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„Kairo? Bist du verrückt?“

Februar 5, 2013

„Du willst jetzt nach Kairo? Ist das nicht viel zu gefährlich?“ Wer sich dieser Tage auf eine Reise nach Kairo vorbereitet, sei es, weil man einen geschäftlichen Termin hat, sei es, weil man endlich die Pyramiden sehen will, sei es zum Beispiel auch, weil man eine geografische Exkursion mit der Uni macht, auf die man sich seit Monaten vorbereitet, bekommt diese Frage zu hören. Und macht sich ernste Gedanken, wenn man die Stadt nicht kennt. Die Medien sind bei der Frage nach der Sicherheitslage nicht wirklich hilfreich. Sie fokussieren auf Gewalt und Exzesse, weil die Frage interessiert, ob sich Präsident Mursi an der Macht halten kann. Die Bilder, die sie zeigen, stammen jedoch von vielleicht vier klar umgrenzten Lokalitäten: dem Tahrir (inklusive dem nahen Platz hinter dem Ägyptischen Museum, den Brückenzufahrten und dem Übergang zum Regierungsviertel), dem Innenministerium und Maspero nahebei, dem Präsidentenpalast gute 6 km entfernt und dem Obersten Gerichtshof, gute 8 km entfernt vom Stadtzentrum. Sie zeigen Steine werfende Menschenmengen (allerdings auch mit lustig-feixenden Gesichtern im Vordergrund, wie zuletzt in FAZ, SZ und taz) oder Flammen vor dem Palasteingang.

Freunde aus Kairo und vor vier Tagen angekommene Besucher berichten dagegen von einer Stadt, die so ruhig ist, wie die Metropole nur ruhig sein kann, in der die Menschen wie immer ihren Geschäften nachgehen, aber vielleicht nicht mehr ganz so gelassen und fröhlich sind, wie früher. Sondern sehr angespannnt. Das liegt vor allem an der existentiell schwierigen ökonomischen Situation der meisten und dem Gefühl, dass sich der Staat auflöst. Die Ausschreitungen und Vergewaltigungen? Man erzählt mir von Krawallmachern, „Mob“ und „Gesindel“ am Tahrir (sich für die Wortwahl entschuldigend), jedenfalls seien da keine Revolutionäre mit wohl durchdachten Forderungen mehr am Werk. Man hat die Nase voll von Verkehrsbehinderungen am Tahrir… „Ruhig“ bedeutet aus Sicht ägyptischer Aktivisten freilich auch eher angsterfüllte „Friedhofsruhe“, gerade nach dem Tod des Folteropfers Mohammed al-Guindi. Aber das ist ein ganz anderes Thema, anderswo ausreichend thematisiert.

Kairo im März 2012, copyright: Ekkehart Schmidt-Fink

Das Bild erscheint völlig eindimensional fokussierend auf Exzesse. Vielleicht so verzerrt wie die fehlenden Artikel über Raubüberfälle und Vergewaltigungen in London und Paris – weil solches dort normal ist und vielleicht dutzendfach täglich vorkommt. Es erinnert mich an die Erzählung einer Türkin, die in Zeiten massiver ausländerfeindlicher Übergriffe nach Deutschland reisen wollte. Ihre Mutter war entsetzt, wollte die Reise verhindern, weil in ihrer von den heimischen Medien produzierten Wahrnehmung Türken in Deutschland nach Ankunft am Flughafen sicherlich sofort zumindest bespuckt, wenn nicht gleich mit Baseballschläger die Straße runter gejagt würden.

Kairo, London und Paris sind riesige Städte, in denen Dutzende völlig unterschiedliche und sich kaum berührende oder überschneidende Welten existieren, in denen täglich viel passiert, auch Gewalttätiges. Kairo ist allerdings fremder und daher werden solche Berichte ernster genommen. Und beunruhigen. Selbst wenn das Auswärtige Amt keine Reisewarnung für Kairo herausgibt. Dort wird empfohlen, Reisen unter anderem auf den Großraum Kairo und andere spezifische Regionen zu beschränken (wo es also eher sicher ist). Abgelegene Regionen und Städte wie Bur Said seien jedoch zu meiden. Konkret heißt es:

„Seit 24. Januar 2013 gab es in der Innenstadt von Kairo und in anderen Städten Ägyptens (insbes. Port Said, Suez und Alexandria) immer wieder gewalttätige Ausschreitungen.  Präsident Mursi verhängte am 27. Januar 2013 den Ausnahmezustand und eine von 21.00 bis 06.00 Uhr geltende nächtliche Ausgangssperre für 30 Tage für die Gouvernorate Port Said, Suez und Ismailia, die inzwischen auf die Zeit von 01.00 Uhr bis 05.00 Uhr (Port Said) bzw. 02.00 Uhr bis 05.00 Uhr (Ismailia, Suez) beschränkt wurde. Vor diesem Hintergrund wird daran erinnert, dass Reisenden in Ägypten allgemein dringend empfohlen wird, Menschenansammlungen und Demonstrationen (insbesondere im zeitlichen Umfeld zum Freitagsgebet) weiträumig zu meiden und die Medienberichterstattung sehr aufmerksam und regelmäßig zu verfolgen.

Vor dem Hintergrund der prekären wirtschaftlichen und sozialen Situation weiter Teile der Bevölkerung ist in den letzten Monaten ein genereller Anstieg der Allgemein-Kriminalität (Banküberfälle, Car-Jackings, Handtaschenraub; vereinzelt auch mit Waffengewalt) zu beobachten.“

Spezifisch zu Kairo heißt es:

„In Kairo konzentrieren sich die Ausschreitungen regelmäßig auf das Gebiet um den Tahrir-Platz, das Fernsehgebäude Maspero, die Brücke des 6. Oktober und den Präsidentenpalast in Heliopolis. Bei der Fahrt zum bzw. vom Internationalen Flughafen Kairo sollten diese Bereiche gemieden werden; es sollte ausreichend Zeitpuffer eingeplant werden, weil es zu Verkehrsbehinderungen kommen kann. Hotels in unmittelbarer Nähe des Tahrir-Platzes (wie bspw. Ramses Hilton, Semiramis Intercontinental, Shepheard-Hotel) können nicht mehr uneingeschränkt als sicher betrachtet werden, da es schon zu Übergriffen durch gewalttätige Demonstranten gekommen ist. Bei einem Besuch des Ägyptischen Museums ist erhöhte Umsicht angezeigt, der Zugang sollte vom rückwärtigen Bereich her erfolgen.“

Also: In Stadtteilen wie Zamalek, der nördlichen Neustadt, der Altstadt, Mohandessin, dem „koptischen Viertel“, Shubra, Maadi oder Heluan ist die Sicherheitslage für Ausländer kalkulierbar: Unproblematisch. Aus meinen Erfahrungen der letzten zwei Jahre in Kairo (vier Aufenthalte von insgesamt etwa 6 Wochen) kann ich sagen, dass man nicht versehentlich „in etwas hinein gerät“, dass Menschenansammlungen aus größerer und sicherer Entfernung wahrgenommen und umgangen werden können und einen die Ägypter rechtzeitig warnen (sollte man versehentlich unsicheres Terrain betreten). Der Tahrir allerdings sollte im Moment eine No-Go-Area sein, vor allem abends. Frauen sollten sich hier – nach den Ausschreitungen vom vergangenen Freitag – nur in Begleitung von mehreren Männern bewegen.

Ansonsten gilt wie seit Jahrhunderten: Ahlan wa sahlan fi Qahira – Herzlich willkommen in Kairo. Die Stadt nimmt jeden herzlich auf, der ihr offen, angstfrei, mit Neugierde und Interesse begegnet. Und belohnt diese reichlich!

Mehr zum Tahrir: 1, Midan Tahrir

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