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Erkenntnis oder Glaubensbestätigung, Ablenkung und Flucht: Buchläden in Kairo

Februar 8, 2012

Grauschwarze Finger vom Blättern in Drucksachen haben Menschen in Kairo seit der Vizekönig und Pascha Mohammed Ali in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts veranlaßte, dass die erste Druckmaschine Afrikas im Hafenvorort Boulaq ins Rotieren kam. In den gut fünf Jahrtausenden vorher wurden herrschaftliche Geschichtsschreibung und Propaganda in Stein geschlagen oder mit Tusche auf Papyrus gemalt. Anderes gab es kaum. Mit den ersten Druckmaschinen entstanden nun die ersten Bücher und etwa um die Jahrhundertwende auch die ersten Buchläden. Kairo ist heute einer der wichtigsten Verlagsorte der Welt, wenngleich die ägyptische Hauptstadt seit einigen Jahren einen Großteil der Bedeutung als kulturelles Zentrum der arabisch-muslimischen Welt mit Beirut und Dubai teilen muß. Die wichtigste Messe arabichsprachiger Literatur findet jedoch nach wie vor in Kairo statt.

In der Stadt selbst gehören Buchläden – anders als Zeitungskiosks – freilich nicht unbedingt zum typischen Straßenbild. Außerhalb der Innenstadt und der Insel Zamalek lassen sich nur wenige finden.

Da sind zum einen Verkäufer religiöser Literatur, die sich nahe der wichtigsten Moscheen und Kirchen finden: private Händler und offizielle Verkaufsstätten des jeweiligen  Gotteshauses. Man bekommt dort auch Parfüm, Heiligenbilder, Rosenkränzliteratur und andere Accessoires. Eine Besonderheit ist allerdings der Büchermarkt südlich der Azhar-Moschee/ Universität am Midan Hussein in der Altstadt. Hier werden religiöse Literatur und gerahmte Koransuren als Massenware für Gläubige, aber auch theologische Fachliteratur für Kleriker und Studierende angeboten:

Neben den meisten koptischen Kirchen findet sich auch ein Buchladen mit einer ähnlichen Mischung:

Ein relativ großer Teil des Angebots des Bücherbasars im Ezbekiya-Park zwischen Alt- und Neustadt bietet ebenfalls religiöse Erbauungsliteratur, aber auch Fachliteratur von Philosophie bis Ingenieurwesen und Informatik:

In der Neustadt gibt es etwa ein halbes Dutzend lang ansässiger und aus unterschiedlichen Gründen renommierter Buchläden. In der Sh. Qasr en-Nil und der Sh. Sherif finden sich mehrere Buchläden mit dominant arabischsprachiger Literatur, meist auf Belletristik und Fachliteratur verschiedener Wissenschaften spezialisiert. Darunter mir eher unbekannte, wie der Omar Book Store:

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Hervor zu heben sind Madbuli und Shorouk mit Stammhäusern am Midan Talaat Harb und Filialen in Heliopolis, Zamalek, Giza und Mohandessin. Beide haben sich vor der Revolution auch als Verlag mit der Publikation gesellschafts- und regierungskritischer Literatur (Belletristik und Sachbücher) einen Namen gemacht. Ihr Angebot an fremdsprachiger Literatur ist aber eher gering und beschränkt sich auf Fachbücher und Reiseführer:

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Lehnert & Landrock ist dagegen ein schon seit 1926  in der Neustadt bestehender Verlag und Buchladen, der aus den Aktivitäten eines orientalistisch geprägten österreichischen Fotografen und eines deutschen Buchhalters hervorging und auf Stadtpläne, Fotos und Postkarten sowie deutschsprachige Literatur mit stark touristischem Schwerpunkt spezialisiert ist. Eine Filiale an der Touristenmeile vom koptischen Viertel zur Amr-Moschee bietet fast ausschließlich Reiseführer und orientalistische Fotografien für Touristen. Mehr dazu hier.

Neben Lehnert & Landrock gibt es noch zwei weitere, ebenfalls schon sehr lang in der Neustadt ansässige Geschäfte, die ursprünglich auf fremdsprachige Literatur spezialisiert waren, nun aber vor allem für das gehobene Bürgertum und wohlhabende Touristen Gemälde und historische Stadtpläne anbieten sowie auf die Rahmung von Kunstwerken spezialisiert sind: „L’Orientaliste“ und „The Reader’s Corner Booksellers“ (beide in der Sh. Qasr el-Nil):

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Gut 80 Jahre später entstanden in Kairo weitere Buchläden stark westlicher Prägung mit einem Angebot von fast ausschließlich deutsch-, französisch- und dominant englischsprachigen Büchern hoher Qualität. Zu nennen sind auf Zamalek der kleine Laden „Romancia“ sowie der sehr gut sortierte  „Diwan Bookstore“ (auch in Heliopolis und Maadi), der französischsprachige Buchladen und Anbieter von Kunsthandwerk „Umm el-Dunji“ eingangs der Sh. Talaat Harb (1. Stock) in der Neustadt sowie die beiden ebenfalls sehr empfehlenswerten  Buchläden der American University of Cairo am Tahrir und auf Zamalek.

Westlich geprägte Buchläden mit qualitativ etwas schlechterem, oder sagen wir Mainstream-Angebot gibt es auch in Maadi (Alef Bookstore an der Metro), Mohandessin und – wie schon genannt – Heliopolis, das heißt in den Stadtteilen mit hohem Anteil an westlichen Ausländern und hoch gebildeten, gut verdienenden Ägyptern.

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

2019 fiel mir in Mar Girgis, dem sehr touristischen Viertel mit vielen christlichen Kirchen an einem historischen Ort ein mir ganz neuer Buchladen auf, der offenbar seine Hauptzielgruppe in Badetouristen am Roten Meer findet:

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Schließlich zu nennen sind Galerien wie Mashrabia oder Townhouse mit einem sehr aktuellen Angebot an künstlerischen Produktionen, Katalogen und Zeitschriften:

Auch die großen 5-Sterne-Hotels verfügen fast immer über Buchläden, die eine Mischung aus Businessliteratur, Touristik und teuren Bildbänden bieten. Nicht zu vergessen die alteingesessenen Zeitungs- und Zeitschriftenhändlern, die an Straßenständen auf Zamalek oder Downtown (Sh. Talaat Harb, Sh. Qasr en-Nil oder Sh. 26 Julio) auch Bücher für ein entweder ägyptisches oder eher westlich geprägtes Publikum anbieten:

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Eine aussterbende Spezies sind dagegen die Schreibwarenläden, die auch Bücher verkaufen. Hier die Librairie – Papeterie Nader als historisches Beispiel aus dem Tewfiqqiya-Viertel nördlich der Sh. Alfi, die offenbar geschlossen wurde (Foto von 2013):

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

Weiterführende Literatur: Steurer, Madeleine: Roswitha und Edouard Lambelet und die Geschichte von Lehnert & Landrock, Papyrus Magazin, Heft 3, Januar/ Februar 2012, 32. Jg., S. 4-7

Buchläden in Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Kairo

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