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Kaufhaus Sednaoui

Februar 3, 2012

Anfang des 20. Jahrhunderts, als in Kairo westlich der Altstadt eine Neustadt nach Pariser Vorbild entstand, wagten es auch die ersten Pioniere, große Kaufhaustempel nach europäischem Vorbild (insbesondere des 1876 entstandenen „Le Bon Marché“ in Paris) zu errichten. Das damals in der „Belle epoque“ sehr renommierte Kaufhaus Sednaoui entstand um 1930 am Midan Khazindan, an der damaligen Hauptachse der Passantenströme zwischen Hauptbahnhof und Atabaplatz, hinter dem sich die Altstadt mit ihren quirligen riesigen Basaren öffnete. Zu den wenigen nicht-jüdischen Kaufhausinhabern der Zeit gehörten die Brüder Sednaoui. sie waren Rivalen der sephardischen Kaufleute Cicurel, Chemla und Omar Effendi.

Die Gebrüder Samaan und Selim waren Nazarener aus den syrischen Städten Sednaya und Maaloula, in denen noch Aramäisch gesprochen wird. Zunächst hatten sie im Jahrzehnt davor im Viertel Hamzaoui in der Sh. Muski zwischen Atabaplatz und Basar eine Niederlassung. Einer Anekdote zufolge nahm ihre Erfolgsgeschichte durch eine besondere Begegnung einen entscheidenden Schwung vorwärts: Nachdem Palastangestellte des Khediven (Vizekönig unter osmanischer Oberherrschaft) dort entweder zu viel bezahlten oder ihr Wechselgeld vergaßen, lief einer der Brüder den hochherrschaftlichen Kunden hinterher, um das Mißverständnis aufzuklären. Was diese als erstaunliches Erlebnis mit einem ehrlichen (!) syrischen Ausländer im Palast erzählten. Von dem Tag an, so will es die Anekdote (oder ist es eine Legende?), zählte das Sednaoui zu den bevorzugten Einkaufsorten der Hofdamen.

Als dann die nördliche Neustadt Tewfiqiya entstand, bauten die Sednaouis ihren neuen Einkaufstempel – mit der damals völlig ungewöhnlichen Idee, den sonst bis heute kleinteiligen Einzelhandel und somit unterschiedlichste Waren für alle Lebensbereiche, unter einem Dach anzubieten. Als Standort wählten sie jedoch nicht die schnell renommierte Avenue König Fuad (die heutige Sh. 26 Julio), in der die Konkurrenz von Chemla, Cicurel und Ades sich niedergelassen hatte, sondern eben den Md. Khazindar. So grüßten sie seit der Eröffnung am 1. November 1913 die vom Bahnhof in die Innenstadt strömenden Menschen vom Lande als erste mit den Wundern industriell gefertigter Ware auf vier Etagen. Sie waren einfallsreich, boten Auktionen und Modeschauen sowie – als Besonderheit – eine Art Winterschlussverkauf, zu dem sich auch Angehörige weniger wohlhabender Schichten einen Einkauf leisten konnten. Das in klassischer fin de siècle-Architetur erbaute Haus war weit über die Grenzen Kairos hinaus bekannt. Ein weiteres Kaufhaus entstand am Md. Talaat Harb, Filialen wurden in Alexandria, Tanta, Port Said, Mansoura, Fayoum und Assiut eingerichtet.

Das Cicurel blieb freilich der Maßstab für moderne Konsumkultur in Kairo, das Sednaoui blieb immer kurz dahinter. But: „The times they are a changing…“. Vom Cicurel spricht kaum noch jemand, während das Sednaoui zwar noch besteht, aber in Bezug auf das Angebot die besten Zeiten lange hinter sich hat, wie diese Fotos vom Oktober 2011 zeigen.

Die nach wie vor imposante Architektur des von Georges Parcq konzipierten, insgesamt  fünfgeschossigen Baus auf einer Grundfläche von 2360 qm ist vom Neoklassizismus geprägt. Aus heutiger Sicht sehr ungewöhnlich – aber schon beim ersten Warenhaus der Moderne, dem oben genannten „Le Bon Marché“ in Paris eingeführt – ist die riesige zentrale Halle, die aus dem Bau wenn auch nicht eine „Kathedrale des Handels“ macht, aber doch verblüffend an eine moderne Moscheehalle erinnert:

„Fixed prices“ steht noch heute über den Eingängen. Das war neu und europäisch-modern und sehr ungewöhnlich: Feste Preisauszeichnungen und keine Chance, zu handeln. Man konnte also nicht mehr übers Ohr gehauen werden, aber es gab auch kein anregendes Verkaufsgespräch mehr mit dem Inhaber. Kauf die Ware zu diesem Preis oder kauf sie nicht, lautete nun die Devise.

Nach der Revolution von 1952 wurde das Kaufhaus verstaatlicht. Seitdem fristet es ein kümmerliches Dasein. Zwar stand weiterhin „Sednaoui“ über dem Portal, aber im Inneren befand sich nun ein „ägyptischer volkseigener Konsumbetrieb“ (Al-Mu’assasa al-Misriya al-Istikhlakiya al-Amma). In dem gewaltigen Gebäude verliert sich selten ein Kunde, während sich in den Straßen rundum, vor allem im Süden, ein großer Straßenmarkt für Schuhe und Textilien entwickelt hat, durch den sich die Menschenmassen drängen… Schuld sind aber weniger die Preise, denn das dünne Angebot, das mit dem von spezialisierten Geschäften qualitativ nicht mithalten kann. Die wohlhabenden Kairener verlieren sich sehr selten hier in der Gegend, sie decken ihren Bedarf heute in den riesigen „Shopping malls“ amerikanischen Zuschnitts der Vororte im Nordosten der Stadt.

Das Sednaoui lohnt dennoch den Besuch: Es gab bislang kaum einen besser geeigneten Ort, sich in die Nasserzeit mit ihren sozialistischen Idealen (und deren Scheitern) zurück zu versetzen. Bei meinem letzten Besuch im April 2019 wurde das Gebäude allerdings saniert. Ich konnte nicht feststellen, ob da nur die Fassade und der Platz dafor neu gestaltet wurde, oder ob auch innen deutliche veränderungen umgesetzt werden. Und wer hinter diesem Investment steht.

Aber ich hatte das gute Gefühl, dass hier ein städtebaulicher Impuls in dieses Viertel gegeben wird, der ihm gut tut.

Der Text ist ein ergänzter Ausschnitt aus einem Stadtrundgang: Lebendig und kontrastreich: Kairos Bahnhofsviertel, in: Papyrus-Magazin, Heft 1, 31. Jg., Sept./Okt. 2010, S. 47-52.

Verwendete Quelle: Rafaat, Samir W.: Cairo, the glory years. Who built what, when, why and for whom…, Alexandria 2003, S. 56ff

Nachtrag: Das Gebäude ist offenbar 2014/15 teilweise saniert worden.

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt

From → Kairo

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