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Gibna „Au Petit Suisse“

März 19, 2012

Jede Weltsstadt hat nicht nur ihre sehr spezifische Geschichte und besondere Speisen, sondern auch eine Atmosphäre, originelle Züge, künstlerischer Entwicklungen sowie alltagskultureller Phänomene und Absonderlichkeiten, die es nur hier gibt, die ihre besondere Individualität ausmachen. Daszu gehören auch Berufe, Branchen und Geschäfte. Kairo ist durch unterschiedliche starke kulturelle Einflüsse, die sich vor allem in der Neustadt und in Heliopolis vermischt und befruchtet haben, ein Ort voller schöner Beispiele solcher Hybridisierungen. Ein faszinierendes Original kultureller Mischung westlicher und orientalischer Traditionen findet sich am Midan Orabi mit dem Käseladen  „Au Petit Suisse“, arabisch verballhornt „U Biti Suis“ :

Hybridität bedeutet eine Mischform zweier vorher getrennter Systeme. Sie „tritt auf in Situationen kultureller Überschneidung, d. h. teilweise antagonistische Denkinhalte und Logiken aus unterschiedlichen kulturellen, sozialen oder religiösen Lebenswelten werden zu neuen Handlungs- und Denkmustern zusammengesetzt“. Solche Phänomene kultureller Innovation und Dynamiken durch Kulturkontakt werden in meist durch Migranten ausgelöst bzw. entwickelt. So entstand in London die Pizza, wie wir sie heute kennen, in Berlin, Frankfurt und München der Döner.

Käse wird in Ägypten normalerweise nicht industriell hergestellt und in Geschäften angeboten, sondern als häusliches Produkt von Marktfrauen verkauft. In Kairo hat es zur vorletzten Jahrhundertwende starke Communities von Europäern gegeben, darunter auch einige hundert Schweizer. Einer von ihnen hat 1930 im Herzen der damaligen, nach Pariser Vorbild neben der Altstadt entstandenen Neustadt einen Milch- und Käseladen eröffnet. Ob er damit vor allem für Europäer eine stark nachgefragte Marktnische besetzte oder ob auch die Ägypter Appetit auf Appenzeller und Emmentaler entwickelten, ist mir nicht bekannt. Emad Mohammed Radwan, der heutige Inhaber, steht jedenfalls freundlich und gemütlich hinter der Käsetheke, die heute in großen Metallwannen praktisch ausschließlich ägyptische Käsesorten wie Labna und Gibna Rumi, aber auch Ricotta  bietet. Die Schilder hinter ihm zeigen aber, daß das Angebot durchaus einmal breiter war. Nur sind die Europäer aus der Neustadt fort gezogen und kaufen in den gigantischen Shopping malls der Vorstädte Importware aus Holland, während die hier im alten Vergnügungsviertel der Neustadt bummelnden Ägypter ihren Gibna eher bei Bäuerinnen auf dem Stadtteilmarkt kaufen.

Inwiefern sich die Hybridität des „Au Petit Suisse“ auf die nostalgischen Schilder beschränkt, die das europäische Auge magisch anziehen, oder ob hier auch neue Produkte einer gelungenen, europäische und arabische Gaumen in gleicher Weise beglückenden Geschmacksrichtung dargeboten wurden, habe ich bei den zwei Besuchen 2007 und 2012 leider zu erkunden versäumt. Grund genug, dieses Unikum beim nächsten Aufenthalt wieder zu besuchen.

Nachtrag: Im Februar 2013 habe ich wieder diesen wunderbaren Weichkäse „Demi Sel“ gekauft und gegessen, den uns Emad damals schon angepriesen hat: Er ist vielleicht in seiner weichen Konsistenz und dem ganz leicht salzigen Geschmack genau dieses innovative Produkt, das man sich – hat man einmal angebissen – immer wieder wünscht. Und dann ist da noch dieser Honig vom Katharinenkloster im Sinai, von dem man morgens einen Löffel essen soll und der gesundheitliche Wunder bewirken soll…

Au petit suisse (c) Ellehart Schmidt-Fink

Au petit suisse (c) Ekkehart Schmidt-Fink

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

Weitere Schweizer Lokale in Kairo: Groppi, Swiss Club

Quelle des Zitats: Foroutan, Naika/ Schäfer, Isabel: Projektbeschreibung „Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle

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