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Alkoholläden in Kairo

Februar 9, 2012

„Man fragt dich nach dem Wein und dem Losspiel. Sag: In ihnen liegt eine schwere Sünde. Und dabei sind sie für die Menschen (auch manchmal) von Nutzen. Die Sünde, die in ihnen liegt, ist aber größer als ihr Nutzen…“, heißt es sehr weise im Koran. Das so strikt und kompromisslos wirkende Alkoholverbot im Islam ist also Resultat einer Abwägung (mehr dazu hier). In Ägypten ist schon vor 6000 Jahren  Alkohol gebraut worden, Wein und insbesondere ein Gebräu namens „Busa“. Es heisst, der Gott Osiris habe den Menschen am Nil schon 2000 v. Chr. eine Vorform von Bier gebracht (das jedoch nicht aus Hopfen und Malz, sondern einer anderen Getreideart gebraut wurde). Und in religiös toleranten Zeiten – also im Grunde in der gesamten ägyptischen Geschichte – konnte Alkohol auch immer, allerdings meist nicht-öffentlich konsumiert werden.

Mit Entstehen der Neustadt von Kairo Ende des 19. Jahrhunderts bekamen vor allem ausländische, christliche Bürger eine Ausschankerlaubnis erteilt: Fast ausschließlich waren es Griechen und andere Minderheiten, die daraus ein Geschäft machten. Als ab den 1950er-Jahren große Hotels für Touristen entstanden, erhielten auch sie das (offenbar nicht eben billige) Recht, in Bars und Restaurants Bier, Wein und stärkere Alkoholika auszuschenken. Seitdem ist man offenbar eher rigide in der Erteilung solcher Konzessionen, so daß es heute nur wenige Lokale gibt, in denen man Alkohol trinken oder kaufen kann.

Das von Griechen gegründete Maison Nikolakis & Fils im nördlichen Teil der Sh. Talaat Harb ist eines der wenigen verbliebenen sehr alten Geschäfte:

Die meisten finden sich im Quartier rund um die Kreuzung der Sh. Talaat Harb mit der Sh. 26 Julio, nahe des historischen Kino- und Vergnügungsviertels rund um die Sh. Alfi. Hier eine Niederlassung der Firma Orphanidis als Beispiel:

Alkoholläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Alkoholläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Ferner finden sich einzelne alte Läden weiter südlich zwischen Md. Talaat Harb und Tahrir. Hier das „Luxor“, eine weiter Niederlassung von Orfanides, das ich in den vergangenen acht Jahren oft besucht habe. Tags und nachts:

Alkoholläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Das Luxor scheint im Herbst 2017 geschlossen worden zu sein, wie ich später hörte.

Orphanidis (oder auch Orfanidis) ist mit sechs Niederlassungen die größte Kette und dominiert daher meinen Versuch einer Inventarisierung historischer Alkoholläden:

  • Byrons (Sh. Tahrir), offenbar geschlossen (Stand: Okt. 2015)
  • Nikolakis & Fils (Sh. Talaat Harb, unterhalb des Md. Orabi)
  • Orfanidis (Sh. Emad ed-Din/ Ecke Sh. Alfi sowie in der Sh. Muhammad Bassiuni)
  • Orphanidis (23, Sh. 26 Julio, westl. der Kreuzung mit der Sh. Talaat Harb)
  • Orphanidis (Sh. El-Genina, Ezbekiya)
  • Orphanidis (15, Sh. Nubar nördl. von Sayeda Zeineb)
  • Orphanidis (Sh. El-Geish, nordöstl. vom Ataba-Platz)
  • Orphanidis in el-Zaher (1, Sh. El-Zaher, nahe Sh. Habib Shalaby und 4, Sh. Fakry)
  • Simoun (Sh. 26 Julio in Boulaq)

Die meisten dieser Läden wirken sehr anrüchig. Man geht dort hin, um schnell seine Suchtware zu erstehen und in einer schwarzen Tüte heim zu schaffen. Ein ester Orpahnidis-Laden wurde aber zuletzt modernisiert:

Alkohol in Kairo (c) Ekkehart Schmidt

Das hat vielleicht damit zu tun, dass vor etwa einem Jahrzehnt von der privatisierten Al-Ahram Beverages Company die modern eingerichtete „Drinkies“-Läden in Zamalek, am Nordende der Sh. Talaat Harb und in weiteren eher westlich geprägten Vierteln aufgebaut worden sind. Hier fühlt man sich als Kunde ganz anders (wobei das hektische schnelle Einkaufen vieler an die Art erinnert, wie mancher in Europa einen Pornoladen betritt). Für eine Flasche Bier zahlt man im Laden etwa 5 LE, für eine Flasche Wein mindestens 40 LE (Stand 2015: mindestens 55 LE). Da decken sich manche Touristen groß ein.

Hier das Drinkies in einem ehemals griechischen Geschäft „Vignobles Gianaclis“ in der Sh. Talaat Harb, vor dessen alte Fassade man einfach eine neue gesetzt hat, Schwarz auf Gelb:

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Alkoholläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Kellerei Gianaclis war 1882 von dem Griechen Nestor Gianaclis gegründet worden, unter Präsident Nasser verstaatlicht, ab 1999 mit Millionenaufwand privatisiert und von der „Al Ahram Bevergaes Company“ auf europäischen Standard gebracht worden. Die Weine werden südlich von Alexandria angebaut. Neben „Drinkies“, die hier den alten Gianaclis-Laden übernahmen, gibt es noch die Kette „Cheers“, bei der man auch durchaus ordentliche Weine erhält.

Desweiteren gibt es halb oder nicht legale kleine Hinterhofläden in Imbaba und anderen Vierteln sowie die Duty-Free-Shops unter anderem an der Sh. Gumhuriya, in denen man für den Kauf von Alkoholika ein aktuelles Flugticket vorzuzeigen und einen Eintrag per Kugelschreiber in den Pass zu akzeptieren hat. Man bekommt hier und anderswo in der Regel nur ägyptische Produkte. Die berühmteste Weinmarke ist „Omar Kahyyam“, benannt nach dem persischen Dichter, der dieses Getränk oft besungen hat. Seine Qualität i.st für europäisch verwöhnte Zungen ähnlich miserabel wie „Obelisk“ oder „Vin des Messes“, aber erträglich schlecht

Alkohol in Kairo (c) Ekkehart Schmidt

Außerhalb der Innenstadt sowie den westlich geprägten Vierteln Zamalek, Heliopolis, Mohandessin und Maadi mit Alkoholläden, Bars und Restaurants ist Kairo heute gleichwohl eine weitestgehend alkoholfreie Zone. So gibt es an den vielen Kiosken Kairos alles, nur keinen Alkohol. Und auch im Stadion wird Fußball mit Cola oder Tee angeschaut.

Verwendete Quelle: Rhaue, Reinhard: Ägyptischer Wein. In: Papyrus Magazin, 29. Jg., Heft 5, Mai/ Juni 2010, S. 72-73

Alkoholläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

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