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Café Reichard_Köln

Dezember 28, 2012

Schon als Napoleon 1794 in Köln einmarschierte, gab es in der Domstadt Kaffeehäuser. Sie haben sich jedoch nicht erhalten. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Hohe Straße immer mehr als (damals) elegante Einkaufsmeile, in der man flanieren, einkaufen und Kaffee trinken konnte. In Nr. 154 gründete Georg Reichard am 9. November 1855 sein Café. 1905 zog das Café Reichard unter seinem damaligem Betreiber, Konditormeister Rienemann, zwecks Erweiterung des gut gehenden Cafés in das Eckhaus Unter Fettenhennen 11 um, ziemlich exakt gegenüber des mächtigen Hauptportals des Doms. Hier wie dort trank man ein Kännchen Mocca mit einem Likörchen, verzehrte zum Kaffee Baumkuchen und Cremetorten, natürlich auch, um zu sehen und gesehen zu werden: Mit ausladenden Hüten saßen hier elegante Damen und plauderten angeregt oder gaben sich dem Bridge-Spiel hin. Die Herren, meist gut situierte Kaufleute und höhere Beamte, parlierten übers Geschäft, nicht ohne gelegentlich der aparten Augenweide vom Nachbartisch kokette Blicke zuzuwerfen.

Durch die erstklassige Lage etablierte sich das Haus zu einer der bekanntesten europäischen Kaffeehausadressen. Selbst im 1945 völlig kriegszerstörten Köln war die Terrasse offenbar immer voll, wie historische Fotos zeigen. Wenige Jahre später querte wieder die Straßenbahn in Richtung Neumarkt den Dom-Vorplatz. 1966 erwarb der WDR das Gebäude und ließ es nach den Plänen des Architekten Prof. Friedrich Wilhelm Kraemer nahezu originalgetreu im neugotischen Stil wiederherstellen.Wir trafen uns dort heute mittag mit dem Kölner Geographen Dr. Jürgen Blenck auf einen Rhabarberkuchen und den berühmten heißen Apfelstrudel mit Vanilleeis und Sahne.

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt-Fink

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt-Fink

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt-Fink

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt-Fink

Café Reichard Köln © Ekkehart Schmidt-Fink

Komplettiert wurde das Café 1986 durch den Anbau eines Glaspavillons (auf dem obersten Foto halbrechts hinter der weihnachtlichen Krippe erkennbar). Seit Anfang der 1980er-Jahre betreibt Fritz Betz mit Sohn Heinz-Josef diese Goldgrube mit jetzt 400 Plätzen in drei Innenräumen und dem Pavillon sowie 400 Plätzen auf der Terrasse. Einmalig ist die Mischung aus gediegenem kölschem Adel und besser situierten Touristen. Jürgen Blenck weiss, dass ein Gutteil der grauhaarigen Stammkunden aus einer edlen Seniorenresidenz nahebei stammt, die ihre Villen im Kölner Süden aufgaben, um hier standesgerecht noch einmal Gesellschaftsleben zu erfahren.

Der einzigartige Domblick von der Terrasse und der Gasse nebenan bietet ein immer neu spaßig-ersprießliches Schauspiel von Menschen, die von der Domplatte aus mit der Kamera vor Augen rückwärts zum Café streben, um die komplette Domfront auf’s Foto zu bekommen: Es geht immer weiter zurück, gute 60-80 Meter, bis der Ausschnitt alles umfasst, bloß stört dann der große, 1945 gepflanzte Baum. Also wird hin und her probiert, bis es letztlich mit unbefriedigendem Ergebnis zurück zum Hauptportal geht.

Das über 30-köpfige Caféteam spricht mit deutlich osteuropäischem Zungenschlag. Vor allem sind die Damen sehr schnell und augenzwinkernd freundlich. War man öfters hier, empfindet man allerdings nicht mehr dies, oder die Kuchen- und Pralinenauswahl als zumindest bemerkenswert, wenn nicht gar krass, sondern eher die Toiletten. Gut, edle Villeroy&Boch-Waschbecken, über deren Glasplatten das Wasser wie aus einer Quelle sprudelt, hat man schon anderswo erlebt. Kaum aber solche transparente Toilettentüren, die sich erst beim Verriegeln in undurchsichtiges Milchglas verwandeln. Das Reichard ist neben dem Café Fromme vielleicht das edelste, was Köln zu bieten hat. Cool ist das Café allerdings nicht. Zum intellektuellen Austausch geht man nicht hierher. Eher wegen des heißen Apfelstrudels. Aber man muß schon deutlich sagen, dass er mit Vanilleeis und Sahne gewünscht wird, sonst kommt er – irgendwie enttäuschend – nur in Vanillesoße daher. Und kostet trotzdem stolze 6,50 Euro.

Adresse: Cafe Reichard, Unter Fettenhennen 11, 50667 Köln, Tel: 0221 / 2 57 85 42, Homepage

Fotos © Ekkehart Schmidt-Fink

Zitierte Literatur: Kracht, Eveline: Das Café Reichard feiert 150-jähriges Bestehen – Jubiläumstorte, Kölnische Rundschau 12.11.2005

From → Cafés

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