Skip to content

Café Simonds

Februar 19, 2012

Im Café Simonds an der Sh. 26 Julyu auf der Nilinsel Zamalek in Kairo finden seit Jahrzehnten immer neue Generationen westlich gebildeter und geprägter Ägypter/innen und Europäer/innen ihr Refugium. Das liegt an der womöglich gut ein halbes Jahrhundert lang einzigen original italienischen Espressomaschine. Es liegt an der inneren Ruhe, die sich hier einstellt, sowie man die Tür zum Autolärm draußen geschlossen hat. Es liegt an den beiden mindestens 60- und 70-jährigen Herren hinter dem Tresen, die gewissermaßen seit 1952 gleichbleibend für Stil und Qualität der Zeremonie des Entgegennehmens des bestellten Getränks stehen. Einzigartig in Kairo: Hier und in der Schwesterfiliale in der innerstädtischen Sh. Sherif gibt es keine Kellner (in der neuen Filiale in Dokki war ich noch nicht).

Der Kunde bezahlt bei der jungen Frau an der Kasse und reicht genannten Herren die erste Quittung. Mit den immer gleichen Handgriffen werden die Wünsche in stoischer Ruhe befriedigt: vom Cappucino bis zum frisch gepressten Orangensaft aus der Zumex-Maschine, die hier fast unpassend modern wirkt. Mit der zweiten wird meist entweder ein Stück Blätterteigpastete oder Kuchen bestellt – bei den jüngeren Männern an den Vitrinen rechts. Und es liegt daran, dass im „Simonds“ selbstverständlich beide Geschlechter der in den 1950er- bis 1970er-Jahren geborenen zusammen sind, sich entspannen oder diskutieren.

Von außen fällt das Café trotz Marmorfassade kaum auf:

Ich habe hier schon 1989 ein paar Mal gesessen und als Praktikant der Deutsch-Ägyptischen Handelskammer die intellektuelle Atmosphäre und die Glücksmomente genossen, zufällig den Korrespondenten der New York Times kennen zu lernen oder einen Freelancer, der für die Neue Züricher schrieb. Das war die Welt, in die ich mich entwickeln wollte. Dann kamen die Jahre 2007-13, als das Exkursionsteam der Ruhr Uni Bochum rund um Dr. Jürgen Blenck hier Dutzende Male den Ort fand, in dem wir nach einem anstregenden Tag mit Stadtrundgängen in zum Teil schwierigen Vierteln entspannen konnten

Im Oktober 2015 habe ich erfahren, dass die beiden alten Herren nicht mehr hinter dem Tresen stehen. Eine neue Zeit ist also für das Simonds in Zamalek angebrochen. Man wird sehen, ob es seine Rolle behält oder sich ändert.

Anfang Februar 2018 war ich erneut da. Fast habe ich mich nicht hin getraut, weil ich gehört hatte, dass man 2017 saniert hat. Aber ich musste einfach, obwohl mich meine böse Vorahnung nicht täuschte: Der etwas zu sehr schmierig-geschäftstüchtig  wirkende neue Inhaber hat aus einem Treff von Leuten, die an einem kritisch-politischem Austausch interessiert sind, der durch eine kleine Kuchentheke ergänzt wird, einen reinen Verkaufsladen für das durchaus berühmte Simonds-Gebäck gemacht, in dem man zwar auch noch seinen Kaffee trinken kann, aber sofort merkt, dass die neuen Inhaber (offenbar) die Seele des Lokals den höheren Einnahmen geopfert haben. Schon das Äußere war stark verändert worden:

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

An der Kasse bekam ich nach meiner Bestellung der seit zehn Jahren immer gleichen Order (Espresso, frisch gepresster Orangensaft und ein oder zwei mit Käse gefüllter Blätterteigstückchen) keinen Kassenbon, den ich jemandem zu geben hatte. Diese sozialistische Reminiszenz wurde – wohl zu recht – abgeschafft. Ich hatte mich einfach zu setzen und bekam das Bestellte. Ich setzte mich neben den zentralen Pfeiler, an dem ich Dutzende Male mit guten Freund/innen gesessen hatte und an dem ich mich nostalgisch festhalten wollte, weil er mir – neben den unveränderten Tischen und Stühlen – als einzige reale Säule der Erinnerung diente.

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Und schaute mich um: Die Theke, an der die alten Herren ehedem in angebrachter Würde die Espresso- und Orangensaftmaschine bedienten, nachdem man ihnen den Quittungsbon überreicht hatte, der auf eine spitze Nadel gespießt wurde, ist nach rechts verschoben und deren Zugang mit einer hässlichen Kunstmarmor-Platte verhunzt worden. Sie wirkt völlig verwaist, wurde ihrer Funktion als Gesprächsplattform beraubt, weil die Kellner jetzt hinter den Gebäcktheken und der Kuchenvitrine ihren Stammplatz haben. Schon immer wurde hier Kuchen gekauft, aber es fühlte sich wie ein Nebengeschäft an, das am Wesenskern des Simonds eher vorbei lief. Jetzt ist es umgekehrt.

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Ich erhielt meine Bestellung schnell und es schmeckte wie immer. Nur das wunderbare Gefühl, mich hier in einer alten Tradition aufgehoben zu wissen, war ausgelöscht worden.

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Vielleicht hätte ich nicht kommen sollen, um meine schöne Erinnerung zu bewahren, aber irgendwie bekomme ich zunehmend das Gefühl, in Kairo zum Chronist zu werden, der seiner Pflicht nachkommen muss…

Adressen: 136, Sh. 26. Julio in Zamalek; 29, Sh. Sherif in der Innenstadt; 98, Sh. el Nil in Dokki, Kairo, Homepage

Andere authentische Cafés, Bars und Garküchen in Kairo

Cafè Simonds_Kairo © Ekkehart Schmidt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: