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Bektashi-Heiligtum in Krujë

November 23, 2012

Am zweiten Tag unseres Aufenthalts in Krujë, der historischen Hauptstadt Albaniens in den Bergen nördlich von Tirana, packte uns der Ehrgeiz, doch einmal zu schauen, was uns der steil hinter der Stadt aufragende Mount Krujë (albanisch: Mali i Krujës) bieten könnte. Ganz oben war von unserem Balkon im Panorama Hotel ein gelbes Gebäude sichtbar, das in unserem (ansonsten sehr guten) Bradt-Reiseführer nicht erwähnt war, von dem es aber hieß, es handele sich um ein Bektashi-Kloster. Das zog mich – wenn auch nicht Sohnemann Tom – stark an, hatten wir doch schon in der Burganlage eine der vier in osmanischer Zeit errichteten Tekke besucht: Dollma Tekke. Also auf in der Mittagshitze dieses Tages im Juli 2010. Wir würden zumindest mit einem Blick auf die Stadt und die Ebene bis Tirana belohnt werden:

Bektashi-Heiligtum in Krujë © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi Heiligtum in Krujë © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Nach einer Stunde Aufstieg auf einem ziemlich steilen, schlechten, zum Teil aber gepflasterten Weg gute 300 Höhenmeter durch eine Felslandschaft mit Kräutern und Blumen hoch, entpuppte sich das gelbe Gebäude als leer stehendes und eher hässlich-modernes Gebäude. Eine Aufschrift „Haxhi Dede Reshat Bardhi 2003“ verwies darauf, dass es einen Bezug zum Bektashi-Orden gab. Ziemlich erschöpft fanden wir 200 m weiter auf dem 900 – 1000 m hohen Hochplateau am Fuß des eigentlichen Berges ein durch eine Straße zugängliches Ausflugslokal,  aßen als einzige Gäste einen Schafskäse-Tomaten-Salat, Cevapcici und Fritten, ehe wir uns wieder auf den Weg hinunter machten. Ein Teilstück des Weges unmittelbar unterhalb des modernen Klosterbaus war erstaunlich aufwändig gepflastert – und führte uns zu einer völlig unerwarteten Entdeckung:

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Die erste Überraschung: Ein gußeiserner Durchgang mit Plastikblumen führte auf eine Treppe, an deren unteren Ende wir auf ein Denkmal in Form einer metallenen Büste eines Dede oder Baba trafen:

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Die zweite Überraschung: Dahinter fand sich eine Metallpforte, durch die man auf eine Treppe kam, die in eine tiefe natürliche Grotte führte, in der sich ein Brunnenbassin mit Widderkopf in weißem Stein, ein pagodenartiges Gebäude mit grüner Farbe sowie aufwändig gestaltete Grabstätten und eine Art Kapelle fanden. Als einziger Hinweis auf die Bedeutung des Ortes fanden sich zwei Schilder: „PUNUAN ARK IUR GUNI“ und „HAKI BURGU / BASHIM SULU / REXHEP SUFA 1991“. Ein anderes Schild nannte das Datum 1967, ab welchem im Albanien des Diktators Enver Hoxha der Atheismus quasi als Staatsreligion eingeführt worden war.

Ich erinnerte mich an Angelesenes über diesen größten und einflussreichsten islamischen Derwisch-Orden  in Anatolien und auf dem Balkan. Als Gründer gilt traditionell der 1270 verstorbene Sufi und Mystiker Hadschi Bektasch Wali (türk.:  Hacı Bektaş Veli). In Albanien sind die Bektaschi neben den christlichen Kirchen und dem sunnitischen Islam eine vom Staat offiziell anerkannte Religionsgemeinschaft, während sie in der Türkei seit einem Verbot in den 1920er Jahren nicht wieder zugelassen wurden, von den Behörden aber mehr oder minder geduldet sind. Hier aber gab es keinen Wärter, der uns dieses Heiligtum hätte erklären können:

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Wir folgten zunächst der Haupttreppe tief hinunter. Rechts ein Grab mit Tüchern, weiter unten noch drei Gräber unter einem Dach, überall weiße Farbe. Es ging noch tiefer hinunter zu einem marmornen Mauerstück mit zwei Öffnungen, aus denen Wasser tropfte, in Metall eingefasst. Dahinter noch Freiraum, aber nicht begehbar. Das alles etwa 20 Meter unterhalb der Pforte:

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektaschi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Es ging wieder zurück, hoch zur Pagode:

Bektaschi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Von der mit gerahmten Fotos von Babas und Dedes, Kerzen und einem großen gelben Rosenkranz ausgestatteten Pagode auf halber Höhe aus gelangte man in einen weiteren ausgebauten Grottenspalt mit Podesten auf beiden Seiten, auf denen Kerzen brannten. Offenbar eine heilige Stätte, in der sich Gläubige etwas wünschen. Holzbohlen als Boden, dahinter eine Stufe in den Fels, ganz glitschig und schwarz die Wand:

Bektaschi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektaschi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

So spannend diese Entdeckung auch war, waren wir doch auch froh, wieder ans Tageslicht zu kommen – unsicher, ob unser Zutritt nicht ein Ärgernis für einen etwaig plötzlich auftauchenden Wächter sein könnte.

Bektaschi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Bektashi-Heiligtum in Kruje © Ekkehart Schmidt-Fink

Im Nachhinein fand ich auf einem Blog (siehe unten) einen Verweis auf einen legendären türkischen Derwisch aus dem 13. Jahrhundert, „Sari Saltuk“ (türkisch Sarı Saltık), dessen Grab hier vermutet wird. Mehr dazu bei Wikipedia.

Ach ja: Runter war es ähnlich anstrengend wie hoch …

Dieser Text wird zitiert auf dem Albanien Blog „S’ka problem!“: Kruja und noch etwas weiter hoch

Fotos © Ekkehart Schmidt-Fink

From → Albanien

4 Kommentare
  1. Rainer Wolf permalink

    Danke für den Beitrag, da hoch zu gehen traute ich mich bisher nicht. Beim nächsten Besuch werde ich es aber nachholen. Rainer

  2. Donald permalink

    Leute, das ist die Tekke von Kruja und ist für die Krutanen (Menschen die aus Kruja stammen) ein sehr heiliges Ort. Ich komme selbst aus dem selben Stadt und für mich ist es immer spannend wenn, ich dahin fahre. Die Menschen sind sehr Nett und es gibt keine Wächter im Sinne von Türsteher usw. Man freut sich auf jeder Besucher unabhängig von deren Stammung und Religion. Also, nächstes Mal wenn ihr dahin fährt vergisst auch nicht eine Kerze und etwas Geld mitzunehmen. Eine Kerze für eure Wünsche und etwas Geld als Opfergabe für die Erhaltung des Ortes. „Zoti ju nimoft!“ sagt man da

    • Danke für die Ergänzung! Uns war damals nicht so recht klar, was das genau für ein Ort ist. Ich habe das erst im Nachhinein recherchiert. Auf jeden Fall sehr beeindruckend!

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  1. Hotel Panorama Krujë « akihart

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