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1Kahve Cihangir

Februar 22, 2013

Zuerst wollte ich genau in so ein Café nicht gehen, aber alle anderen originellen Lokale dieses In-Viertels auf der dem Bosporus zugeneigten Seite von Beyoğlu hatten vorhin um 8 Uhr noch zu. Hier beim „1Kahve“ hing ein Emaille-Schild der bekannten österreichischen Kaffeemarke Julius Meinl, weshalb ich davon ausging, dass es sich um eine Filiale einer Kette handelt. Und weil das Haus frisch und teuer saniert schien, war klar: Yuppisisierungstendenzen (oder wissenschaftlicher: Gentrifizierung) werden auch in Çihangir immer spürbarer. Unaufhaltsamer. Schade. Es sass nur eine Angestellte da, die aber gerne aufmachte, obwohl das Schild „Closed“ sagte. Sie drehte es um und bat mich rein. Ich war dankbar: Ich habe einen Nachtflug hinter mir, meine Reisetasche war schwer und es nieselte. Und dann war eben doch alles ganz anders. Gut, dass ich die Muße hatte, nachzufragen!

1Kahve Cihangir © Ekkehart Schmidt-Fink

1Kahve Cihangir © Ekkehart Schmidt-Fink

1Kahve Cihangir © Ekkehart Schmidt-Fink

Die vermeintliche Angestellte ist die Inhaberin. Selin ist hier im Haus geboren, hat alles nach eigenem Gusto eingerichtet und mag einfach das Schild von Julius Meinl, das über der Kaffeeküche hat sie aus dem Internet hochgeladen, ausgedruckt und auf Pappe gezogen… Sie fand es wohl exotisch, den Text verstand sie nicht, ich übersetzte ihn ihr. Nach sechs Jahren Sanierung des heruntergekommenen, erdbebengefährdeten Hauses, hat sie vor anderthalb Monaten in den Räumen eines früheren Lebensmittelladens ihr Café aufgemacht. Die Schwester hilft aus, sie hat auch das Café-Schild designed und die schöne Idee mit den Glühbirnen in Dreiersteckdosen umgesetzt. Die Idee, ins Wasser zum Espresso Granatapfelkerne zu tun, hat sich Selin in Finnland abgeguckt, wo man das wohl ab und an mit Orangenstücken macht. Der bittere Kaffeegeschmack soll dadurch etwas entschärft werden, erzählt sie. Der Cousin streicht alldieweil noch im Haupteingang des Hauses die Decke. „Coşkun Apt. 19/1″ heißt es.

Der Bau von 1919 überragt die anderen Gebäude, ist aber nicht wirklich groß. 1999 – nach dem schlimmen Erdbeben bei Izmit – zog die Familie ins nahe Viertel Çukurcuma. Die Stadtverwaltung verbot aus Gründen des Denkmalschutzes den Abriss. Architekten sagten, es sei nicht zu sanieren. Aber der Vater beschäftigte sich eingehend mit dem Bau: Geplant von italienischen Architekten, errichtet von griechischen Arbeitern. Die Besonderheit: Es ruht auf Stahlträgern. Also wurden diese mit neuen Stahlträgern gestützt, das Haus so ausreichend stabilisiert – mit dem Nebeneffekt einer originellen, aber authentischen Innenarchitektur . „He’s a genius“, sagt Selin.

1Kahve Cihangir © Ekkehart Schmidt-Fink

1Kahve Cihangir © Ekkehart Schmidt-Fink

Adressse: 19, Bakraç Sokak, Çihangir-Istanbul

From → Cafés, Istanbul

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