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Letzte Tage „Chez Rosalie“

März 24, 2012

Die Einrichtung ist schon sehr schräg. Nichts für Ästheten des so genannt „guten“ Geschmacks. Aber originell, unprätentiös und authentisch durch und durch. Wie die Inhaberin dieses Lokals im kosmopolitischen Viertel Bonnevoie süd-östlich des Luxemburger Hauptbahnhofs. Rosalie kam im Alter von 28 Jahren mit zwei Kindern aus Slowenien nach Luxemburg und ist jetzt 34 Jahre hier. Sie betont das: „Luxemburg hat mich adoptiert, ich liebe das Land.“ Durchaus stolz schwärmt sie dennoch, dass damals 2007 gut 350 Gäste zur Einweihung ihrer Pianobar gekommen sind. Sie hatte das damals 18 Jahre alte Lokal von einer Chantal übernommen, aus „Chez Chantal“ einfach „Chez Rosalie“ gemacht und die Tradition einer familiären Kneipe mit ihrer ureigenen Handschrift fortgeführt. Die gesamte Inneneinrichtung, auch die Ölbilder, gerne mit Musikinstrumenten zu Collagen verbastelt, ist ihr Werk. Die Geburtstagsparty eines Stammgastes gestern war fröhlich und bot die typische Mischung von Gästen unterschiedlichsten Alters und ähnlicher wie deutlich diverser Lebensvorstellungen, welche die Abende hier so erfrischend machen. Dennoch war die Szenerie von Wehmut unterlegt, sind doch die unbeschwerten Tage vorbei: Das Haus wurde verkauft und wird bald abgerissen, ein Investor ersetzt es durch Apartments und Geschäfte. Eine leider zu typische Geschichte aus der Boomtown Luxemburg, deren Grund- und Hauseigentümer – durch Geld verlockt – immer wieder verkaufen, was gewachsen ist und damit zerstören, was typisch und liebenswert war.

Rosalie ist eine ungewöhnlich herzliche offene und klare Frau, die für jeden Gast ein offenes Ohr hat und stolz auf das Gemeinschaftsgefühl ist, das sich entwickelt hat:  „Wir waren hier wie eine Familie: Man hört einander zu und hilft sich, wenn nötig“. Sie hat wohl wirklich jedem Gast das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. „Ich liebe jemanden oder nicht“, sagt sie. Egal, ob er Alkoholiker, Junkie oder Banker ist. Wer sich aber daneben benimmt, braucht nicht mehr zu kommen. Dann git es Hausverbot. Was wird sie nun tun? Zunächst hat sie die von ihr gestaltete Einrichtung fast komplett verkauft. Viele Gäste haben Tische und Stühle, Bilder und einen Teil der afrikanischen Statuen erstanden. Das Piano findet künftig im Kasemattentheater einen Platz. Rosalie und ihr Freund wollen erst einmal eine Reise unternehmen. Rosalie hat seit  zehn Jahren keinen richtigen Urlaub mehr genommen. Sie liebt Inseln im Mittelmeer. Vielleicht geht es nach Sardinien, Kreta und Teneriffa nun bald einmal nach Korsika. Am 2. April heisst es mit einer letzten Party endgültig Abschied nehmen… Es soll nicht traurig werden. Rosalie hat angenommen, was ihr – zwei Jahre vor dem Rentenalter – widerfährt und übernimmt die letzte Runde. Mal sehen, ob es wieder 350 Gäste gibt. Das wäre schön. Neben vielen Stammgästen, wie dem Schauspieler Marco Lorenzini und anderen, wird auch ein gutes Dutzend Bürgermeister kommen, erzählt Rosalie . Was da genau der Kontext ist, hab ich nicht verstanden, aber sie möchten ihr wohl „Danke“ sagen. Artikel des Stammgasts David Wagner in der Woxx: La bonne voie de Rosalie

Nachtrag: Nachdem das Gebäude schon monatelang leerstand, begannen Ende September 2012 die Abrissarbeiten (Foto: Magali Cahen):

Im Herbst 2014 war der Nachfolgebau fertiggestellt. Immerhin ein energetisch sehr sparsames Gebäude. Rosalie wurde ersetzt durch eine von mindestens einem Dutzend Filialen der Bäckerei Fischer (wenn auch ein besonders edel eingerichtetes Exemplar). Nur der Eingang an der abgeschrägten Kante des Gebüdes erinnert an die Vorgängerin. Was aber auch das einzig „schräge“ an dem Bau ist:

Letzte Tage "Chez Rosalie"_© Ekkehart Schmidt

Letzte Tage „Chez Rosalie“_© Ekkehart Schmidt

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  1. Bonny Buvette_Bonnevoie | akihart

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