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Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden

Februar 22, 2012

In Kairo gibt es relativ wenig Saftläden, kein Vergleich zu Damaskus, wo es viel Spaß macht, immer neue Kombinationen von Mixgetränken und Milkshakes auszuprobieren: Karotten mit Orange, Banane mit Grapefruit und einem Spritzer Zitrone … Die Varianten mit Erdbeeren besser nicht … Aber es gibt einige, die unbedingt zu empfehlen sind. Neben den Buden, die Bananen-, Mango-,  Orangen-, Möhren- oder Granatapfelsaft anbieten, gibt es noch zwei sehr kairospezifische Saftangebote:

  • Zum einen die noch immer durch die Altstadt laufenden Männer mit einem großen Behälter auf dem Rücken, die Passanten ein braunes Getränk ausschenken, das Europäer nicht kennen: Tamarindensaft.
  • Zum anderen Zuckerrohrsaftpressen, in denen man so frisch wie nur möglich kühles Qasab bekommt. Man kann hier zuschauen, wie drei Meter lange Zuckerrohrstängel durch eine Presse gequetscht werden. Heraus kommt ein schaumiger grünlich-beiger Saft, der dann per Aluminiumkanne direkt ins Glas geschüttet wird: Sehr süß, aber köstlich!

Saftläden finden sich oft nahe von Schnellimbiss-Lokalen, so hier in der Sharia Talaat Harb neben dem Restaurant Felfela:

Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden © Ekkehart Schmidt

Oder in der Sh. 26. Julio in Zamalek:

Im Erdgeschoß des Everest-Hotel-Gebäudes am Midan Ramsis (Hauptbahnhof):

Europäern ganz unbekannt, im Nahen Osten (vor allem im Libanon, in Syrien und Ägypten) aber noch relativ häufig, ist eine aus Tamarinde hergestellte Limonade. Tamarinden sind etwa 5 bis 20 cm lange braune, leicht gekrümmte  Hülsen, in deren Innerem, eingehüllt von einer bräunlichen bis schwarzroten Masse, die Samen liegen. Die Hülsen bilden sich aus den Blüten des Tamarindenbaums. Die aus der Fruchtmasse hergestellte Limonade sieht dunkelbraun aus, ähnlich wie Cola. Zur Herstellung legt man einen getrockneten Tamarinde-Block, der etwas zerteilt wird, für mehrere Stunden in Wasser ein, bis man einen trinkbaren Saft erhält. Wegen seines bitteren Geschmacks wird er freilich häufig gesüßt. In Koumbien gibt es eine solche hellbraun-rötliche Limonade auch, genannt Columbiana. Derägyptische Name ist mir nicht bekannt.

Ein einsamer Tamarindensaftverkäufer vor der Metrobaustelle am Md. Tahrir:

Zuckerrohr ist nicht nur der wichtigste Rohstofflieferant für die Herstellung von Haushaltszucker und Bioethanol, in vielen Ländern wird auch das Zwischenprodukt – der Saft – als kühles Getränk genossen. Während es in Kuba und Spanien als guarapo, in Brasilien als caldo de cana oder garapa bezeichnet wird, heißt dieses Getränk in arabischen Ländern  قصب qaṣab. Im Dialekt der Levanteländer und Ägyptens sagt man ʾaṣab. Bei den Qasab-Saftpressen kann man zuschauen, wie drei Meter lange Zuckerrohrstängel durch eine Maschine gequetscht werden. Heraus kommt ein schaumiger grünlich-beiger Saft, der dann per Aluminiumkanne direkt ins Glas geschüttet wird: Sehr süß, very basic, aber köstlich!

Das gute Dutzend mir in Kairo bekannter Qasabpressen finden sich in der Altstadt (eine am Beginn der Sh. Darb el-Ahmar am Bab Zuweila, eine in der Gasse zwischen Wikala al-Ghury und Azhar-Moschee sowie eine unterhalb des Eingangs zur Ibn Tulun Moschee), drei in der Neustadt (zwei nebeneinander im Eckhaus Sh. 26 Julio/ Sh. Galaa sowie in der Sh. Talaat Harb links vom Eingang zum Miami-Kino) eine in Boulaq ed-Dakrour, zwei im „Dorf“ an den Pyramiden sowie vier in Alt-Giza: am Südende des Bahnhofsvorplatzes und anfangs der von dort westwärts zum Nil führenden Sh. Mahatta, sowie zwei in der zentralen Nord-Süd-Achse Sh. Zaghloul (folgende Fotos):

Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden © Ekkehart Schmidt

Diese Qasabpresse präsentierte sich zuletzt mit neuem Design, wie ich bei einem Besuch im Oktober 2015 bemerkte. Zum Glück nur in Bezug auf die Plakate, die die weiterhin sehr günstigen Preise anzeigen: 1,50 LE für ein kleines, 2 LE für ein großes Glas. Es wäre schade, sollte jemand auf die Idee kommen, auch die Kachelfassade zu „modernisieren“.

Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden © Ekkehart Schmidt

Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden © Ekkehart Schmidt

Zuckerrohr war im 19. Jahrhundert auch berühmt für seine zahnpflegenden Eigenschaften. Die ägyptische Landbevölkerung kaut noch heute gerne Zuckerrohr und hat dadurch gesunde Zähne, was bei der stark zuckerhaltigen Pflanze paradox erscheint, aber wohl auf die „Bürstenfunktion“ der rauen Pflanzenteile zurückgeführt werden kann. Da das frisch geerntete Rohr nur kurz haltbar ist, geriet dieser Aspekt der Pflanze ausserhalb der Welt der Plantagenarbeiter wieder in Vergessenheit. Auf Rohrstücken kauende Menschen sieht man in Kairo rund um die Qasabpressen jedoch recht häufig: Hier in der informellen Siedlung Boulaq ed-Dakrour (Foto: Hannah Scharlau):

Qasab in Kairo (c) Hannah Scharlau

Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich gerade in Giza viele Qasabpressen finden: Fast die gesamt ägyptische Zuckerernte wird in Hawamdiye, etwa 10-15 km weiter südlich verarbeitet. Hier am Nilufer befindet sich eine 1881 errichtete und später erweiterte Zuckerraffinerie. Ende der 1950er-Jahre galt die Anlage als drittgrößte der Welt.

Gegen Mitternacht wird bei den meisten Kairoer Qasabpressen per Pick-up-truck der Vorrat an Zuckerrohr für den nächstenTag angeliefert, vor dem Laden werden dann die Reste zermalmten Zuckerrohrs aufgetürmt, um zurück gebracht oder als Wertstoff an die Zabbalin geliefert zu werden (hier in der Sh. Talaat Harb):

Qasab (c) Ekkehart Schmidt-Fink

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Verwendete Quellen: Barbour, K.M.: The growth, location and structure of industry in Egypt, London 1972, S. 48; Grunwald, Kurt/ Ronall, Joachim O.: Industrialization in the Middle East, New York 1960, S. 193

Qasabpressen und andere Kairoer Saftläden © Ekkehart Schmidt

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