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„Judd mat Gaardebounen“

Oktober 6, 2012

„Kachkéis, Bouhneschlupp, Quetschekraut a Muselsbéier…“ – die so genannt typisch luxemburgischen Spezialitäten werden gerne besungen und schmecken lecker. Neben Kochkäse, Schnittbohnensuppe (hell oder dunkel), Zwetschgenmus und Bier von der Mosel gibt es auch  „Judd mat Gaardebouhnen a gebootschten Gromperen“  (gesalzener Kochschinken mit Acker- oder Saubohnen und Bratkartoffeln), habe ich heute im Restaurant „A Possen“ in Bech-Kleinmacher an der Mosel gelernt und letzteres bestellt:

Das sei geräucherter Schweinenacken bzw. gepökelter Schweinehals, so etwa das Beste am Schwein. „Judd“ – ein „klangvoller Name“, heißt es, wie ich zu Hause bei Recherchen herausfinde, zum Beispiel auf der Seite der Best Western Hotels. Allerdings… Aber nicht vielleicht auch ein wenig mit einem „Geschmäckerl“? Online finde ich nichts zur Ethymologie des Namens. Im Restaurant hatte ich gefragt, woher der Name komme und was er bedeute. Ein Tischnachbar sagt: Das Schweinestück hätten annudazumals die jüdischen Händler bekommen, daher der Name. Aha?! Die uralten Klischees wirken, ich denke: Wohl, weil sie es sich aus einer gewissen Machtsituation herausnehmen konnten, dies zu verlangen? Oder hat man sie gar verarscht, wie man heute sagen würde? Schließlich essen Juden wie Muslime kein Schweinefleisch. Auf diese Version hin beeilt sich, wohl meinen etwas sprachlosen Blick registrierend, ein anderer: Es gebe auch die Variante, daß man nach den ersten Bissen immer gesagt habe: „Ah, ist dat judd!“. So gut also, dass man die Speise sozusagen „Gut“ genannt hat? Schön wär’s, aber ich fürchte eher, daß die deutlich antisemitisch unterlegten Erklärungen zutreffen und keine Sensibilität bestand, die Spezialität nach 1945 anders zu benennen.

Als Reaktion auf diesen post schreibt eine Freundin, „Judd“ sei ein spanisches Wort für Bohnen. Hmmh? Heute früh frage ich eine luxemburgische Kollegin. Sie weiß es auch nicht, kennt aber einen Schriftsteller, der ihr von einer Webseite erzählt hatte, auf der solche Fragen abgehandelt werden. Der Linguist und Orientalist Jean-Claude Muller vom Institut grand-ducal bestätigt dort die These einer ursprünglich spanischen Bezeichnung für eine bestimmte Bohnensorte namens „judia“ (ausgesprochen „chudia“, die auf die Zeit der spanischen Herrschaft über die Niederlande stammte, von wo der Begriff nach Lëtzebuerg kam (hier seine Erläuterungen). Entwarnung also …, obwohl es da durchaus einen eher fragwürdigen „semantischen Transfer“ gab, der mit Juden zu tun hatte.

Nachtrag 1: Einen sehr interessanten Hinweis liefern André Linden und Guy Thewes, die das Gericht als kulinarisches Beispiel für das „Making-of“ touristischer Sehenswürdigkeiten nennen. Es sei im Rahmen der touristischen Vermarktung des Landes als Nationalgericht quasi erfunden worden – also eine ex novo Kreation wie der berühmte hohle Zahn auf dem Bockfelsen, der im Nachhinein errichtet wurde, um romantisch gestimmten Touristen (deren Blick bestimmte, was sehenswert ist) etwas Sehenswertes zu präsentieren.

Nachtrag 2: In einem Schwerpunkt zum Thema Nationale Küche heißt es im Letzebuerger Journal vom 26.11.2016, „Judd“ heiße das geräucherte und gepökelte Halsstück vom Schwein. Und es wird angemerkt, dass der luxemburgische Ursprung des Gerichts doch stark umstritten sei. Schließlich seien die dicken Saubohnen erst mit den Spaniern ins Land gekommen. „Den fetten Schweinenacken kannte man schon länger und packte dann das eingewanderte Gemüse dazu. Typisch Luxemburg – alles was sich nicht wehrt, wird kulinarisch integriert“, schreibt Patrick Welter.

Verwendete Quellen: Linden, André/ Thewes, Guy: Tourismus und nationale Identität, in: Forum 271, November 2007; Nachdruck in ons stad Nr. 88, 2008, S. 4-8; Welter, Patrick: Kulinarische Melange. In: Letzebuerger Journal, 26.11.2016. S. 3.

Rezept.

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