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Han e Elbasanit_Korçë

November 7, 2012

Dieses Hotel in Korçë (auch: Korça), im Südosten Albaniens zu suchen, war im Juli 2003 schon ein bizarres Erlebnis für sich. Es war ein Tipp aus dem ausgezeichneten Bradt-Reiseführer. Und ich hatte kein Geld, nur 200 Euro für eine zehntägige Rundfahrt, weil es damals – für mich völlig unerwartet – keinerlei EC-Automaten im Land gab. Selbst in der Hauptstadt nicht. Der historische „Han e Elbasani“, in dem die Nacht die für meine Situation angemessene 400 Lekë (2,50 Euro) die Nacht kostete, liegt im Eingangsbereich eines kleinen historischen Basars, der in diesen Jahren des Umbruchs völlig verwahrlost erschien:

Albanien_Korce_Markt Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Einmal gefunden und durch die Tür getreten, war ich sofort verzaubert und erlebte starke Glücksgefühle. Das Hotel – das älteste der Stadt – belegt die Räume einer von ehedem 16-18 osmanischen Karawansereien (Han), benannt nach einem anderen wichtigen Ort in dieser Region nahe der Grenze zu Mazedonien, in der damals Händler unterkamen. Der Han ist der einzige noch als solcher erkennbarer Bau und wurde etwa 2000 in einer Weise vorbildlich saniert, dass man sich wie im 18. Jahrhundert fühlt. Wunderbar der Innenhof mit eisenplattenbedecktem Brunnen:

Korce_Hotel in Karawanserei Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Beim Eintreten war erst keiner da, dann kam ein 30jähriger, geholt von zwei Jungen, und zeigte mir eines von vier für etwas anspruchsvollere Besucher sauber eingerichteter Zimmer in der Holzkonstruktion über dem Toreingang: erst Nr. 3, dann 4 wegen des nicht ganz so durchhängenden Bettgestells. Er sprach nur Albanisch und etwas Griechisch. Ich fühlte mich weitestmöglich weg von jeglicher westlicher Moderne. Der Innenhof mit seinen rundum etwa 25 Räumen, hatte nichts, was jünger wirkte als 200 Jahre, von der frischen weißen Farbe einmal abgesehen. Vielleicht noch viel älter. Die Stehklos stanken erbärmlich, aber der Mann gab mir einen Schlüssel für ein Badezimmer etwas besseren Standards. Die Dusche war über einem Plumpsklo installiert: kaltes Wasser, aber man konnte zumindest kurz Kopf und Arme drunter halten. Sehr spartanisch, aber es gefiel mir zwei Nächte lang.

Nur die Umgebung war schon heftig, mit all den leer stehenden krummen und schiefen Markt“ständen“: Eisenstangen, Plastikplanen, Waschmaschinen, Schmutz, zerfallende alte Steinhäuser. Der Markt findet nur vormittags statt, dann auch mit Ständen im Innenhof. Verkauft werden Haushaltswaren aus Plastik und Textilien, auch Schläuche, aber keine Lebensmittel:

Albanien_Korce_Markt Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Die Stadt und der Markt hatte seine historische Bedeutung, weil er auf halbem Weg zwischen Thessaloniki und Durres lag, also auf dem Landweg von der Ägäis zur Adria.

Hier Gast zu sein, war mangels anderer Gäste, als dürfte man in einem Museum übernachten, das eigentlich von den Bediensteten bewohnt wird. Aber ich wusste mir zu helfen. Leider explodierte mein Espressomaschinchen auf dem mitgebrachten und auf dem Waschbecken platzierten Gaskocher, so dass ich – trotz versuchter Säuberung – mit schlechtem Gewissen abreiste. Korçë war damals sehr abgelegen. Die Übergangszeit zur Demokratie und der damit scheinbar unvermeidlich verbundenen (hart erlebten) Marktwirtschaft war hier besonders schwer. Sehr abrupt und voller Friktionen. Während in der Umgebung eine muslimische Bevölkerung dominiert, ist die weitläufige Stadt mit ihren nur noch 60.000 Einwohnern christlich-orthodox geprägt.

Ich wüßte gerne, wie es dort heute aussieht. Gemäß einer undatierten Internetseite existiert der Han noch. Hier ein Foto von 2009 sowie ein mit Hilfe der GTZ erstellter Kurzreiseführer zu Korçë aus dem gleichen Jahr, in dessen Erläuterung es heißt, dass es auch Zimmer zum halben Preis (250 Lekë) gebe. In einem Wikipedia-Beitrag zum Han, in dem auch dieser Blog-Text erwähnt wird,  heißt es, dass hier keine Übernachtungsmöglichkeiten mehr bestehen.

Mehr zu Korçë selbst findet sich in einem weiteren Wikipedia-Beitrag, in dem es heißt: „Jeden Vormittag findet in den Gassen ein Markt statt. Die Ruhe nachmittags hängt auch damit zusammen, dass etliche der Häuser nicht mehr bewohnt werden können. In einigen Bauruinen sind jedoch Roma-Familien eingezogen. Eine Sanierung des Viertels hätte häufig mit abbruchreifer Bausubstanz zu kämpfen. Das touristische Potential wird nicht erkannt.

Nachtrag vom 8. September 2017: Heute habe ich mich lange mit Mikel, einem aus Korçë gebürtigen Albaner unterhalten, der über ein Studium in Griechenland nach Luxemburg kam. Er schickte mir einen Link, der die Geschichte des Basars beschreibt und einen zum heutigen Basar, der mir – wenngleich auf Albanisch – zeigt, wie viel dort in den vergangenen Jahren passiert ist. Da bleibt nur zu offen, dass eine touristische Öffnung nicht zu zerstörerisch wirkt.

Adresse: Rr. Naum Kristo Vokopoja

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt

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  1. Lori Caffè Korçë « akihart

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