erstmals vor beinahe 100 Jahren erkannt, systematische Ausgrabungen begannen jedoch – wie oben erwähnt – erst 2001 nach der Plünderung der Nekropolen. Unter der Leitung des iranischen Archäologen Youssef Madjidzadeh fanden sechs Grabungen statt, die den kulturellen Kontext für die zuvor von der Polizei beschlagnahmten Grabbeigaben lieferten. Es handelte sich um ein großes urbanes Zentrum mit umfangreicher handwerklicher Produktion: Herstellung von Keramik, Gerät aus Kupferlegierungen und Bearbeitung von Halbedelsteinen.

Zu den besonders charakteristischen Grabbeigaben gehören viele, sehr unterschiedlich aus nahebei abgebauten Chlorit bzw. Steatit (Speckstein) geschnitzte Steingefäße. Die geschnitzten Flachreliefs auf meinen Fotos von der Ausstellung zeigen lebhafte Szenen mit wilden, in Kämpfe verwickelten Tieren, vor allem Schlangen und Leoparden, Skorpionen, Ziegen und Stiere sowie Dattelpalmen. Viele Werkstätten bedienten sie im Tal herrschende große Nachfrage nach diesen symbolischen Objekten, die ein erfolgreiches Überwechseln ins Jenseits begleiteten.

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Die Hinterlassenschaften der Halilrud-Kultur besteht vor Ort übrigens weiterhin nur in Form von in der Landschaft sichtbaren Hügeln , die sich an Flüssen aufreihen und archäologisch noch kaum erforscht sind. Insofern waren die verheerenden Überschwemmungen von 2001 ein Glücksfall für die Archäologie.

Tepe Kenar Sandal bei Jiroft © Ekkehart Schmidt

Genaue Lokalisierung über Google-Maps: 28.449862,57.778912

Benutzte Quellen: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste, Bonn 2017, S. 74 f; Niemann, Hartmut/ Paul, Ludwig: Iran, Reise Know-How, Bielefeld, 3. Aufl. 2012, S. 596; Roaf, Michael: Bildatlas der Weltkulturen. Mesopotamien, München 1998; Überblick über Ausgrabungen zur „Jiroft-Kultur“; Bericht zu den Ausgrabungen in Qaleh Kutchek 2009

From → Iran

4 Kommentare
  1. Ich habe diesen Artikel mit Vergnügen gelesen.
    Er führt aber auch vor Augen, wie viele großartige Dinge Desinteresse, kleinkariertem Denken und Machtgier zum Opfer fielen und fallen. Die hochgelobte Wissenschaft ist oftmals der größte Feind des menschlichen Strebens nach Wissen …

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