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Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen

August 9, 2013

Im November 2010 ist mir ein schmales Büchlein von 60 Seiten in die Augen gefallen, weil es einen detaillierten Ausschnitt eines Stadtplans auf dem Titel hatte – etwas, das ich sofort wahrnehme. Ähnlich ging es mir einmal mit einem Buch von Enzensberger, das eine Collage von Ausschnitten einer Europakarte zierte. Ersteres habe ich sofort erstanden und in einem Zug durchgelesen, etwas neidisch, dass ich die zugrundeliegende Idee nicht selber hatte, wenngleich ich sie in Kairo und nicht in Paris umgesetzt hätte: Versuch einen Platz in Paris zu erfassen von Georges Perec, einem Autor, von dem ich noch nie gehört hatte, von dem ich aber ein Jahr später begeistert von einem Freund erzählt bekam, der im Café Ubu Roi gerade sein Hauptwerk Das Leben Gebrauchsanweisung las. Ersteres erschien 1975 unter dem Titel Tentative d’epuisement d’un Lieu parisien bei Christian Bourgois in Paris 1975, wurde aber erst 2010 in deutscher Übersetzung beim Verlag Libelle in Konstanz veröffentlicht. Ich war gerade am Beginn meines Kaffeehaus-Trips. Atmospärische Zeichnungen von Kaffeetrinkern, noch nicht detailversessen Authentisches fotografierend. Und hier war einer, der ebenfalls beobachtete, dann aber schrieb, was ihm von drei wechselnden Cafés aus an unterschiedlichen Tagen unter die Augen kam! An der Place Saint Sulpice im Quartier Latin. Mit einer ganz einfachen Grundidee: Es gibt dort viele Gebäude, von der Kirche über den Brunnen bis zu einem Bestattungsunternehmen und einem Kino, von denen ein Großteil schon „beschrieben, inventarisiert, fotografiert, erzählt oder zahlenmäßig erfasst“ worden sind. Seine Absicht war es eher, „das Übrige zu schildern: das, was man im Allgemeinen nicht notiert, das, was nicht bemerkt wird, was keine Bedeutung hat, was passiert, wenn nichts passiert außer Zeit, Menschen, Autos und Wolken“, schrieb Perec in der Einleitung. Klar war, dass ich beim nächsten Paris-Besuch vorbei schaue. Zwei Mal in 2012 klappte das zeitlich doch nicht, dann aber am 8. Juli diesen Jahres, wenn auch nur Zeit von 17 Uhr 52 bis 18 Uhr 17. Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Ich hatte mir die drei Lokale aufgeschrieben, von denen aus Perec in sehr eigener experimenteller Weise beobachtet hatte: Der Tabac Saint Sulpice, das Café de la Mairie und ein Café namens Fontaine Saint Sulpice. Fand den Zettel dann aber nicht mehr. Vor Ort zeigte sich mir ein völlig anderer als der 1974 beschriebene Platz: Kein unbedeutender Platz am Rande, sondern einer, der mittlerweile eine Niederlassung von Yves Saint Laurent, andere Edelgeschäfte und eine deutliche Dominanz wohlhabender Passanten und Touristen aufwies. Aber nur noch ein Café. Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Perec war ein Vertreter der Oulipo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle, dtsch: „Werkstatt für Potentielle Literatur“), Autoren, die ihren Texten freiwillig Beschränkungen auferlegen. Er nennt hier jeweils Uhrzeit, Ort, Wetter und notiert dann stakkatohaft alles, was passiert, zum Beispiel am 18. Oktober 1974 um 12 Uhr 40 im Café de la Mairie: wie die Leute ihre Einkaufsroller ziehen, in welchem Grad der Entschlossenheit die Menschen bummeln, irren oder gehen, welcher Bus vorbeifährt und was der Lieferant im weißen Kittel aus seinem Renault holt. Ist genau das vielleicht das Geniale an Perecs gründlich umgesetzter Idee: Dass man fast 40 Jahre später wieder vor vielfach beschriebenen Gebäuden steht, aber mit völlig anderem Übrigem, das man im Allgemeinen nicht notiert, das zu sehr unerheblicher Alltag zu sein scheint? Denn natürlich hat dieses lebendig-alltägliche in dem Sinne vielleicht viel stärker Bedeutung, als im Gegensatz zur unveränderten, gewissermaßen eingefrorenen Fassade von Kirche und Brunnen in der Beobachtung von Menschen und Verkehr unendlich viel an sozioökonomischem Wandel, Gentrifizierung, Mode und Zeitgeist erkennbar wird. Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Ich bin in 25 Minuten durch eine Schule der Wahrnehmung gegangen. Natürlich nicht mit der Zeit, den Platz so erschöpfend zu beobachten, wie es Perec an drei aufeinander folgenden Tagen tat. Aber da war der alte Mann, der über den Platz schlurfte, das Mädchen, das auf seinem Tretroller Runde um Runde die Fontaine umkurvte. Und der Junge, der zu seiner schwarzhaarigen Mutter am Brunnenrand lief. Scheinbar. Aber ich stellte zufällig fest: Seine Mutter ist doch die blonde mit den Sandalen, die vorher noch außerhalb meines Blickfelds war. Banale Erkenntnisse. Aber: Hat sie mich mit der Kamera unter den Bäumen bemerkt? Wenn ja: Was hat sie sich gedacht? Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt Versuch, einen Platz in Paris zu erfassen © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Paris

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