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Kinisa Sankt Mina

April 5, 2012

Diese hohe und doch extrem schmale (oder soll man besser sagen: „kurze“?) koptische Kirche ist in den Tagen der ägyptischen Revolution (oder soll man besser sagen: „Aufstand“?) während einiger Tage sehr dominant durch die Weltmedien gegangen … und schnell vergessen worden. Ein typischer Fall einer nur wenig versteckten sensationslüsternen kurzen heftigen Aufgeregtheit, auf die dann nichts mehr folgte: Kein späteres feedback und Erklärungen konkret vom Ort des Geschehens für die Leserschaft und Nachrichtengucker. So blieb haften, was alle schon lange befürchten/ erwarten/ stereotyp wissen: Christen werden in arabischen Ländern bedroht und verfolgt, haben um ihr Überleben zu kämpfen. Die Realität sieht – von Einzelfällen abgesehen – anders aus. Übrigens auch in umgekehrter Sicht, was die Freiheit der Religionsausübung von Muslimen oder rassistisch motivierte Anschläge in christlich dominierten Ländern angeht. Man denke an die Mordserie an Deutschtürken, an die Brandanschläge in Völklingen und an die im Juli 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal vom Angeklagten ermordete Ägypterin (ach: die Geschichte kennen Sie nicht?).

Im März 2011 lud mich Sarah in ihr Viertel an der Hauptstraße El-Wahda in Imbaba zum Kosheri-Essen ins sehr gerühmte „Al-Ustez“ ein. Gegenüber erhob sich die Kirche („Kinisa“ auf Arabisch) Sankt Mina. Am 8. Mai wurde sie aus einer Protestdemo heraus angezündet und brannte. Es gab neun Tote, wie ich aus den Medien erfuhr (Berichte bei ntv, der NZZ und mit etwas Abstand in der taz). Die Umstände blieben zunächst unklar, aber es seien wohl islamistische Extremisten gewesen, die sich empörten, weil es Gerüchte über eine interkonfessionelle Hochzeit gab bzw. es hieß, eine Muslima werde in der Kicrche festgehalten, um zum Christentum bekehrt zu werden. Oder so ähnlich.

Ein Jahr später haben wir uns wieder bei Al-Ustez verabredet (Fotos). Sarah hatte schon wenige Tage nach dem Brand auf Facebook gepostet, dass die Kirche mit Hilfe des Militärs und empörter/ erschrockener (auch muslimischer) Büger wieder instand gesetzt worden sei. Damals begannen auch viele Ägypter demonstrativ mit einem per Graffiti oder Halskette in ein Kreuz verschlungenen Halbmond zu demonstrieren, daß sie ein friedliches Zusammenleben wünschen.  Jetzt konnte ich das mit einer deutschen Begleiterin in Augenschein nehmen: Im Erdgeschoß der Kirche werden wir sehr freundlich empfangen. Hier blickte man in eine Art Kapelle, wie es schien. Ein Herr (kein Priester) unterhielt sich mit einem halben Dutzend in den Stuhlreihen sitzender Frauen. Eine Art Bibelstunde vielleicht. Zwei der Frauen sprachen uns anschließend sofort an, interessiert an uns. Europäer kommen offenbar so gut wie nie hierher in diese riesige, Ende der 1980er-Jahre entstandene informelle Zuwanderersiedlung im Nordwesten der Metropole, in der die Ziegelsteinbauten von bis zu acht Stockwerken Höhe seltenst verputzt sind. Ein Mann führte uns dann hoch und wir lernten: Es gibt drei „Kapellen“ übereinander, von denen die oberste noch nicht ganz fertig ist.

Fast die gesamte Inneneinrichtung der Vierteslskirche ist tatsächlich wie neu, aber bei genauem Hinschauen sieht man Nischen für Ikonen und andere Deko-Elemente, die noch leer sind. Von Brandspuren ist nichts mehr zu sehen und auf unsere Nachfragen wird auch nichts Konkretes gesagt. Der Bau ist aber auch ohne diese „Episode“ interessant genug: Aus Platzmangel – typisch für die informellen Siedlungen ist der fast vollständige Mangel an öffentlich nutzbaren Flächen – war es nicht möglich, ein angemessen großes Kirchenschiff zu bauen. Hier Fotos vom unteren der drei Räume:

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

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