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Townhouse Gallery of Contemporary Art

Februar 28, 2012

Die „Townhouse-Galerie“  erfasst man in ihrer künstlerischen und sozioökonomisch-lokalen Bedeutung kaum, wenn man nur  einmal abends bei einer Vernissage war. Natürlich: Schon dieser eine Besuch wird einem europäischen Besucher eine ganz andere, in Kairo vielleicht kaum vermutete  Welt offenbaren. Aber dieser Ort hat viele Facetten, zu denen, neben den vier Ausstellungsorten in zwei Gebäuden sowie den zwei Geschäften für Kunstbücher und Kunsthandwerk, auch die Gasse mit hin- und herlaufenden und -fahrenenden  Lastenschleppern, Mopeds und Lieferwagen des nahen Kfz-Reparaturviertels, das Theater und schließlich die zwei Teehäuser (vor allem das Takieba) gehören. Beim ersten Besuch war genau dieser Kontrast beeindruckend. Erst beim dritten oder vierten Mal verstand ich, dass hier nicht einfach ein Raumschiff zeitgenössischer Kunst in einem denkbar traditionellen Viertel gelandet ist und sich deren Insassen nicht wie Astronauten auf einem fremden Planeten verhalten, sondern dass hier an einer ziemlich einmaligen Symbiose gearbeitet wird.

Man kommt also ein erstes Mal an, sich den motorölverschmutzten Weg durch vielleicht beunruhigend dunkle Gassen vom Midan Talaat Harb im Zentrum der Neustadt suchend und wundert sich: Einen solchen Ort hätte man am Prenzlauer Berg, im East End oder Barbès Rochechouart der einschlägigen Weltstädte erwartet, aber nicht hier. Dies ist schon fast die wichtigste Erkenntnis. Für mich war es – nach einigen enttäuschenden Erfahrungen mit zeitgenössischer ägyptischer Kunst in den 1980er- und 90er-Jahren 2002 wie ein Erweckungserlebnis, hier erstmals vorbei zu kommen. Ich erwartete nur noch ein fast schon unbeholfenes, jedenfalls nicht eigenständiges Nachahmen europäischer und amerikanischer Kunst, und erlebte hier dann das freie Erwachen eigenen künstlerischen Ausdrucks aus dem hiesigen Leben heraus, befreit vom kitschig-romantisierenden fremden Blick auf „den Orient“.

Und Künstler/innen ein Podium gebend, die bislang vom staatlich subventionierten Kunstbetrieb ignoriert wurden. Sie zeigen neben konventioneller Malerei auch „Environments“, Installationen, informelle Kunstwerke oder veranstalten experimentelle Film-Overheadprojektor-Lesungen mit Performancecharakter wie dieser 2009:

Wohl beim zweiten Besuch entdeckte ich, daß neben den zu Ausstellungsräumen umgewandelten ehemaligen Garagen und Kfz-Werkstätten noch ein eigenes Ausstellungshaus in einem neustädtischen Gebäude von 1890 existiert:

Hier entstand 1998 der Nukleus der Townhouse Gallery. Das Haupthaus bietet neben multifunktional nutzbaren Räumlichkeiten auch Klassenräume für Workshops und sechs Studios. 2001 entstand der Annex zu dem es auf der homepage heißt: „the closest thing Townhouse has had to a white cube paradigma“. 2002 kam die 650 qm große Ausstellungshalle in einer ehemaligen Fabrik (Fotos oben) dazu. Zum Konzept der Galerie gehört ein Engagement für ein „community development“, das heißt: Der Kunstbetrieb will kein Raumschiff sein, sondern verfolgt als wesentliches Ziel auch die Einbeziehung der Nachbarschaft. So werden alle Entscheidungen über künstlerische Aktivitäten in einem Gremium unter Beteiligung der umgebenden Wohnbevölkerung getroffen.

Diese partizipative Vorgehensweise lässt sich vielleicht gut anhand einer Ausstellung im März 2011 verbildlichen, als im Haupthaus hunderte Werke vor allem von Amateuren zu deren Empfinden der  Revolution gezeigt wurden:

Von einem Balkon blickt man runter auf die kontrastreiche Nachbarschaft und kann sich vorstellen, wie es hier früher aussah, als auch linkerhand Motoren repariert und Autos gewaschen wurden. Linkerhand: Das ist das ehemalige Dorf Maarouf, an das Ende des 19. Jahrhunderts die Neustadt des Khediven Ismail im Pariser Stil heranwuchs. Dort befindet sich der Annex, die große Ausstellungshalle und – nach einigen Metern in der Gasse links – das Theater, in dem auch experimentelle Musikperformances und Filmvorführungen stattfinden. Die städtebauliche Grenze verläuft genau hier:

Wieder unten, lohnt ein Blick in die Räume des Annex neben der Hauptausstellungsgarage:

Schließlich landet wohl jeder Besucher im ästhetisch schön in ruinösem Ambiente eingerichteten Laden für Kunsthandwerk und kleinformatige, moderne Gemälde:

Die Townhouse Gallery ist heute eine der größten privaten Ausstellungsräume des Nahen Ostens, vergleichbar mit dem „Bidoun“ in Beirut. Bleibt zu hoffen, dass sie frei und unabhängig bleibt. Denn: Natürlich droht in Zeiten des Umbruchs eine Vereinnahmung. Im September 2011 sponsorte der Beauftragte der EU für den Nahen Osten eine Ausstellung mit Fotografien zur Revolution, was ein anderes Publikum anzog. Reiseführer nehmen den Ort in die Liste ihrer „Geheimtipps“ auf …

Nachtrag vom 29.12.2015: Vor zwei Tagen wurde die Gallerie ohne Angabe von Gründen von verschiedenen Personen unterschiedlicher Ämter (u.a. der Zensurbehörde) aufgesucht und untersucht sowie anschließend geschlossen. Mehr dazu hier. Das Militärregime scheint sich in ihrem Willen, jegliche oppositionelle Institutionen auszulöschen, nach den Aktivisten der Revolution und den Medien nun auch die Künstler vorzunehmen.

Nachtrag vom 9. April 2016: Im Februar wurde sie wieder eröffnet. Dann kam es am 6. April zu einem partiellen Einsturz eines Nebengebäudes, das gerade saniert wurde und in der Folge morgen abgerissen werden soll, wie mir eine Kennerin der Szene heute zurief.

Adresse: 10, Sharia Hussein el-Memar Pasha, Tel.: 225 76 80 86

Homepage der Townhouse Gallery

Quellen und weiterführende Literatur: Fock, Gisela: Ägyptische moderne Kunst, was ist das? Ein Streifzug durch Museen und Galerien, in: Papyrus Magazin, Heft 3, 32. Jg., Januar/ Februar 2012, S. 26-29; Phaidon Verlag (Hg.): Wallpaper* City Guide Le Caire, Paris 2008, S. 76-77; Rocha, Sean: Visions of Cairo, Dezember 2006; Mada Masr: Townhouse gallery’s downtown HQ partially collapses, 06.04.2016

Mehr zum Thema:  Zeitgenössische Kunst in Kairo

Copyright Text und Fotos: Ekkehart Schmidt

From → Kairo

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