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L’Amphitryon_Kairo

April 4, 2013

Dieses 90 Jahre alte Café-Restaurant befand sich bis zur Revolution von 2011 an einem der ganz wenigen Orte in Ägypten, an denen ein wirklich striktes Fotografierverbot herrschte. Bei einem Kaffee zu dem verbotenen Objekt hinüber schauen – das durfte man von einer der beiden Terrassen durchaus. Wie auch vom ebenso altehrwürdigen „Groppi“ nebenan. Aber ein unsichtbarer Bann hielt einen, neben einigen sichtbaren Polizisten und Geheimdienstmännern, davon ab, jenem riesigen, weiß gestrichenen Bau auf der anderen Straßenseite zu nahe zu kommen. In dem ehemaligen Luxushotel am Südrand des Kairoer Vorortes Heliopolis befindet sich seit Jahrzehnten der Amtssitz des ägyptischen Präsidenten.

Seitdem ab Dezember 2012 auch dem gewählten Präsidenten Mohammed Mursi massiver Bürgerprotest entgegenschlägt, ist der Palast in Teilen mit Barrikaden abgeriegelt. Zu Zeiten von Hosni Mubarak war das nie nötig, jedenfalls nicht dass ich es in den vergangenen 25 Jahren bemerkt hätte. Bei meinen beiden Besuchen im Februar 2013 war es hier ruhig:

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

Auf den Palast (Foto oben: rechts) schaute man als Besucher dieser vor über einem Jahrhundert vom belgischen Baron Empain konzipierten und umgesetzten Wüstenstadt vor den Toren von Kairo bislang auch kaum. Zu sehr wird das Auge von den viel auffälligeren Fassaden der Nachbargebäude angezogen:

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

In einer Eckpartie eines dieser markanten Gebäude, die in einem bewusst hybriden Stil zwischen orientalischen und westlichen Architekturtraditionen errichtet wurden, befindet sich seit 1922 das „L’Ampitryon“. Es ist der großzügigste Café-Restaurantbau des frühen 20. Jahrhunderts in Kairo, bestehend aus einem Café mit schmaler Terrasse zur Straße hin im Hauptbau sowie einem großen, zum Teil überdachten, Terrassenbereich im Nebentrakt. Letzterer ist wenig auffällig und originell, ersteres wirkt fast, als sei die Zeit mindestens ein halbes Jahrhundert stehen geblieben:

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

Kaffee und Speisen sind jedenfalls von guter Qualität und ausgesprochen preiswert.

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

Der Nebentrakt mit ruhigen Terrassen, Restaurant und Bier-Ausschank:

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

L'Amphitryon Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Hintergründe der Namensnennung konnten leider nicht geklärt werden. Damals lebten in Heliopolis neben anderen Europäern viele Griechen. Es ist also – mit der Erfahrung der Namenspersistenz anderer Traditionslokale in Kairo – zu vermuten, dass das Lokal 1922 von Griechen begründet wurde, die mit „Amphitryon“ etwas verband. Oder mit diesem für Ägypten sehr ungewöhnlichen Namen Kennern des antiken Griechenlands etwas andeuten wollten?

Nach einer Legende rund um diesen Feldherrn der Thebaner erwartete Alkmene  die Rückkehr ihres Gatten aus dem Krieg gegen die Athener. Statt seiner erscheint ihr jedoch – verkleidet als Ampitryon – der Donnergott Jupiter. Die beiden verbringen eine Liebesnacht. Als tags drauf der echte Amphitryon nach Theben zurückkehrt und Alkmene ihm von der vermeintlich gemeinsam durchlebten Nacht erzählt, realisiert dieser den Betrug. Jupiter erscheint Alkmene später erneut in der Gestalt ihres Gatten und erklärt ihr, dass die Gottheit selbst sie besucht habe, weil sie durch Abgötterei seine Rache geweckt habe. Als sich am Ende die beiden Amphitryon-Gestalten gegenüberstehen, halten sowohl die Feldherren als auch Alkmene den Jupiter-Amphitryon für den wahren. Jupiter klärt das Missverständnis auf und gewährt Amphitryon einen Wunsch als Wiedergutmachungsleistung. Amphitryon wünscht sich einen von Jupiter mit Alkmene gezeugten Sohn, woraufhin ihm Jupiter die Geburt des Herkules prophezeit.

Aus dem Stoff machte Heinrich von Kleist eine Tragikomödie. Sein „Amphitryon“ handelt von der Erkenntnis des Ichs, der Begründung und Infragestellung der wahren Selbstgewissheit und der Bewältigung der Identitätskrise. Das Stück ist also weit mehr als eine Gesellschaftskomödie, wie bei einer früheren Adaption durch  Molière. Und irgendwie ist der Stoff erstaunlich aktuell, fragen sich die Ägypter angesichts ihres neuen Pharaos doch auch, wer sich hinter der Maske der Figur auf dem Präsidentensitz verbirgt. Das gleiche patriarchal-autoritär-korrupte System alter Männer wie in den 30 Jahren vorher? Nur mit religiöser, statt militärischer Legitimation, demokratische Grundrechte für den eigenen Machterhalt zu mißachten? Oh…, zu viel der vermeintlichen Analogien.

Jaroslaw Dobrowolski, ein echter Kenner von Heliopolis, hat 2006 eine etwas kryptische Beschreibung zum Lokal verfasst, bei der ich zwar den Bezug zum Edellokal „Chantilly“, nicht aber  zu einer Gruppe deutscher Konservatoren verstand:

„Not far from Chantily, on the corner of al-Ahram and  Ibrahim al-Laqqani Streets, sits L’Amphytryon, a restaurant whose pleasant outdoors section was dubbed the Biergarten a few years ago by a group of German conservators who lived nearby. Establishments like these, however, have been slowly dying out as anachronisms in twenty-first-century Helioplois…“

To dub = überspielen. Hilft mir jemand? Jedenfalls, ja: Das ist ein super Biergarten hier.

Adresse: Ecke Sh. Al-Ahram/ Sh. Ibrahim al-Laqqani, Facebook-Seite

Verwendete Quelle: Dobrowolska, Agniesszka/ Dobrowolski, Jaroslaw: Heliopolis. Rebirth of the City of the Sun, Cairo, New York 2006, S. 187

Mehr Kaffeehaus-Originale

From → Cafés, Kairo

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