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Estoril_Kairo

Juni 28, 2013

In diese Restaurant-Bar wird man in der Kairoer Innenstadt kaum zufällig hineinstolpern. Dafür liegt das Estoril – obwohl so zentral wie nur vorstellbar gelegen – doch etwas abseits in einer kleinen Gasse und hat mit seinen Milchglasfenstern für nicht ganz mutige Fremde eher etwas abweisendes. Vielleicht ist es deshalb ein Refugium für Künstler und Ex-Pads geblieben. Auch Leser des Romans „Der Jakoubian Bau“ werden nicht wissen, dass es sich hier um einen der zentralen Handlungsorte von Alaa al-Aswanys Studie des vorrevolutionären Kairos handelt, wurde das Lokal doch als einziges im Roman nicht im Klarnamen benannt, sondern heißt Restaurant „Maxim“  (ist durch die Standortbeschreibung für Ortskundige aber eindeutig identifizierbar). Vielleicht mit Absicht, um es zu schützen? Im Roman wird das Lokal von einer Griechin in den besten Jahren geführt. Vielleicht gibt es in Bezug auf sie einen entsprechenden historischen Kontext, liegt das Estoril doch in einer kleinen Gasse für Fußgänger südwestlich des Midan Talaat Harb mit dem Café Groppi und dem Griechischen Club. Estoril ist jedoch ein bekanntes  Seebad und Rückzugsort der portugiesischen Oberschicht westlich von Lissabon und die heutige Inhaberin heißt Maryse Helal …

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Im auf 1991 datierten Roman ging die Hauptfigur Saki Bey al-Dassuki gerne ins „Maxim“, weil er sich hier fühlte, „wie von der magischen Zeitmaschine in die schönen fünfziger Jahre zurückgetragen worden zu sein. Das bei al-Aswany exquisite Lokal mit strahlend weißen Wänden und viel Eleganz wurde von Sakis griechischer Freundin Christine Nicholas geführt. In der Verfilmung des Romans ist es kurz zu sehen. Das Estoril hat gelbe Wände und zwei Ausgänge (einer führt durch eine tiefe Hauseingangspassage zur Sharia Talaat Harb), das Essen (gerühmt werden die Mezze, Tameya und die Käse-Sambouseks) und der Service sind gut, es gibt Alkohol und man fühlt sich als Europäer wohl in einer ausreichend neustadtspezifischen Atmosphäre, also in dieser Mischung aus Orient und Okzident, die einem gelegentlich gut tut. Ohne Touristen, aber manch kosmopolitischen Ägypter_innen, die ausländischen Freunden eine Atmosphäre bieten wollen, die etwas von Paris, Rom oder auch Lissabon hat und doch in der Zeit um 1870 wurzelt, als die Neustadt entstand. Zu dieser Atmosphäre gehört auch ein nubischer Kellner und der eine oder andere ägyptische Trinker an der Theke, der einsam an seinem Glas „Omar Khayyam“ nippt.

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril Kairo © Ekkehart Schmidt

Nach mehreren abendlichen Besuchen war ich Im Oktober 2015 einmal mittags hier, nachdem ich am Vorabend die tatsächlich griechischstämmige, aber nur knapp hundert Meter von hier entfernt geborene und aufgewachsene Maryse Helal bei einer Buchpräsentation im Goethe Institut kennen lernen durfte. Die etwa 65-jährige Dame erzählte einiges über den Wandel ihrer Kundschaft seit den 1960er-Jahren. Damals kamen viele Journalisten und sogar Paschas, viele gelegentlich auch mit ihren Kindern: Vor allem, wenn der Koch in Urlaub war und sie hier ersatzweise essen konnten. Heute kommen wieder Journalisten, aber eher jüngere. Dazu junge Schauspieler und Produzenten. Viele würden in gated communities am Stadtrand leben und kämen vor allem zum Essen. Das Estoril sei 1959 entstanden, ihre Familie übernahm es in den 1960ern, erzählt Maryse Helal, die als Kind in der Umgebung der heutigen Künstleroase „Townhouse“ aufwuchs und nun nahe der Börse lebt: Leben und Arbeiten spielte sich also immer in dem kleinen Gebiet rund um den Midan Talaat Harb ab.

Mittags ist es hier sehr ruhig, neben mir fand sich nur ein halbes Dutzend Gäste: Einige ältere Intellektuelle an der Theke, die sich bei einem Bier unterhalten und ein junger Journalist, der sich Kette rauchend an einem Tisch über seinen Laptop beugt.

Estoril_Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril_Kairo © Ekkehart Schmidt

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Estoril_Kairo © Ekkehart Schmidt

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Estoril_Kairo © Ekkehart Schmidt

Estoril_Kairo © Ekkehart Schmidt

Fotos vom Februar 2013 (abends) und Oktober 2015 (mittags) © Ekkehart Schmidt

Quellen: Harris, John: Estoril: A downtown gem that stands the test of time, Egypt Independant, 26.04.11; Schmidt-Fink, Ekkehart: Ein Rundgang durch die Welt des Jakubijan-Bau, in: Papyrus Magazin, 28. Jg., Heft 1, Sept./ Okt. 2007, Kairo, S. 17-22

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From → Cafés, Kairo

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