Zum Inhalt springen

KultOURdëppen Untereisenbach

Dezember 30, 2012

Außerhalb der sommerlichen Motorrad- und Wohnwagensaison, in der deutsche und belgische Biker gerne die Serpentinen im Tal der Our, den Ardennen oder der Eifel befahren und holländische Urlauber auf dem Weg nach Süden idyllische Campingplätze suchen, ist es hier an der deutsch-luxemburgischen Grenze sehr ruhig. Hier im Naturpark erwartet einen nichts außer verschlafenen Dörfern, Wäldern und Kuhweiden. Es wirkt daher zunächst eher unspektakulär, von einem Lokal in einem Grenzdorf zu erzählen, das genauso winzig ist, wie sein Name klingt: Untereisenbach. Man übersieht die Hinweisschilder auch leicht, aber ein Stopp im „KultOURDëppen“ lohnt auch weite Umwege.

Untereisenbach © Ekkehart Schmidt-Fink

Michel Heftrich und seine Frau Cristina haben hier im ländlichen Raum ein sehr ungewöhnliches Freizeit- und Kulturzentrum geschaffen, das man eher am Rand einer Großstadt vermuten würde. Dessen Realisierung erschien anfangs auch sehr utopisch. Deshalb nannten sie ihr Projekt zunächst auch „Cultopia“. Aber die beiden glaubten daran. Als ihnen 11 Jahre vor der Eröffnung im Mai 2010 erstmals die Idee kam, in ihrem kleinen Wohnort ein Freizeitzentrum zu errichten, trug sie ihre Begeisterung unaufhaltsam weiter. Sie entwickelten sehr genaue Vorstellungen darüber, wie das Projekt am Ende aussehen sollte. Michel, der 1975 sein Arbeitsleben als Dreher begonnen hat, hatte schon lange vorher bemerkt, dass er lieber in einem sozialen Beruf arbeiten möchte. In den Folgejahren verfestigte sich diese Idee immer mehr. Daher nutze er 1986 die Gelegenheit, eine Stelle als Ausbilder im Rahmen des Projekts „Nei Aarbecht“ anzunehmen, wo er bis heute arbeitet.

1999 fing er dann an, seine sozialkulturelle Utopie für Untereisenbach zu entwickeln. Zunächst wäre eine Begegnungsmöglichkeit – wie zum Beispiel eine Teestube, die an Wochenenden für alle geöffnet wäre – schon ein enormer Gewinn für diesen Ort ohne Lokalität mit Treffpunktcharakter. Da er immer schon in ländlichen Gegenden gelebt hatte, war ihm klar, dass es schwer sein dürfte, in solch einem Umfeld einen privaten Treff mit einem etwas anderen Anspruch zu eröffnen. Die Schwierigkeiten lagen vor allem darin begründet, dass er hier ein Pionier wäre. Mit allen Risiken des Scheiterns. Manche Hindernisse fördern die Vereinsamung und die Angst vor dem Anderen, wenn neue Bewohner in den Ort kommen. Im Grundproblem – der schlechten oder Nichtanbindung ans öffentliche Nahverkehrsnetz, welche die soziale Isolation derer, die nicht über ein eigenes Fahrzeug verfügen noch vergrößert – lag jedoch zugleich die große Chance.

Michel hatte ein Freizeitzentrum im Kopf, das mehr als die üblichen Getränke und kleinen Speisen anbietet, sondern auch eine kleine Bibliothek, eine Kreativwerkstatt, Gesellschaftsspiele und einen Internetzugang. Sein Projekt erhielt die Unterstützung des EU-Programms  LEADER Plus und des Vereins Interformation. Der Verein, der im Bereich der Fort- und Weiterbildung tätig ist, erklärt sich bereit Michel in all den notwenigen Weiterbildungsmaßnahmen zu unterstützen, die für ein Gelingen des Projekts unumgänglich waren. Er macht eine Fortbildung als Betreuer sowie als Geschäftsführer, Cristina macht einen Intensivkochkurse. Michel renoviert den Keller seines Hauses, in dem die durch LEADER Plus geförderte Internet Stuff und die Bibliothek Platz finden sollen. Ihre Anstrengungen und ihr Durchhaltevermögen zahlen sich letztendlich aus: 2004 wird die öffentliche Finanzierung endgültig genehmigt: Die Gemeinde gibt eine jährliche Beihilfe von 2.500 Euro, das Ministerium für Unterstützung des ländlichen Raums steuert einmalig 100.000 Euro bei. Schließlich vergibt der Verein für alternative Finanzierungen, etika, 2004 und 2005 zwei Investitionskredite zur Sanierung des Gebäudes. Nun konnte es losgehen. Mitten im Ort entstand das wohl ungewöhnlichste luxemburgische Lokal außerhalb der Hauptstadt.

Nachdem das Cultopia 2004 endlich eröffnet wurde, kamen zwar bald die Jugendlichen aus der Umgebung. Aber es erwies sich als schwierig, Erwachsene in einen Treff zu locken, der nicht einfach eine Kneipe mit Billardtisch ist oder ein Restaurant oder ein Internetcafé, sondern ein bisschen von allem. Die Sicht der Dinge ändert sich jedoch allmählich. Stand die lokale Bevölkerung anfänglich dem ganzen Projekt noch sehr skeptisch gegenüber, reagiert sie nunmehr verstärkt positiv. 2010 war die Utopie umgesetzt, das Cultopia wurde zum „KultOUR-Dëppen“. Zwar ist es hier nicht immer so voll, wie bei der Einweihung (Fotos), aber das Haus wird von Jung und Alt angenommen.

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

Das alte Wohnhaus wurde durch einen modernen Annex ergänzt und so alt und neu so geschickt kombiniert, dass sich auch alte Leute wohl fühlen. Michel hat in seiner Kreativwerkstatt zum Beispiel traditionelle Werkzeuge zu Lampenschirmen umfunktioniert. Sein Hauptziel ist, „ein angenehmes Umfeld für außerschulisches Lernen zu ermöglichen“, wobei sich Michel an Ideen von Landakademien orientiert. Dabei soll unbewusstes Lernen im Vordergrund stehen.

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

KultOURDeppen © Ekkehart Schmidt-Fink

Das ungewöhnliche Wort „Dëppen“ im Namen des Lokals steht übrigens für die Töpfe, die in dem alten Gebäude nahe der Our vormals produziert wurden. Und alle 14 Tage findet jetzt wieder ein „Uuchten“ statt, eine im Zeitalter der Zentralheizung verlorene Tradition: Früher fanden sich die Generationen im Winter jeweils im Wechsel rund um den einzigen geheizten Herd zusammen. Das damit verloren gegangene Gemeinschaftsgefühl wird nun bei einer modernen Variante des Uuchtens – bei gemeinsamen Hobbys in der Kreativwerkstatt – neu belebt. Der Verein Gaart en Heem Hosingen bietet Nachmittage für Mütter und Familien, bei denen jeder machen kann, wonach ihm ist (Geschichten erzählen, häkeln, basteln oder Spazieren gehen). Ansonsten gibt es Brot- und Pizza-Backkurse. Und der schöne Garten wächst und gedeiht. Nur die Motorradfahrer haben noch nicht so richtig entdeckt, wo sie hier keine 100 m abseits ihrer Rennstrecke Pause machen könnten. Aber Michel ist zuversichtlich, dass sich auch das allmählich ändern wird.

Adresse: KultOUR-Dëppen, Um Haeregaart, L-9838 Untereisenbach, Tel : 92 06 88, mail: info@kultour.lu, www.kultour.lu, Bus: Linie 663 Clervaux – Vianden (Ausstieg Untereisenbach Breck)

Text und Fotos © Ekkehart Schmidt-Fink

One Comment

Trackbacks & Pingbacks

  1. Café Eesbecher Stuff_Untereisenbach | akihart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: