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Postrevolutionäre Graffiti und Wandmalereien in Kairo

März 18, 2012

Das alte Ägypten ist das Mutterland vieler Formen von Kunst und Kultur. So auch von Graffiti, also von Privatpersonen individuell gekratzten (später gesprühten) Inschriften. Gemeint sind historisch zunächst Inschriften , die auf Felsen, Tempeln, in Gräbern sowie Statuen die Zeiten überdauert haben. Spätestens seit dem Alten Reich, also in einer Epoche vor über 4400 Jahren, entstanden Graffiti in verschiedenen Schriften und Sprachen (vom Demotischen über das Phönikische bis zu Latein und Altgriechisch). Bis ins 5. Jahrhundert n.Chr. wurden sie als Segenswünsche, Gebete und Tempeleide  oder zur Verehrungen von Göttern in Stein geritzt. Darüber hinaus gibt es auch Abrechnungen und bloße Listen von Waren. Und es gab gewissermaßen die ersten „Tags“, also den Namen des Schreibers selbst, der damit damals wie heute sagen will: Ich war hier. Das Land am Nil ist also tatsächlich im echten Wortsinn „das klassische Land der Graffiti“, so Hoffmann.

Aus den über 1500 Jahren seit diesen frühen Graffiti sind am Nil vor allem Wandmalereien von Mekkapilgerern, die nach der Hadsch stolz und in naiv-kindlichem Stil die auf dem Weg genutzten Verkehrsmittel an ihr Haus malten, „Tags“ von Touristen an den Pyramiden und an Tempeln sowie in den vergangenen Jahrzehnten die gepinselte Losung der Muslimbrüder „Der Islam ist die Lösung“ bekannt. Erst Ende 2011, vor allem aber nach der „Revolution des 25. Januar 2012“ entstanden in Kairo und anderen Großstädten wieder Grafitti und auch Wandmalereien. Handelte es sich zunächst vor allem um Slogans gegen Mubarak und später das Militärregime („SCAF“) , dann um stolz revolutionstrunkene, aber meist naive Malereien und schließlich um oft subversve Schablonenbilder in den Monaten der Parlamentswahlen ende 2011, so hat sich seit Februar 2012 eine neue, hohe künstlerische Qualität postrevolutionärer Malereien entwickelt. Vor allem die Sharia Mohamed Mahmoud und die vom Militär zum Schutz des Regierungsviertels errichteten Betonbarrikaden der südwärts führenden Straßen nahe des Midan Tahrir, haben sich seit einem Monat zu einer Art „East Side Gallery“ entwickelt, die an die Berliner Mauer erinnert.

Ich versuche eine kleine Chronologie und Typologie der Stile der letzten 12 Monate. WORK IN PROGRESS …

März 2011:

September 2011:

Oktober 2011, im Faggala-Viertel und an der Townhouse Gallerie:

Sh. Champollion:

November 2011 im Viertel südlich der Ibn Tulun Moschee:

Februar 2012, die Galerie der „Märtyrer“ der El-Ahly Ultras (v.a. der 75 Toten im Stadion von Bur Said) in der Sh. Mohammed Mahmoud (Wand der Amerikanischen Universität, AUC):

An der Mündung der Sh. Mohammed Mahmoud zum Midan Tahrir sieht man den Juntachef Tantawi mehrfach, einmal als Schablonenfratze, die sich im Dreck spiegelt, einmal in ein Bildnis Mubaraks übergehend. Davor baumelt eine Puppe, unter der eine Verkäuferin von Revolutionalien strickt:

Auch die seit dem Umzug der AUC nach New Cairo in die Wüste verwaiste AUC-Library wurde an der Stelle bemalt, wo im Februar bei den Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Militär vor und nach dem Bau einer Straßenbarrikade zum Schutz des Zugangs zum Innenministerium ein Dutzend Tote zu beklagen waren. Das große Bild zeigt den „Sheikh der Revolution“, Emad Effat, der im Dezember 2011 auf dem Midan Tahrir ums Leben kam (mehr hier, Fotos der Beerdigung hier):

Im März 2012 wurden die Wände östlich der AUC-Wand, nach Stürmung und Abriss der dortigen Barrikaden, mit dominant pharaonischen Motiven bemalt:

Am östlichen Ende dieser pharaonischen Wand werden mit Schablonen weiter Grafitti gesprüht:

Und dann ist da noch Hanne, die ägyptische Künstlerin aus Berlin, die ihr Bild Gasflaschen kaufender Frauen vor zehn Tagen begonnen, aber bis gestern noch nicht vollendet hatte:

Von ihr stammen auch die „pharaonischen“ Enten in Berlin und hier in der Sh. Champollion. Mehr zur Bemalung der „befreiten Straße“ hier.

Vor zehn Tagen wurde schließlich auch begonnen, die verbliebenen Straßenbarrikaden zu bemalen: naiv-spielerisch oder auch in illusionistischer Manier: Fotogalerie Barrikadenbemalungen, Blog von Ganzeer, Artikel „The SevenWonders of the Revolution“

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

Quellen: Hoffmann, Friedhelm: Ägypten, Kultur und Lebenswelt in griechisch-römischer Zeit. Akademie-Verlag, Berlin 2000, S. 226-242 (Online, abgerufen am 18. März 2012); Marks, Angelika: Graffiti, in: Papyrus Magazin, Heft 3 – Januar/ Februar 2012, 32. Jg., S. 36-37;

Zum Weiterlesen: Zoghibi, Pascal/ Stone, Don Karl aka: Arabic Graffiti, Berlin 2011

 

From → Kairo, Street Art

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