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El-Sawy Cultural Wheel

Februar 27, 2012

Das 2003 auf einer Fläche von gut 5.000 qm unter der 15. Mai-Brücke im Westen von Zamalek entstandene Kulturzentrum El-Sawy Cultural Wheel ist ein für mich schwierig zu beschreibendes und einzuschätzendes Kulturzentrum, da Informationen praktisch nur in arabischer Sprache vorliegen. Seit Jahren nehme ich immer wieder in der Diwan-Buchhandlung und anderswo die 3 x 6 cm kleinen Werbekartons mit, auf denen Lesungen, Diskussionen, Theaterstücke und Konzerte angekündigt werden. Aber es dauerte bis März 2011, ehe mich Amira (Name geändert), eine junge Ägypterin, die ich von einem Uni-Austausch kenne, einführte.

Wir freuten uns, uns nach zwei Jahren wieder zu sehen und sie schlug für den frühen Abend das Cultural Wheel vor. Jeder erzählte, was das Leben an Erfahrungen bereitet hatte. Natürlich stand die Revolution im Mittelpunkt. Amira hat ihr Germanistikstudium abgeschlossen und arbeitet jetzt für IBM Kairo. Sie erzählte, daß ihr Vater sie erst sehr traditionell erziehen wollte, sie auch ein Kopftuch tragen sollte, sie sich aber wehrte und die Freiheit bekam, solche Dinge selbst zu entscheiden … und jetzt freiwillig ununterdrückt das Kopftuch trägt. In den Tagen der Revolution sei viel in Bewegung gekommen. Sie und andere sind einfach los, viele Frauen haben auf dem Tahrir übernachtet …, das ging …, und sie würden diese Freiheiten nicht mehr abgeben!

Es war für sie vielleicht ähnlich merkwürdig, wie für mich (ein doppelt so alter Europäer), gemeinsam überall im Mittelpunkt zu stehen: in der Moschee vor dem Kulturzentrum, in der sie beten wollte und in der ich mich auch andächtig hinkniete und zur Ruhe kam, dann vor einem der beiden Eingangstore (eins direkt unter der Brückenauffahrt, ein anderes links daneben), an dem viele kleine Grüppchen 20-jähriger standen, dann im kleinen Hof zwischen Brückenauffahrt und Unterführung der Uferstraße, wo eine kleine Theaterbühne aufgebaut war und sie lange in einer Schlange an der Kasse stehen mußte, um ihren Zutrittsausweis zu erneuern und dann auch, sich nach Überquerung einiger Metalltreppen ans Nilufer zu anderen zu setzen (vor allem jungen Frauen, vielleicht auch dem einen oder anderen schüchternn verliebten Päarchen) und sich zu unterhalten. Alle schienen zu gucken und sich zu fragen, in welcher Beziehung wir zueinander stehen, so vertraut erzählend und sich an der Begegnung erfreuend.

Vor 2003 war diese Fläche unter der Brücke von Zamalek nach Imbaba und Mohandessin stark verdreckt. Ähnlich wie an der jenseitigen Brücke (von Zamalek nach Boulaq) noch heute, nächtigten hier Obdachlose unter und auch in den Hohlräumen der Brücke. Als ich hier 1989 gut 100 m nördlich ein dreimonatiges Praktikum absolvierte, war dies eine Ecke, in die ich nicht ging. Das saubere und aufgeräumte, wenngleich abgesperrte private El-Sawy Kulturzentrum hat die Unterführung nun stark aufgewertet. Bekannt wurde es vor allem als erstes solches Zentrum, das nicht auf Regierungsinitiative hin entstand. Monatlich wird es von gut 20.000 Leuten besucht, die hier eine andere Freiheit erwarten und wohl auch erleben, als in anderen Jugend- und Kulturzentren Gegründet wurde es von Mohamed El-Sawy, der es zu Ehren seines Vaters, eines Schriftstellers und späteren Kultusministers, benannte. Vielleicht war der Erfolg dieser Initiative ein Grund, weshalb auch der Sohn in den Monaten nach der Revolution zum Kultusminister ernannt wurde (wenn er auch relativ schnell wieder abtrat). Bei den Wahlen im Winter 2011/12 gewann er als Unabhängiger einen Sitz im neuen Parlament.

Amira führt mich etwas durch das „Sakiya“, wie das Kulturzentrum abgekürzt genannt wird. Acht Bereiche gibt es hier, genannt Wisdom hall, River hall, Earth hall, Word halls 1 and 2, Garden Hall, El Naseeb und Bostan El Nil, dem Gartenbereich am Wasser, an dem wir saßen. Die vielen Veranstaltungen stehen jedes Jahr unter einem Motto. 2009 war es „Würde“ und es ging um soziale Anliegen der Armen. Neben Poesieabenden gibt es auch Heavy Metal Konzerte. 2010 wurden hier grössere Passagen des Films Cairo 678 gedreht, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die hier Kurse zur Selbstverteidigung gegen Grabscher gibt.

Es ist dennoch nicht unbedingt ein Kulturzentrum der aufbegehrenden, wütenden oder frustrierten, eher der altersgerecht zweifelnden, vor allem aber romantischen und behüteten Jugend. Auch die Graffitis in einem Quergang zwischen den durch die Unterführung geteilten beiden Teilen des Kulturzentrums stammten bislang eher von Sprayern, die mit sich weitestgehend im Reinen scheinen. Im März 2012 war aber durchaus eine Änderung spürbar mit deutlich regimekritischen künstlerischen Werken sowie Graffitis der El-Ahly Ultras.

Leider fehlen mir Fotos von innen. Später, als wir noch Kosheri essen gingen, redeten junge Mädels am Nachbartisch über uns: „Sie lachen und unterhalten sich…“, übersetzte mir Amira deren Gespräch – sie konnten sich wohl nicht vorstellen, daß sie Ägypterin ist. Sozialkontrolle? Schlichte Neugier? Vielleicht war es im Kulturzentrum ähnlich, wir bekamen es nur nicht mit. Überall junge Leute, 18 – 25jährig, die Frauen meist mit Kopftuch, die Männer studentisch gekleidet, meist die Geschlechter in Gruppen unter sich, fröhlich erzählend oder wie wir den Schatten der Bäume und das Plätschern des Nils genießend, während oben der Verkehr der wichtigsten Ost-West-Achse der Metropole lärmend brauste.

Nächstes Frühjahr bin ich wieder in Kairo. Und werde Amira bitten, mich mal auf ein Konzert mitzunehmen.

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Mehr zum Thema:  Zeitgenössische Kunst in Kairo

Copyright Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink, außer das erste (Wikimedia Commons)

From → Kairo, Mann und Frau

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