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Farvardin Guest House Teheran

August 17, 2012

Mein erstes Hotel im Iran war im März 1992 das „Farvardin“. Der Backsteinbau am zentralen Meidan-e Imam Khomeini (ehemals Meidan-e Sepah) unmittelbar nördlich der Altstadt  ist einfach und sehr hellhörig, man hört die Leute husten und schnauben. Damals schrieb ich im Tagebuch: „Ich höre die Leute husten, Chrrkkh …, den Schleim hochziehen und Chteh ausspucken (in’s Klo oder Waschbecken), höre sie pinkeln, scheißen, pfurzen und erleichtert stöhnen – alles hallt sehr, es klingt, als hätte ich die Tür offen stehen.“ Im Winter bekam man Petroleumheizfunzeln zum Wärmen, die das ganze Zimmer verqualmten. Morgends wurden sie vom Hoteljungen eingesammelt. Damals war man nicht auf Charigi (Ausländer) eingerichtet, betrachtete einen erst einmal sehr skeptisch und unsicher: Charigis übernachten sonst in „besseren“  Etablissements. Und Rucksacktouristen hat es seit 1979 wohl eher wenige gegeben.

Als ich abends dort ankam, waren die Leute in der Rezeption erst einmal etwas perplex und meinten, ich solle mich erst einmal setzen. Dann kam „Ya Seyyid Mollawi“, ein dicker 35-jähriger in grünen Armeeklamotten und kurz geschorenem Rauschebart. Allein in diesem Rezeptionszimmer zählte ich 15 Khomeini-, 8 Khamanei- und drei oder vier Rafsandschani-Bilder. An den Wänden oft das Päarchen Kh-Kh, manchmal auch das Dreigestirn. In den Hotelfluren überall Revolutionsbilder, Photos von den Demos zum Beispiel. Und auch Zeitungsausschnitte mit Überschriften wie „Pahlevi hat das Land verlassen“ oder pathetische bunte Propagandaprachtstücke: Khomeini schreibt unter einem Gewölbe aus Rosenhecken hindurch, vor ihm ein zerrissener Stacheldraht, gesprengt von einer Rosenblüte. Es sollte wohl Revolutions- und Religionstreue demonstriert werden, vielleicht echt, vielleicht als Hinweis an die Gäste, sich entsprechend zu verhalten. Zwei der drei Hotelleute wirkten auf mich revolutionsergeben, ein dritter schien eher westlich ausgerichtet, während ich die drei Jungen nicht einordnen konnte. Jedenfalls kam mir später der Gedanke, dass sie durch meine Frage nach einem Zimmer vielleicht wirklich irritiert waren, unsicher, ob es OK ist, mich hier schlafen zu lassen. Ob ich der erste rucksackreisende Westler seit Jahren war?

Ich bekam mein Zimmer für 2000 Rials (2,50 DM) – was sehr erleichternd war, hatte ich doch vorher gehört, daß Ausländer in den Hotels mit Dollar zu zahlen hätten (mindestens 30) – auf Dauer unbezahlbar für mich. Jedes der zehn bis 12 Zimmer bietet einen Schrank, Schreibtisch und Stuhl. Dazu gibt es Gemeinschaftstoiletten, aber (zumindest damals) keine Duschen. Wegen des Lärms vom Platz ist eins der Hinterzimmer zu empfehlen. Hier schliefen eher Leute, die für ein paar Tage beruflich in der Hauptstadt zu tun hatten: Geschäftsreisende der einfachen Art, Händler vor allem. Morgends bin ich während des 14-tägigen Aufenthalts immer mit meinem Becher voll Nescafépulver in die Rezeption und habe mir heißes Wasser vom konstant brodelnden 2-Liter-Teewassertopf auf dem Ofen drüber schütten lassen.

20 Jahre später, im August 2012, war es wunderbar zu sehen, dass das Hotel noch existiert, heute als „Hostel“ firmierend und etwa 10-20 EUR die Nacht kostend Einzel- oder Mehrbettzimmer). Wegen Lage und Preis scheint das Hostel heute ein Backpacker-Tipp zu sein:

Die Geschäfte am Platz bieten modernste Elektronik. Nach Abschluss der Metro-Bauarbeiten ist der damalige Busbahnhof durch zwei Taxistände gelber und grüner Taxis ersetzt worden.

Das Farvardin liegt sehr zentral etwa 8 km westlich des Mehrabad-Flughafens am Meidan-e Imam Khomeini, der das Scharnier zwischen Altstadt mit Golestan Palast im Süden sowie der Neustadt vom Ende des 19. Jahrhunderts bildet. Es findet sich genau gegenüber des grau-verstaubt hässlichen Hochhauses der Post &  Telecommunication Co:

Der Eingang ist mittlerweile hinter das Haus, eingangs der Khiabane Ferdowsi, verlegt worden. Die Lobby ist viel großräumiger als früher und mit Sesseln und Teppichen ausgestattet (etwas verstaubt wirkend), wahrscheinlich war hier früher ein eigenständiges Restaurant, jetzt kann man hier in eher eingeschränkter Auswahl einfach essen:

Number 654, Khiabane Ferdowsi, Meidan-e Imam Khomeini, Tel.: 33912777, 33910525, 33910554 (siehe Foto oben)

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

From → Hotels, Iran

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