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Kulturfestival „El-Fan Midan“ am Ende?

Oktober 29, 2012

Zwei Monate nach dem Sturz von Hosni Mubarak hat die „Independent Culture Coalition“ die Idee eines revolutionären Kunst- und Kulturfestivals erstmals umgesetzt. Am 2. April 2011 fand auf dem Midan Abdin, dem Platz vor dem früheren Palast der letzten ägyptischen Könige, erstmals ein „El-Fan Midan“ genanntes Fest (übersetzt etwa ‚Kunst ist ein Platz‘ bzw. ‘Art is a Square’) statt. Der Grundgedanke ist einfach: Es geht darum, Kunst und Kultur unzensiert und frei zurück auf die ägyptischen Straßen zu bringen und durch ein niedrigschwellig zugängliches kostenloses Straßenfestival auf einem Platz (arab.: Midan) zur kulturellen und politischen Bewustseinsbildung beizutragen.  Natürlich ging es immer auch darum, die Ideen der Revolution dem einfachen Volk näher zu bringen.

Zeitgleich fand das Festival nicht nur in Kairo, sondern auch in fünf anderen Gouvernoraten statt: Alexandria, Assiut, Luxor Minya und Port Said. Ein halbes Jahr später hatte man schon 16 Städte in 13 Gouvernoraten als Veranstaltungsort für diese eigene Form „ägyptischen Karnevals“ an jedem ersten Samstag des Monats erreicht. Für 2012 waren 30 Orte anvisiert.

Am 7. April 2012 feierte das ungewöhnliche Event noch zuversichtlich seinen ersten Geburtstag, doch steht dessen Zukunft im Herbst 2012 in den Sternen. Schon am 3. Mai 2012 wurde das Festival aufgrund der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Abbassiya abgesagt, fand dann im Juni,  Juli und wohl zuletzt am 4. August (mit einem Auftritt der revolutionär-aktivistischen Gruppe „Eskendrella“) wieder statt. Was September und Oktober angeht, habe ich so meine Befürchtungen…

Höhepunkte waren vielleicht die Auftritte des Sängers der Revolutionshymne, Rami Essam am 9.10.2011 (Video), und am 7. Mai 2012 der Sängerin Maryam Saleh (Video, Porträt). Zwei Wochen vor dem einjährigen Jubiläum, am Abend des 16. März 2012, waren wir zum zweiten Mal dort. Es traten weniger aufregende Amateur-Sängerinnen und Sänger mit einzelnen Darbietungen auf, Solo oder mit Schlagzeug und Gitarre begleitet. Eingeführt wurden sie durch eine Dame des Organisationsteams:

Auftritt beim El-Fan Midan Kairo März 2012 Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Viel los war im Vergleich zum Vorjahr schon nicht mehr. Bei Einbruch der Nacht leerte sich der Platz abseits der Bühne auch relativ schnell. Die Verkaufsstände für selbst erstellte Textilien, Schmuck, Schreibutensilien und schön gestaltete Tagebücher sowie anderes Kunsthandwerk rund um den Platz wurden abgeräumt, während die Kinder weiter herumtollen wie auf jedem anderen Platz in Kairo um diese Zeit:

El-Fan Midan Kairo März 2012 Copyright Ekkehart Schmidt-Fink

Ihnen wird kaum bewusst sein, dass sie Teil von etwas ganz Neuem gewesen sind: Das Volk hat sich mit dem „Fan Midan“ den öffentlichen Raum zur freien eigenen Gestaltung ohne Angst vor Repressionen zurück erobert. Die Älteren haben gelernt, dass ihnen die Plätze auch für den Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins gehören, diese nicht für den Verkehr und die öffentliche Repräsentation der jeweiligen Machtelite reserviert sind. Freie Meinungsäußerung der Zivilgesellschaft. Keine staatliche Zensur. Das ist sehr viel.

Im Dezember 2011 hatte der unabhängige Filmemacher Azza El-Husseiny vom Organisationskomitee bei einem vom deutschen Goethe-Institut organisierten „Forum of Culture and Politics“ das Ziel der Veranstaltung benannt als „seeking public cultural dialogue among the masses through art, music, and theatre“. Für ihn war der Midan Abdin der bessere Platz für das Festival, als der ungleich berühmtere Midan Tahrir, weil man hier ähnlich zentral und vor historisch ebenso bedeutsamer Kulisse ruhiger, in die Nachbarschaft eingebettet, ohne Verkehrslärm und auch ohne Demonstrationscharakter feiern könne. Eine der Organisatorinnen, Somaya Amer, betonte, worum es geht: Zu lernen, dass Kunst nicht unzugänglich oder falsch ist, sondern etwas, an dem man auf der Straße teilhaben kann, das sich also nicht nur in Studios oder edlen Galerien abspielt.

Die Zukunft des Konzepts der „Fan Midan“ ist jedoch unsicher. Das Kultusministerium, dessen finanzieller Input bei allem ehrenamtlichen Engagement – gut 80 NGOs und rund 120 bekannte Personen tragen finanziell zu den Kosten bei – zwingend nötig war, hat die Mittel gekürzt. Auch scheint es Zensurversuche zu geben.

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

Literatur und Quellen:

Al Ahram (english version): Future of ElFan-Midan hangs in the balance, 16.07.2012; kealmelid: Rami Essam – Kolena Id Wahde- El Fan Midan Cairo, 03.08.11; lorenzkh: El Fan Midan 07.01.2012 (You Tube-Video: Auftritt der Musikgruppe Nas Makan); Metwaly, Ati: A midsummer night’s maidan, in: Al Ahram weekly, 16. – 22. August 2012; Molicchi, Silvia: Al-Fan Midan brings the arts to the streets, in: Egypt Independent, 05.10.2011; Montasser, Farah: A year of El-Fan Midan in Egypt, in: Al Ahram, 10.04.2012 (mit Videos); Reda, Sherif: Mariam Saleh on El Fan Midan 7 5 2011 (Video); Saad, Mohammed: Future of El-Fan Midan hangs in the balance, in: Al Ahram, 16.07.2012

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