Skip to content

Suchverkehr

Dezember 29, 2012

Bei meinen Zigarettenpausen auf dem Balkon fällt mein Blick linkerhand auf das Wohnheim für Kontingentflüchtlinge, hinter dem das Drogenhilfezentrum liegt, rechterhand durch die Bäume auf einen Abzweig der Brauerstraße, der über die Eisenbahn zur Postbank und zum Neugrabenweg führt. Gegen Abend häufte sich heute wieder ein mir seit dem Umzug 2008 in die Schopenhauerstraße bekanntes Phänomen: Langsam fahrende Autos, die an der Kreuzung zum Stehen kommen, blinken, wenden und die Brauerstraße zurück fahren. Weiß man nicht, dass hier bis Anfang 2007 der Straßenstrich der Junkiefrauen bestand, ehe an der Dudweilerstraße ein eigenes betreutes Areal des Projekts „le trottoir“ eingerichtet wurde, fällt einem dieser Suchverkehr nicht auf: Enttäuscht billigen Verkehr suchende Umkehrer, die offenbar schon lange nicht mehr hier waren, sich aber in der für Einsame traurigen Nachweihnachtszeit an frühere Befriedigungen erinnert haben und hoffnungsfroh losgefahren sind. Heute kommen sie fast im Minutentakt.

Suchverkehr © Ekkehart Schmidt-Fink

Mitleid fühle ich nicht, das wäre unangemessen. Eher Häme. Aber auch nicht wirklich Gehässigkeit, jedenfalls wäre sie nicht zur Gänze angebracht, scheint mir, so lange ich den Männern am Steuer nicht in die Augen schauen kann. Vielleicht sind es ja doch nur Väter, die ihre Töchter vom Unterricht an der Tanzschule weiter unten abholen, wo man nicht so gut drehen kann.

Ich recherchiere im Netz: Die Brauerstraße ist heute Sperrgebiet. „Freiern“ ist es verboten, hier Frauen anzusprechen, nachdem es früher zu Belästigungen der Anwohnerinnen kam. Online tauschen sie sich dennoch aus und geben sich Tipps: Beispiel 1 und 2 aus dem „Hurenforum“ – ernüchternde Einblicke in die aktuelle Szene. Beispiel 3 von 2004 sei als Dokument frauenverachtender Abgründe in der Jagd auf billige Opfer ebenfalls verlinkt. Es gibt weitere Strichportale.

Aber eben auch die Sozialarbeiter von „le trottoir“, die den drogenabhängigen Prostituierten Hilfe anbieten. Sie arbeiten in drei Containern direkt am neuen Straßenstrich. Das Angebot reicht von Sozialberatung und Krisenintervention bis zur Gesundheitsberatung. Einmal im Monat kommt eine Frau vom Gesundheitsamt, klärt über Geschlechtskrankheiten auf und testet die Prostituierten – falls gewünscht – auf HIV und andere Erreger. In einem Container werden Kondome, Gleitmittel und Infobroschüren verteilt, ein anderer bietet eine Dusche und Toiletten. Alle zwei Wochen hat auch ein Kontaktpolizist Sprechstunde. Das Projekt bietet zudem eine Ausstiegsberatung, wobei den Leitsätzen der akzeptierenden Drogenarbeit gefolgt wird, bei der nicht die Entwöhnung der Süchtigen im Vordergrund steht, sondern die Verbesserung ihrer Lebenssituation bei gleichzeitiger Akzeptanz des Drogenkonsums. Wenn Vertrauen aufgebaut wurde, kann der passende Moment für eine freiwillige Therapie abgepasst werden.

Mehr zum Projekt: Artikel auf SOL.de und in der Saarbrücker Zeitung

From → Mann und Frau

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: