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Kairo. Fußgängerbrücken

September 17, 2012

Es gab einmal eine Zeit, so etwa Ende der 1960er-Jahre, in der die Kairoer Stadtverwaltung im Erschrecken über die damals als massiv empfundene Zunahme des Autoverkehrs und der fürsorglichen Erkenntnis, ungefährliche Straßenüberquerungsmöglichkeiten für Fußgänger schaffem zu müssen, stählerne Fußgängerbrücken bauen ließ.

Eine Postkarte von 1973 (Quelle Samir Rafaat) hat mich immer fasziniert: Sie zeigt eine kreisrunde stählerne Fußgängerbrücke rund um den Midan Tahrir. Ein versuch, die Passantenströme zur Mogamma und den Eingangstoren der Neustadt zu leiten. Ich habe diese Konstruktion bei meinem ersten Kairo-Aufenthalt 1988 nicht mehr erlebt. Ein Foto aus einem Reisebericht zeigt den Aufgang auf die Brücke:

Schon Anfang der 1980er-Jahre existierte diese kreisrund den Platz umrundende, von vielen aber als hässlich empfundene Fußgängerbrücke nicht mehr. Sie hatte beim Bau der 1988 fertig gestellten Metro zu weichen. Eine ähnliche Brückenkonstruktion wurde am Midan Falaki sowie am Bahnhofsvorplatz Midan Ramsis errichtet. Letztere existiert – in immer wieder veränderter Konstellation – bis heute, allerdings beim Blick vom Everest Hotel verschwindend unter den autobahnähnlichen Flyovern:

Abends lohnt ein Bummel sehr, es bieten sich interessante Ausblicke, wie hier 2011 auf einen Metzger:

Auch über das eigentliche Bahnhofsgelände führt noch eine Fußgängerbrücke von den Gleisen am Midan Ramsis zu den Gleisen an der westlichen Seite, und damit nach Shubra :

Da, wo sich südöstlich vom Hauptbahnhof die Passantenströme von der Sharia Muski und dem Basar zurück in Richtung Midan Ataba bzw. der Neustadt bewegen und die Sharia Bur Said erreichen, steht noch eine dieser alten Fußgängerbrücken. Der Verkehr ist hier extrem, Stoßstange an Stoßstange quälen sich die Autos nord- und südwärts.

Im Zentrum der Altstadt führte bis vor einigen Monaten eine weitere Fußgängerbrücke in der Verlängerung der historischen Nord-Süd-Achse der Sharia Muizz li-Din Allah vom Ghouri-Mausoleum zum Khan el-Khalili (auf dem ersten Bild unten links erkennbar):

Im Spätsommer 2012 ist diese Brücke über die Al-Azhar-Straße abgerissen worden. Das Bild unten zeigt die Situation Anfang Oktober (im Bild rechts, nur jeweils die Treppentürme stehen noch, der Überbau ist entfernt) sowie die kairotypische Abhilfe (links, Mann vor Lieferwagen zwängt sich durch ein in den Zaun geschnittenes Loch, zum Schutz vor Beulen am Kopf wurde die obere Querstrebe abgepolstert):

Die Hintergründe dieser Maßnahme (Abriss, Erhöhung der Durchfahrt, Vorbereitung des Baus einer neuen Metrostation, robleme mit dem Stromkasten?) sind mir unbekannt. Jedenfalls war die Situation im Februar 2013 unverändert.

Drei ähnliche Brücken führen in Mohandessin, inmitten des durch einen Strassendurchbruch geteilten Dorfes Mit Oqba, über die breite Sh. 26 Yulyu. Eine weitere führt an zwei Stellen der Sh. Sudan nach Boulaq ed-Dakrour über einen Kanal und die Eisenbahnschienen. Auch in Imbaba besteht eine über Eisenbahnschienen führende Brücke, die allerdings so gut wie gar nicht genutzt wird. An der Corniche führt auf der Höhe von „Babylon“ eine Brücke zum Nilufer. Und etwas weiter nördlich kann man auf einer Holzbrücke zur Insel Roda flanieren. Schließlich ist mir noch eine metallene Fußgängerbrücke im Norden der Stadt über die Zawiyet el-Hamra in Ost-West-Richtung querende Schnellstraße bekannt.

Alle diese Brücken sind insgesamt eher wenig genutzt worden. Wer in Kairo zu Fuss unterwegs ist, quert lieber eine stark befahrene Strasse, als sich auf den eher anstrengenden Weg eine Treppe hinauf zu begeben. Zwingen liessen sich die Kairener nicht, es sei denn – wie im Falle der Metroausgänge – es gibt wirklich keinen anderen Weg.

Mit dem Metrobau der späten 1980er-Jahre entstand schließlich im Norden Kairos an der Endstation der Metro in Shubra el-Kheima eine weitere imposante Fußgängerbrücke über die Ausfallstraße nordwärts ins Nildelta:

Unter der Brücke ein Gemüsehändler:

Alle Kairoer Metrostationen haben solche Fußgängerbrücken zur Verbindung beider Seiten des Schienenstrangs. Sie sind meist unscheinbar. Sehr weit südlich von hier an der Station „Mar Girgis“ befindet sich allerdings eine Brücke, die zu queren sehr lohnt, läuft man hier doch von einer Welt in die andere: vom stark touristischen „koptischen Viertel“ in eine ärmliche informelle Situation:

Abgesehen von den Metro-Überbrückungen verschwinden offenbar die letzten stählernen Fußgängerbrücken in Kairo. Ein Verlust. Es gibt aber auch Vorschläge für neue Brücken: So könnte die ehemalige Boulaq-Bridge nach Zamalek, die zur zeit weiter nördlich im Gebiet bei Sahel „deponiert“ wurde, als Fußgängerbrücke vom Ägyptischen Museum nach Zamalek genutzt werden, wurde im November 2011 vorgeschlagen (Text im Cairo Observer).

Copyright Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink (außer der Postkarte vom Tahrir, siehe Samir Raafat, der zwei Fotos von der Brücke am Ghouri-Mausoleum/ Khan el-halili: Littleburni) und dem Foto der abgerissenen Al-Ghuri-Brücke (Stefan Mucke, Dresden).

Der Text wurde Ende 2012 in leicht veränderter Form im Papyrus-Magazin abgedruckt. Lektüre im PDF-Format:  Treppe rauf, Treppe runter?

Literatur: Raafat, Samir: Midan Al-Tahrir, Cairo Times, December 10, 1998

From → Kairo

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