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Gizeh-Blättchen

August 11, 2013

Sie tragen merkwürdige Namen: OCB, Rizla, JOB, Mascotte, Marie, Efka, Zig-Zag, RAW, Nelson oder Gizeh. Es gibt in Mitteleuropa ein halbes Dutzend Hersteller von Rauchzubehör, die sich einen Namen gemacht haben und sich jahrzehntelang am Markt halten konnten, wenngleich ihr Produkt so denkbar schlicht zu sein scheint, dass sich eigentlich – wie bei Windeln oder Papiertaschentüchern – eine Marke hätte durchsetzen müssen. Sieht man einmal von Billigherstellern ab, die man bei Discountern wie Aldi erhält, leben die Hersteller von Blättchen zum Zigarettendrehen, von Eindrehfiltern, Zigarettenhüllen, Rollern oder Stopfmaschinen offenbar davon, ein bestimmtes, jeweils anderes Image zu transportieren.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie das bei mir damals war, als ich anfing zu rauchen und also aus Kostengründen nach einer Weile auch begann, mir Zigaretten selbst zu drehen. Es war natürlich immer cooler, sich nicht einfach eine Schachtel fertiger Zigaretten zu kaufen, sondern sie selber herzustellen. Und es half, sich nicht gedankenlos und automatisch schnell eine anzuzünden, wenn sich die Situation ergab, sondern sich bewusst zu sagen: Jetzt mag ich eine rauchen (und mir die Mühe machen, sie zu drehen oder zu stopfen).

Bei den Zigarettenmarken hatte ich in der späten Jugend mit Tramp-Reisen in Richtung Orient und naturnahem Freizeitverhalten (Lagerfeuer am See) eine klare Präferenz für Camel oder Chesterfield. Als ich dann gedreht habe, fiel die Wahl zwischen Drum und Javaanse Jongens ebenfalls nicht schwer. Drum-Raucher brauchten starken Tobak und waren eher schlecht drauf. Die orangene Verpackung von Javaanse Jongens war in meiner Wahrnehmung dagegen spielerisch, eher romantisch, von schönem Design – und dennoch von ähnlich rebellischer Anmutung. Und die Blättchen?

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Marketingmethodisch betrachtet gibt es laut OCB-homepage zwei Märkte: „Roll Your Own“ (RYO) und „ Make Your Own“ (MYO). Ich war zuerst ein RYOler, dann etwa ab 1988 MYOler. Die MYO-Phase endete übrigens in meiner allerersten Arbeitswoche beim allerersten Arbeitgeber, nachdem ich (damals durfte man noch in Büros rauchen) durch herunterfallende glimmende Tabakstückchen dem modernen brandneuen und sehr teuren Designerstuhl Brandlöcher hinzufügte. Was dem Chef prompt auffiel… Das Stopfmaschinchen von damals besitze ich aber noch heute. Jedenfalls habe ich als RYOler wie als MYOler immer Gizeh-Produkte gekauft.

Der Weltmarktführer in der Zigarettenblättchenbranche, die französische Marke Rizla (von Riz Lacroix, nach dem Namen des Erfinders Alexandro Rizlette de Cramptone Lacroix) hat eine unglaublich lange Historie, die 1532 beginnt (mehr dazu hier). In meiner Erfahrungswelt vom Bergisch Gladbach der frühen 1980er-Jahre, war Rizla allerdings die Marke der Kiffer. Denn von Rizla gab es auch die „Longpaper“, von denen ich mich immer fragte, ob sie eigentlich legal waren, sind sie doch länger und oft auch breiter als gewöhnliches Zigarettenpapier – weil deren Hauptverwendung das Drehen von Joints ist. OCB wirkte so ähnlich. Gizeh dagegen hatte so etwas nicht im Angebot, war mir jedoch wegen der orangenen Verpackung mit Pyramide und Sphinx sofort sympathisch. Jahre vor meinem ersten Kairo-Besuch. Es gibt da halt diese Assoziation von Tabak zum Orient, der früher im Marketing der Hersteller viel stärker hervor gehoben wurde, als heute, für die ich immer viel empfänglicher war, als für die Cowboywelt.

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Gizeh also. Ich recherchiere: Gizeh Verpackungen ist eine international tätige deutsche Unternehmensgruppe die vor allem Kunststoffverpackungen entwirft, fertigt und dekoriert. Das Unternehmen aus Bergneustadt beschäftigt etwa 560 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 100 Millionen Euro. Seinen Ursprung hat Gizeh beim Spezialpapierhersteller Schoeller & Hoesch, der 1904 mit der Produktion von Seiden- und Zigarettenpapier begann. Mit der Gründung der Gizeh Zigarettenpapier-Verarbeitungs-Gesellschaft 1920 lagerte Schoeller & Hoesch die Sparte Zigarettenpapierherstellung aus dem Unternehmen aus. Produziert wurde zunächst in Köln. Die Bombenangriffe während des 2. Weltkrieges zwangen jedoch zur Verlagerung der Produktion an weniger gefährdete Standorte. Einer der Ausweichstandorte wurde deshalb das im Bergischen Land gelegene Bergneustadt. Nach der völligen Zerstörung des Kölner Hauptwerks 1944 wurde dieser Standort stark ausgebaut und bald zum Hauptsitz. Das Unternehmen produzierte neben Raucherbedarf auch Verpackungen für die Milchindustrie, Lochkarten, EDV-Papiere und Parktickets.

Wie genau die Marke entwickelt wurde und weshalb Pyramide und Sphinx als Logo gewählt wurden, weiß selbst der heutige Geschäftsführer nicht mehr, da im zweiten Weltkrieg die firmeneigenen Archive zerstört wurden. Es ist aber kein Zufall, dass sich die Logos der Firma Gizeh und das der Zigarettenmarke Camel sich sehr ähneln und einen so starken Wiedererkennungswert haben: „Vor dem Krieg waren die Orient-Tabake der Standard, nach dem Krieg kamen die American Blends auf“, sagte Hinz der Oberbergischen Volkszeitung. Damals wurde das Rauchen mit dem Orient assoziiert. Die Idee, 1920 die Produktion von Zigarettenpapier zu beginnen, stammte jedoch aus dem Ersten Weltkrieg. „Die Marke stammt mindestens von 1916“, weiß Hinz. An der Front seien Zigaretten gedreht worden. Und das Papier dazu stammte vom Feind – aus Frankreich. „Das Irre ist, dass die verfeindeten Soldaten in den Feuerpausen gemeinsam rauchten und die Deutschen von ihren Feinden das Drehen lernten“, sagt Hinz.

Jedenfalls entstand schon kurz nach Kriegsende die Marke DCP (Deutsches Cigarettenpapier), zunächst als Geschäftszweig eines Herstellers von Feinstpapieren, der diesen neuen Markt erobern wollte. Auch die sonnig-gelbe Farbe der Marke gab es schon früh. „Ich habe Verpackungen aus den 30er Jahren ersteigern können, die schon diese Farbe haben“, berichtet Hinz. Wie genau sich die Marke entwickelte, wie viel in den Jahrzehnten danach selbst gedreht wurde und ob die Nachfrage ab den späten 1960er-Jahren stieg, habe ich nicht herausfinden können. Jedenfalls wurde 1997 aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten die Sparte Raucherbedarf (heute Gizeh Raucherbedarf in Gummersbach) aus der Firma ausgegliedert und an die niederländische Unternehmensgruppe Mignot & De Block verkauft.

Gummersbach und Bergneustadt im Oberbergischen waren für mich quasi Heimat. Merkwürdiger Zufall, dass ich Mitte der 1980er-Jahre beim täglichen Drehen auf die Sphinx kam und natürlich dann auch mal dahin reisen wollte. 1988 endlich war es so weit: Die kleinen und großen ägyptischen Jungs waren völlig hin und weg, einen scheinbar reichen Chawaga (zu dt.: Ausländer) dabei zu beobachten, wie er sich selbst per rotem Stopfmaschinchen seine Zigaretten produziert, obwohl er sich doch eigentlich die teuren Weltmarken leisten könnte. Während eines wenig später folgenden achtmonatigen Kairo-Aufenthaltes habe ich das allerdings nicht weiter ausleben können, weil man nirgendwo in Kairo Zigarettentabak bekommt und Chawagas mit Tabaksbeutel unterstellt wird, sie würden Marihuana rauchen. In den frühen 1990ern hatte ich aber noch manch Aufsehen erregenden Auftritt zwischen Heliopolis und Memphis. Natürlich auch in Gizeh. Wo man von dieser Marke übrigens noch nie etwas gehört hat.

Die Hülsen, die ich benutzte waren von Efka, einer ebenfalls 1920 in Deutschland, allerdings in Trossingen/ Baden-Württemberg  entstandenen Marke. Die Verpackung zierten ebenfalls Pyramiden und Sphinx, dazu Kamele und Palmen. Die Efka-Werke wurden von Fritz Kiehn, dessen Initialen F und K dem Unternehmen seinen Namen gaben, und dessen Frau Berta als Zigarettenpapier-Fabrik gegründet. In den 1970er- und 1980er-Jahren etablierte sich Efka als Weltmarktführer für Hülsen und Zigarettenstopfer. Noch so eine Geschichte…

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Artikel nachgedruckt in: Papyrus Magazin. Die Zeitschrift für alle Deutschsprachigen in Ägypten, 34. Jg., Heft, 1 September-Oktober 2013, S. 47-49

Quellen: des 1. Fotos: Museum für Zigarettenpapier, des 2. Fotos Smokersnews, des 3. und 4. Fotos: Militärische Antiquitäten Emig. Zitierte Quelle: kho: Gizeh-Zigarettenpapier. Eine Pyramide erobert die Welt, Kölner Stadt-Anzeiger und Oberbergische Volkszeitung, 28.07.2010; Mehr zu Zigarettenpapier: Wikipedia-Artikel, Wikipedia-Artikel zu den Firmen Gizeh Verpackungen, Gizeh Rauchbedarf und Efka.

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