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Versuch über die Hausgeburt

Mai 29, 2013

Irgendwann während einer Schwangerschaft kommt – jedenfalls in Westdeutschland – kurz einmal die Frage hoch, ob man sich eine Hausgeburt vorstellen könnte. Fast immer wird diese Möglichkeit sehr schnell wieder verworfen. Hauptgegenargument: Das sei unkalkulierbar gefährlich wegen möglicher Komplikationen, die Frau und Mann nicht verantworten könnten (entsprechend furchtbare Anekdoten sind immer abrufbar). Wir haben uns gegen manche Widerstände trotzdem für eine natürliche und „sanfte“ Geburt zu Hause entschieden – und sind glücklich darüber.

Ein Argument ist die wohlvertraute Umgebung, die von uns ohne Fremdbestimmung so gestaltet werden kann, wie wir es für uns als Hauptakteure als richtig empfinden. Eine Hebamme war ab der letzten halben Stunde vor der eigentlichen Geburt anwesend. Es gab keinerlei Komplikationen, vielleicht auch, weil Mutter und Kind nicht unter dem Einfluss von Anfahrstress, Medikamenten, Schmerzmitteln, hellem Licht, externen Personen wie Klinikpersonal mit möglicherweise eigener Agenda (die Apparate die man hat, sollte man auch benutzen/ jetzt sind wir da, jetzt sollte es auch voran gehen) vonstatten ging, sondern als Naturereignis, das selbstbestimmt erlebt wurde.

Natürlich bereitet sich ein Paar auf eine Hausgeburt anders vor, als auf eine Klinikgeburt. Informationen – aus Geburtsvorbereitungskursen, Hebammenvorgesprächen, Frauenarztterminen und Büchern – sind für beide nötig und sinnvoll. Wünscht man aber eine Hausgeburt, geht es vor allem um den Umgang mit von außen heran getragenen Ängsten und tatsächlichen Risiken, die auszuschließen sind: natürliche (vor allem ein Nabelschnurvorfall) und praktische (Probleme des Transports zur Klinik, falls diese doch notwendig werden sollte). Unabdingbar ist natürlich das Selbstvertrauen in die eigene Gebärfähigkeit, weil ein Kaiserschnitt als Option ausfällt. Vor allem aber hat man die Chance, den Geburtsraum nach eigenen Vorstellungen auszustatten. Bei uns gehörte – neben dem Bereitlegen aller nötigen Papiere und Telefonnummern – zum Beispiel eine frisch gepflückte Rose nebst Knospe vom Balkon, Duftöl und eine kleine homöopathische Notfallapotheke dazu.

Ein Versuch, dieses intime und private Geschehen fotografisch erlebbar zu machen, vor allem um mitzuteilen, dass aus unserer Überzeugung eine angenehme Umgebung einen unkomplizierten Geburtsverlauf fördert:

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Den Geburtsraum haben wir abgedunkelt und rot beleuchtet.

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Unsere Hebamme, die uns bereits drei Mal zu Vorgesprächen und -untersuchungen besucht hatte, kam etwa eine Stunde nach dem Blasensprung, machte ein CTG, stellte regelmäßige Herztöne des Kindes und erste Gebärmutterkontraktionen fest und ließ ihre Tasche hier. „Bis später“.

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Zuhause kann man vollständig seinen Gewohnheiten nachgehen, sich Espresso kochen und das Lieblingsgericht bereiten – sofern man rechtzeitig den Kühlschrank mit Vorräten bestückt hat. Vor allem kann man schon Tage vor der Geburt damit beginnen, das Geburtszimmer auszuwählen (in unserem Fall das Wohnzimmer), es als Schutzraum und Nest vorzubereiten (mit roten Tüchern, einem Schafsfell und schummerigem Licht), sich durch lange Aufenthalte dort wohlig einzurichten und emotional auf den großen Moment vorzubereiten. Dies ist wohl der wichtigste Vorteil einer Hausgeburt: Die werdende Mutter kann ganz zu sich kommen, um innerlich bereit zu sein. Oder auch ein Stöfchen mit Duftöl anzünden. Die Geburt erfolgt dann ohne Bruch, man muß sich nicht erst an einen unbekannten Raum gewöhnen.

Versuch über die Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die Hausgeburt (c) Ekkehart Schmidt

Während die Mutter seit Tagen ihren Himbeerblättertee trinkt, wurde für die Hebamme schon einmal deren Lieblingsgetränk für Geburtsnächte vorbereitet: Heißer Ingwertee:

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Gute sieben Stunden später kam die Hebamme dann ein zweites Mal, versicherte, dass es sich bereits um Presswehen handelt und der Muttermund weit genug geöffnet ist, ansonsten war nichts nötig. Weder Schmerzmittel, noch PDA, wohl aber etwas ermunternder Zuspruch, dass es jetzt wirklich zur Sache geht. Die Geburt war dann allein eine gemeinsame Anstrengung von Kind, Mutter und Vater.

Versuch über die Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Die Hebamme empfing das Kind, überprüfte die wichtigsten Körperfunktionen (die „U1“ genannte erste Untersuchung), wies uns nach vollständigem Auspulsieren beim Durchschneiden der Nabelschnur an, wog und maß das Kind (sie hatte – als einzige Panne dieser Nacht – ihr Meßband vergessen, weshalb der Vater zum Werkzeugkasten eilen mußte), initiierte eine letzte Kontraktion für die Nachgeburt, dann war sie auch schon weg und wir mit uns wieder alleine zu Hause!

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

Die Waschmaschine war zu füllen, Plastikunterlagen mit Hebammen-Handschuhen zu entsorgen, die Placenta zum Einfrieren zu verpacken (um später zu entscheiden, was man mit ihr macht), dann folgten einige Tage ungestört wohligen Zusammenseins. Es brauchte weder eine Arztvisite, noch aus anderen Gründen die Umgebung einer Klinik. Einmal am Tag kam in den Folgetagen die Hebamme zu Besuch, mehr war nicht nötig. Ob Kochen, Einkaufen oder Spülen: Die Versorgungsfunktion übernimmt jeder Vater gerne. Voll dankbaren Respekts vor der Leistung von Mutter und Kind, der er beiwohnen durfte.

Literatur: Frank, Daniela: Hausgeburt: Vorteile und Risiken, in: Baby und Familie, 22.04.2013; Leboyer, Frédérick: Geburt ohne Gewalt, München 1981 (frz.: Pour une naissance sans violence, Editions du Seuil, Paris 1974); Odet, Michel: Die sanfte Geburt, München 1978 (frz.: Bien naître, Editions du Seuil, Paris 1976); Stadelmann, Ingeborg: Die Hebammen-Sprechstunde, Eigenverlag, Kempten 1994;

Film zum Thema

Unser empfehlenswerter Geburtsvorbereitungskurs

Versuch über die  Hausgeburt © Ekkehart Schmidt

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