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Colasäuferin in Bab el-Louq

Februar 17, 2012

Die Bettlerin tauchte überraschend auf, betrat mein Blickfeld vor dem Café Al Nadwa Al Thaqaffya und den Colaladen gegenüber, kam aus diesem mit geöffneter Flasche heraus und trank so gierig, dass sie schon beim Betreten der Straße leer war. Dann drehte sie diese wie in einer ritualisierten Handlung sofort um und klopfte sie säuberlich aus – nicht aber, um sie zurück gegeben (es gibt in Ägypten kein Pfandsystem), sondern einzustecken. Ich trinke keine Cola, aber die Szene war beeindruckend. Und als eines der ersten globalisierten Konsumprodukte habe ich schon immer Flaschen mit dem Cola-Aufdruck in verschiedensten Sprachen gesammelt.

Schönes Thema: Cola in Kairo.

Coca Cola und Pepsi Cola werden in Ägypten schon seit den 1930er-Jahren bzw. 1950er-Jahren (bei Pepsi fehlt mir ein Datum) produziert. Unabhängig davon, wie gerne Ägypter das aufputschende Getränk trinken oder nicht, ob sie sich ihre Zähne verderben oder gar colasüchtig werden, ist die lokale Geschichte der beiden Brausehersteller sehr wechselhaft und so stark von der Nahostpolitik beeinflusst gewesen, dass ein Blick hinter den schönen frischen blauen oder roten Schein lohnt.

Zuallererst bemerkenswert ist das zwiespältige Verhältnis vieler Ägypter zu beiden Marken, stehen sie doch für den durchaus angestrebten american way of life (dessen Fetisch Konsum kaum jemand kritisiert), sind aber zugleich auch Symbole der längst auch als wirtschaftspolitischer Akteur verhassten US-Regierung und globalisierter Konzerne.

Beide Firmen hatten sich seit den 1960er-Jahren bei der angestrebten Eroberung des arabischen Marktes mit der Frage auseinander zu setzen, ob sie ihr Produkt auch in Israel verkaufen wollten, was einen arabischen Boykott nach sich gezogen hätte. Die Politik zwang sie, sich zwischen einem kleinen, in US-Sicht politisch korrektem, oder einem zehnfach größeren Markt zu entscheiden.Da Coca Cola 1949 eine Lizenz zur Produktion in Israel verweigert bekommen hatte, konnte man sich darauf berufen und den arabischen Markt bedienen. Später wich Coca Cola der immer wieder aufkommenden Frage aus, indem man erklärte, der israelische Markt sei zu klein für sie. Da man schon vor der Gründung Israels unter anderem in Ägypten vertreten war, konzentrierte man sich mit Erfolg darauf, hier die Absatzzahlen zu steigern.

Nachdem die Frage Ende der 1960er-Jahre sogar ein amerikanisches Gericht beschäftigt hatte (der Unternehmer Moshe Bernstein hatte Coca Cola 1966 des Antisemitismus beschuldigt), erklärte sich Coca Cola dazu bereit, in Tel Aviv eine Abfüllanlage zu errichten. Daraufhin wurde die Firma von August 1968 – Mai 1991 durch die Arabische Liga bokottiert, hatte den arabischen Markt also dem Konkurrenten Pepsi Cola zu überlassen. In Ägypten aber, wo man schon immer gerne eigenen Regeln folgte, galt der Boykott seit dem Friedensschluß mit Israel seit 1979 nicht mehr.

Das folgende, 2007 in Zamalek aufgenommene, Foto zeigt möglicherweise (falls die Leuchtreklame vor 1968 errichtet wurde) die Auswirkung des Boykotts auf einen kleinen Kiosk (man beachte das Pepsi-Logo an der Theke). Falls das stimmen sollte, zeigt es zugleich eine gewisse ägyptentypische Nachlässigkeit, hätte man doch seit 1979 den übermalten Coca Cola-Schriftzug wieder frei kratzen können:

Der gleiche Kiosk im Jahr 2009, zurückerobert von Coca Cola:

Auch dieser Coca Cola-Kühlschrank in einer Nebengasse der nördlichen Altstadt,  hat sicherlich ein älteres Baujahr, erfüllt in diesem Verkaufsstand-Patchwork heute jedoch eine andere Funktion:

Eine andere Geschichte ist die der Unternehmerfamilie Bigio. Coca Cola erteilte der ägyptischen Familie jüdischen Glaubens 1938 eine Lizenz zur Herstellung verschiedener Produkte, unter anderem der Kronkorken. Coca-Cola hatte damals zudem von den Bigios Grund und Boden gemietet, um eine Abfüllanlage zu errichten. 1962 konfiszierte die Regierung von Gamal abdel Nasser das Land und die Fabriken, um beides zu verstaatlichen. Die Verstaatlichungen trafen Unternehmen unabhängig von Ethnie oder Religionszugehörigkeit der Besitzer. Die jüdische Familie Bigio hatte jedoch das Land zu verlassen.

Nach dem Tod Nassers 1970 erfogten unter Anwar Sadat Privatisierungen: Staatliche Firmen konnten von Privatunternehmen erworben werden. Coca Cola betraf dies erst 1993, zwei Jahre nach Aufhebung des Boykottes. Im Jahr 1994 warnte die Familie Bigio Coca-Cola, die Firma nicht zu übernehmen, ohne sie für das Gelände zu kompensieren. Coca-Cola jedoch vollzog die Akquisition ohne Zahlung einer Kompensation. Daraufhin ging die in Kanada lebende Familie in den USA vor Gericht, jedoch erfolglos. (Quelle)

Pepsi Cola wiederum hatte vor 1992 auf das Pferd gesetzt, die lukrativen Coca Cola-freien Länder zu beliefern. Damals ging ein Spruch um: „Coke is for Jews, Pepsi is for Arabs“. 1992 ging Pepsi jedoch nach Israel, verlor 1993 jedoch, unter anderem nachdem der Hauptwerbeträger Michael Jackson die Chuzpe hatte bzw. den interkulturellen Fauxpas beging, an einem Sabbat in aufreizender Manier zu einem Konzert in Israel einzufliegen, ihr „Koscher-Zertifikat“. Die Anschuldigung lautete auf der Korrumpierung der Jugend mit Rockmusik und zu freizügiger Werbung.

Zwei weitere Geschichten können als Belege für eine Art Glaubenskrieg rund um beide Marken – der landestypisch gerne mit Verschwörungstheorien untermauert wurde –  genannt werden. Zum einen empörte sich Anfang der 1960er sehr medienwirksam ein Ägypter, nachdem er eine amharisch beschriftete Coca Cola-Flasche aus Äthiopien gesehen hatte: Sie schien hebräische Schriftzüge zu zeigen und sollte als Beweis dienen, dass die Firma doch auch in Israel ihr ungesundes Getränk verkauft. Ende der 1990er-Jahre wurde dann das Gerücht verbreitet,  das Coca Cola-Logo sei antiislamisch: Im Spiegelbild des altmodischen Schriftzuges wollten muslimische Frömmler einen arabisch geschriebenen Aufruf gegen den Islam erkennen, nämlich «La Mohammed, la Mekka», auf Deutsch: «Nein zu Mohammed, nein zu Mekka». Zunächst war man nur allzu bereit, an eine weltweite Verschwörung gegen die arabische Welt und den Islam zu glauben, seitens der Al Azhar Universität wurde das ganze dann schnell als haltlos kritisiert (mehr dazu hier). Zu ergänzen ist schließlich daß ab Anfang 2003 unter der Bezeichnung Mecca-Cola eine Art muslimische Alternative gegen Coca-Cola aufgebaut wurde, die zwar in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern einen gewissen Marktanteil unter Muslimen erreichte, mehr aber auch nicht.

Coke oder Bibsi, wie die Ägypter „Pepsi“ aussprechen: Heute bekommt man beide Marken überall.

Wiederum eine interessante Thematik ist die der Cola-Werbeplakate in der Innenstadt von Kairo, speziell rund um den Midan Tahrir. Als ich 1988/89 hinter dem Sanyo-Gebäude (Foto unten) wohnte, schaute ich vom Balkon immer auf eine blinkende Coca Cola und 7 Up-Werbetafel. Beide Logos wechselten sich auf der gleichen, gut 10-12 m hohen Tafel ab. 2007 war sie verschwunden, dafür gab es auf einem Dach einige Häuser weiter östlich eine andere Coca Cola-Tafel.Pepsi Cola dagegen war hier nie präsent.

Die folgenden Fotos zeigen die Situation 2009, vor der Revolution:

Im Winter 2010/11 wurden die Leuchtreklamen über den Gebäuden am Midan Tahrir (oberste zwei Fotos) abmontiert. In einem unbestätigten Gerücht heißt es, dies habe der Geheimdienst veranlaßt. Bis heute wurden jedenfalls am Platz keine neuen errichtet, während z.B. Autofahrer der 6th of October Bridge nahebei – nördlich des Ägyptischen Museums (unteres Foto) – weiterhin Leuchtreklamen auf alte Marken und neue Produkte hinweisen.

Heute scheinen beide Firmen ähnlich dominant zu sein. In jedem Viertel in Kairo gibt es je eine zentrale Verteilstelle bzw. einen Großhändler, der die unzähligen Restaurants und Cafés beliefert, so auch östlich (erste zwei Fotos) und westlich der Ibn Tulun Moschee:

Diese Geschäfte sind keine aus Atlanta bzw. Medinet Nasr (Pepsico Egypt) zentral gesteuerten Logistikzentren, sondern inhabergeführte Läden, die auch in Fragen der Deko sehr variabel sind. Jeder Laden ist ein Unikum, auch dieser im November 2011 in Alt-Giza entdeckte:

Als Symbol des Kapitalismus in seiner als Wirtschaftsimperialismus empfundenen negativen globalisierten Ausprägung haben in der Vergangenheit einige Regierungen auch ausserhalb der arabischen Welt Coca Cola verboten. Heute gibt es weltweit noch drei Länder, in denen die „Kapitalistenbrause“ nicht verkauft werden darf: Bolivien, Kuba und Nordkorea. Auf der karibischen Insel gibt es das Getränk trotz Embargos natürlich doch, falls man über die nötigen Devisen verfügt und die richtigen Geschäfte kennt. In Bolivien wird Coca Cola  nach dem Willen von Präsident Evo Morales seine Koffeinbrause ab dem 21. Dezember 2012 nicht mehr verkaufen dürfen. Stattdessen soll künftig das Traditionsgetränk Mocachinche aus getrockneten und gekochten Pfirsischen den Durst der Bolivianer löschen (Wort, 11.08.12).

Im Iran schließlich, in dem Coca Cola zwischenzeitlich ebenfalls streng verpönt war, gibt es das Getränk längst wieder. Sogar ganz selbstverständlich auf den Flügen der staatlichen Fluggesellschaft Iran Air. Und zwar nicht als Importprodukt, sondern „canned under authority of The Coca Cola Company by Khoshgovar Tehran Co., Imam Khomeini Boulevard, Caspian Industrial City, Qazvin, Iran“ – wie ich auf den Dosen dieses Händlers auf dem Tajrish Basar in Teheran lesen konnte (Foto unten). Sehr selten allerdings ist öffentliche Werbung, zum Beispiel an einem Bus am Tajrish:

Bus mit coca Cola Werbung in Teheran

Nachtrag: Ende Januar 2018 kam ich noch einmal bei dem Cola-Laden im Kairoer Stadtteil Bab el-Louq vorbei. Diesmal sah ich keine Colasäuferin, aber merkwürdigerweise war das Coca Cola-Logo über der Tür weiß übermalt worden. Warum auch immer. So ist Kairo: Ich kenne diese Ecke seit 30 Jahren und dochbleibt vieles rätselhaft.

Coca Cola Laden in Kairo (c) Ekkehart Schmidt

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt

Quellen: Ehringfeld, Klaus: Bolivien bannt Kapitalistenbrause, in: Luxemburger Wort, 11.08.2012; Henry, Marilyn: Ex-Egyptian Jew won’t swallow losing family property to Coke, in: Jerusalem Post Weekly, 4. Juni 1999; Mikkelson, Barbara: Red, White, and Jew, in: Snopes.com, Rumor has it, ohne Datum; Muslim Market: Boykott-Aufruf gegen Coca Cola, ohne Datum.

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  1. Midan Falaky_Kairo | akihart

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