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The last Caffs of London

November 5, 2012

Ich hatte mich schon Wochen vorher darauf gefreut: Während einer einerseits satten, andererseits knappen Stunde Aufenthalt von Leeds im Norden Englands kommend und auf den Eurostar nach Paris wartend, bin ich im September 2012 von King’s Cross Station eine Runde südwärts und zurück zu St. Pancras Station gelaufen, um vielleicht noch welche sehen zu können: Erst die King’s Cross Rd. runter bis sie in die Farringdon Rd. übergeht, die dann die Roseberry Av. erreicht, dann entlang des General Post Office zurück und dahinter westwärts in die Calthorpe St. und weiter zur Guilford St., dann wieder nordwärts die Judd St. über den Brunswick Sq. zur Euston Rd. – immer auf der Suche nach „Caffs“. Ich hatte es eilig, ging mit dieser großen Runde mit schwerem Gepäck ein Risiko ein und hatte so meine Befürchtungen: Die legendären Londoner Caffs, auf die ich durch einen 2004 erschienenen Mini-Bildband von Edwin Heathcote aufmerksam geworden war und von denen ich in zwei vorherigen Besuchen schon drei besucht hatte, sind vom Aussterben bedroht.

Hier in Finsbury und Clerkenwell, aber auch in Soho, den Londoner Zentren italienischer Einwanderer, später auch weiter südlich in Richtung City, East End und White Chapel sowie im West End, Pimlico und Islington sind sie irgendwann in den 1940-ern und 50er-Jahren entstanden. Aber es waren nicht einfach nur italienische Espresso Bars, wie wir sie aus Deutschland kennen. In London waren sie Vorboten und Ausdruck einer Revolution der städtischen Kultur: Etwas anderes als Teestuben, Kneipen, Imbissbuden oder Restaurants. Etwas dazwischen und all dieses vereinend. Vor allem Ort der Kommunikation. Tagsüber.

King’s Cross Road also, gleich um die erste Ecke: Ist das eins?

Caffs in London, King's Cross Rd,  Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Ja, könnte sein, aber vielleicht zu edel im Schrift-Design. Wenig später: Ist das Teil der gleichnamigen Kette? Wohl nicht. Der Kette fehlt das Apostroph.

Caffs in London, King's Cross Rd,  Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Oder das?

Caffs in London, King's Cross Rd,  Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Das vielleicht?

Caffs in London, King's Cross Rd,  Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Meine Bibel unter’m Arm, wußte ich, dass an der Ecke Farringdon Road 162 zumindest 2004 (nach Heathcote, Clerkenwell & City 124-125) eins bestanden hat: Das Muratori. Und da ist es tatsächlich:

Caffs in London, The Muratori in Farringdon Rd., Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Yeah! Ich fühlte mich wie ein Trainspotter, dem eine ÖBB-Co’Co‘ Lokomotive der Baureihe 1010/1110 begegnet. Und wußte beim Näherkommen und Realisieren, dass der Laden geschlossen ist, nicht, ob ich mich jetzt freuen oder trauern sollte:

Caffs in London, The dead Muratori, Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Jalousien auf Halbmast, die Fenster verstaubt, eine Zeitung vom Dezember 2011 und eine abgestandene Tabasco-Flasche…

The dead Muratori, London Caffs, Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Caffs in London, The dead Muratori, Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

The dead Muratori, London Caffs, Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Murator Caff_London (c) Ekkehart Schmidt

Es ist, wie bei Heathcote prophezeit: Die Londoner Caffs sind eine aussterbende Spezies. 2004 schrieb er schon, sein Doku-Büchlein käme zehn Jahre zu spät. Schon während der Architekt an den Texten geschrieben habe, sei die Hälfte der Caffs auf seiner ursprünglichen Liste verschwunden. Bemerkenswert am Muratori empfand er die Durchsichtbarkeit aufgrund der großen Fenster, die Hässlichkeit des braun-beigen Tresens und des Interieurs insgesamt, das von den Ausdünstungen der auf den Tischen stehenden braunen Sossen koloriert worden zu sein scheine. Im Januar 2014 habe ich wieder nach dem Rechten gesehen: Das Haus wird komplett saniert:

Caffs also: Man habe oft genug gelesen, London sei heute eine kulinarische Global City, jedenfalls von Autoren, die ihre Zeit damit verbringen, kostenlos in extravaganten Lokalen zu dinieren. Jahre zuvor sei London ein kulinarisches schwarzes Loch gewesen, „a disaster area of Brown Windsor and overcooked greens“. Und: „It was impossible to get a good cup of coffee“. Man lese heute in London publications auch, wie wundervoll es sei, „that the corporate coffee chains have sprung up to save us with their wonderful coffee and qualified baristas. Where else could you have gone for a coffee and a chat?“. Die wahre Antwort auf diese rhetorische Frage ist wichtig, erklärt Heatchcote: „The answer is that we used to go to the caff. The problem with the question, however is that it is the wrong one.“ Die Mittelschicht habe tatsächlich keinen Ort gehabt. Wohl aber die Arbeiterklasse: Sie ging zu den nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen, von Italienern aufgebauten Caffs: Da gab es keine Dining rooms viktorianischen Stils und keine Milk Bars, sondern eine neue Kultur von Service und Stil – Coffee-Bars mit kleinen Mahlzeiten und schlichter Atmosphäre.

Was erst mit den Fast-Food-Ketten und dann mit den Franchise-Coffeeshops und Sandwich-Ketten verloren gehe, sei eine echt lokale urbane Kultur, mit der Anti-Ästhetik ihrer Inneneinrichtung, „outposts of the unmodernised, the undesigned; the last vestiges of the family business in a swamp of corporate conformity which has homogenised our streets, so that they have become the blandest and ugliest of any European capital.“

Zurück jetzt zum Bahnhof, schnell noch das Bloomsbury Restaurant suchen… Aber es ist vollständig vom Brunswick Square verschwunden. Aber da ist noch ein anderes Lokal, mit der Aufschrift „progressive working class caterer“ – auch interessant, aber kein Caff:

London Caffs, Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

In meiner 10 x 10 cm großen Bibel sind 33 von sicher weit über 100 Caffs mit Fotos dokumentiert und in Texten architektosoziokulturell beschrieben. Heathcote hat sogar eine eigene Typologie erarbeitet. Vielleicht war es es, der mir ab Februar 2006 mit dem Besuch des „Andrews“, von „Rosa’s Café“ und des „Vernasca“ die Augen geöffnet hat, Caféausschankstätten in Addis Ababa, Kairo, Saarbrücken und Teheran anders zu sehen. Thanks a lot Edwin for the analyses. And Sue for the photographs!

Das „Andrews“ in Clerkenwell/ City (160 Grays Inn Road) war 2006 noch eines dieser gut erhaltenen Originale, in dem öfters Berühmtheiten und Medienleute auftauchen, am Charakter als „Hafen der Arbeiterklasse“ aber nichts ändern, im Gegenteil: Die Mischung macht es. Im Vergleich zu den Fotos von Sue war der Tresen nach vorne verlegt worden, so dass der Zugang zur Küche frei wurde. Drei neue Tische zählte ich, habe aber leider keine Fotos dieser patinadurchtränkten, aber auch etwas heruntergekommenen Atmosphäre innen gemacht:

London_Caff_Andrews 2006 Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Im Januar 2014 traf ich auf ein neues Design, das Breakfast cooler präsentierend. Leider war es um 18 Uhr schon geschlossen:

Andrew's Caff_London (c) Ekkehart Schmidt

Andrew's Caff_London (c) Ekkehart Schmidt

Auch „Rosa’s Café“ trafen wir 2006 im East End (12 Hanbury Street) äußerlich unverändert an. Im Inneren hat sich natürlich auch nichts getan an diesem ästhetischen Gemisch grässlicher Stühle und Marmorböden, 70er-Jahre-Kacheln und schmutzigen handgeschriebenen Notizen überall an den Wänden. Wenn es auch nicht so wirkt: Der Laden war eines der hippen Places-to-be für die zunehmend wohlhabendere East-Londoner Künstlerszene, erstaunte – so nahe an der Liverpool Street Station und der City mit ihren Bankern – vor allem dadurch, dass er überlebt hat. Jedenfall bis 2006:

Das „Vernasca“ in Aldgate (Wentworth Street) schließlich war 2006 ein weiterer Survivor einer gemütlichen „old-style-eaterie“, in der alles im Inneren aus Holz ist. Ansonsten sind neben den Sandwichs und dem Chickencurry im Angebot vor allem die tief dunklen Brownies zu erwähnen, neben der Kaffeemaschine natürlich:

London_East_Caff_Vernasca 2006 Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

London_East_Caff_Vernasca 2006 Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Nachtrag: Mitte Januar 2014 bin ich wieder hier, u.a. auf Caff-Suche. Hier die Funde: Pane Caffè, …

Quellen: Heathcote, Edwin/ Barr, Sue: London Caffs, Wiley-Academy, Chichester 2004 (eine Rezension), Caff Top Ten (eine Tour von 2005, in der schone einige RIP zu vermerken waren), Lost Cafes (eine andere, aktuellere Liste) und schließlich eine aktuelle Mini Caff Tour.

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

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