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Aus der Wüste zum Meeresgrund

Juni 23, 2013

Ein persönlicher Nachruf auf Prof.Dr. Gerhard Kortum

Als Teenie kannte ich einen Professor. Einen richtigen Wissenschaftler! Der zwar erst 1989 zum echten Professor wurde, aber das war er für mich auch ohne Titel längst vorher. Was er machte, nannte sich Geographie, also für mich: „Erdkunde“. Ein Fach, das ich schon immer mochte. Stadt-Land-Fluß war eins meiner Lieblingsspiele. Er aber forschte nicht über den Regenwald am Amazonas, die Quellen des Nil oder die Vegetationszonen der Anden, sondern beschäftigte sich mit Wasserwirtschaft im Iran und Zuckerrübenanbau in der Türkei – Themen, die für mich erst einmal öde und unspektakulär klangen, ehe ich viel später verstand, dass es hierbei um die zum Überleben in ariden und semiariden Gebieten seit Jahrtausenden wichtigsten Kulturtechniken geht.

Als 13jähriger habe ich seine Dissertationsschrift zur Bewässerungswirtschaft in der Marvdasht-Ebene nahe der berühmten antiken Stadt Persepolis staunend registriert. Ob mein Vater mir das vom Autor zugesandte Exemplar  zeigte oder ob ich es doch erst später im Regal entdeckte? Ich erinnere mich nicht an den Zeitpunkt, wohl aber an dieses Staunen: Ein blass türkisfarbener Einband, trocken die Kopfzeile „Kieler Geographische Schriften“ und keine Illustration auf dem Titel!

Ich hatte noch nie ein solches Buch gesehen. Wohl gab es innen eine Legende zu drei Luftbildern, aber diese waren nur eingelegt, wie die großen Karten, und gingen anders als diese verloren. Natürlich hatte ich schon Sachbücher gesehen, aber diese bestanden immer aus Fotos oder Zeichnungen. Stattdessen gab es hier nur Karten voller Symbole, hydrographische Tabellen und Diagramme, deren Sprache zu lesen ich versucht habe. In Erinnerung blieben mir vor allem die Höhenprofile der mir aus der Kindheit im Iran vertrauten Qashqai-Nomaden. Diese Exaktheit der Abbildung von Realität! Keine 20 Jahre später muss er mir wohl bei meiner Diplomarbeit zu Kairo ein unbewusstes Vorbild gewesen sein. Nur bildete ich nicht Siedlungsschichten, Bewässerungstypen und Landnutzungsformen ab, sondern Sackgassenüberbleibsel im neustädtischen Straßennetz, formelle und informelle Wohnsiedlungen und Branchensortierungen.

Gerhard Kortum – das war für uns in Teheran aufwachsende Kinder ein Freund des Vaters, der vier Jahre lang mehrere Tagereisen entfernt im Süden des Iran in Schiraz arbeitete: Erst an der Universität, später im neu entstandenen Goethe Institut. Wie mein Vater war er ein DAAD-Lektor und noch sehr lange kein Professor. Ich war etwa 5 Jahre alt und da waren vor allem zusammen vier Jungs, die ab und an miteinander spielten (und die Papas und Mamas hatten, was für uns aber nicht so0 wichtig war). Ich erinnere mich an eine Begegnung mitten in der Wüste, als beide Familien in ihren VW-Käfern aufeinander zu fuhren … Beide fragten sich wohl aus der Entfernung: Kann das sein? Ist das nicht? Aber tatsächlich! Es gab ein großes Hallo und wir Kinder konnten eine kleine Ewigkeit in der Wüste bei gefährlich tiefen Öffnungen von Qanaten spielen, während sich die Erwachsenen unterhielten. Seitdem faszinierten mich diese unterirdischen Bewässerungstunnel. Das Qanat-Prinzip hatte der Herr Kortum, also der Papa der anderen Jungs erstmals als Student am Beispiel des Dorfes Kahrizak südlich von Teheran untersucht und später dazu publiziert. Zurück in Deutschland faszinierten mich die erklärenden Skizzen:

Gerhard Kortum zu Qanaten

Quelle

Mindestens zwei Mal waren wir bei Kortums zu Besuch. Einmal durften wir in ihrer Abwesenheit auch ihr Haus in Schiraz nutzen. Da erinnere ich mich vor allem an den Moment, als wir im Eisfach des Kühlschranks große Eisvorräte entdeckten (und heimlich plünderten). 1968 wurde Gerhard Patenonkel meines Bruders Norbert, weshalb in den 1970er-Jahren pünktlich zu dessen Geburtstag Postkarten, Briefe und Pakete aus Neumünster bei uns in Bergisch Gladbach eintrafen.

In den späten 1970er-Jahren waren wir ein, zwei Mal bei ihm und seiner herzlichen Frau Jutta in Neumünster und in deren Ferienhaus in Nieblum auf der Insel Föhr zu Besuch. So weit oben in Norddeutschland war ich noch nie. Gerhard pendelte täglich von Neumünster zur Uni Kiel, was ich als sehr weit empfand. Wieso zogen sie nicht nach Kiel? Er lehrte am dortigen Meeresforschungsinstitut und erzählte uns von einem Forschungsschiff, mit dem er manchmal unterwegs war. Ich erinnere mich an seine Schilderungen der Abbaupotenziale von Manganknollen auf dem Meeresgrund, ohne zu verstehen, wie die da unten eigentlich entstehen. Dann ist mir von der Reise noch der Besuch des Nolde-Museums an der dänischen Grenze, vor allem aber ein bei Kortums praktizierter Osterbrauch in Erinnerung: Es galt, die Eier so hoch wie möglich in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen – was natürlich immer wieder misslang. Einmal  besonders beeindruckend, als ein nicht steil genug geworfenes Ei bei der Landung durch einen zu weit entfernt laufenden Stacheldrahtzaun gespalten wurde.

Im Studium traf ich auf Kollegen wie Prof. Eckart Ehlers, die sich auch mit dem Iran beschäftigten und Gerhard kannten. Meinen ersten Professor, dessen Arbeiten für mich zwar keine konkrete Relevanz hatten, wohl aber sein Status: Wollte ich auch Professor werden? Ich fand das als Berufswunsch sehr anziehend. Mein Vater erzählte in den späten 1980er-Jahren aber auch, welch langer Weg es für „Gerd“ war, sich jahrelang mit schlecht bezahlten Assistentenstellen über Wasser haltend, immer auf einen Ruf wartend. Nein, dieser Weg wäre mir zu schwer gewesen. 2003 wurde Gerhard Kortum emeritiert. Wenig später, zum 70. Geburtstag meines Vaters gab es die letzte Begegnung und ich erinnere mich  an erhebende Gespräche auf (fast) gleicher Augenhöhe, aber auch an für ihn peinliche äußerliche Zeichen einer schweren Erkrankung.

Dann hörte ich jahrelang nichts mehr, bis mir meine Mutter gestern die Kopie einer Todesanzeige schickte: Prof. Dr. Gerhard Kortum, 19.2.1941 – 16.6.2013. Mit einem mahnenden P.S. an mich auf der Rückseite: „Er hatte lauter Löcher in der Lunge vom Rauchen. Deshalb mußte er zuletzt mit so einer Sauerstoffmaschine leben, nach jahrelangem Leiden.“ Vielleicht ist das noch etwas, was mir sein Lebensweg sagen will. Als Raucher wie er. Bei meiner nächsten Iran-Reise 2014 werde ich jedenfalls dieses dicke türkisfarbene Buch mitnehmen und in die Marvdasht-Ebene fahren. Ich habe die Vorstellung, mir diesen einen an einem Fluß gelegenen Ort Band-e Amir anzuschauen, um abzugleichen, wie die von ihm 1975 kartierte Branchenstruktur der Basargasse heute aussieht.

Nachruf in den Kieler Nachrichten, Nachruf des GEOMAR-Zentrums für Meeresforschung, Neuer Wikipedia-Eintrag

(Für mich persönlich wichtige) Publikationen:

  • Kortum, Gerhard: Die Marvdasht-Ebene in Fars: Grundlagen und Entwicklung einer alten iranischen Bewässerungslandschaft, Kiel 1976
  • Kortum, Gerhard: Die iranische Landwirtschaft zwischen Tradition und Neuerung. Entwicklungsprobleme und Bodenreform, München/ Paderborn 1977
  • Kortum, Gerhard: Zuckerrübenanbau und Entwicklung ländlicher Wirtschaftsräume in der Türkei, Kiel 1986

From → Iran

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