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Auberge de Reims

Februar 2, 2012

Die Auberge de Reims ist für Grenzgänger, die gelegentlich beruflich Abendtermine in Luxemburg wahrnehmen müssen, eine gute Alternative zur (allerdings sehr empfehlenswerten) Jugendherberge. 40 Euro die Nacht: Billiger geht es nicht. Ohne Frühstück. Mit Frühstück gerechnet ist allerdings das Bella Napoli um die Ecke billiger. Der Nachteil? Die Auberge liegt mitten im Rotlichtviertel, daher eher nur etwas für Männer. Obwohl: tagsüber ist das Viertel am Hauptbahnhof rund um die rue de Strasbourg und die rue Josep Junck, in deren Nr. 17 das seit über 60 Jahren bestehende frisch sanierte Hotel ansässig ist, ein buntes, interessantes Viertel mit vielen Cafés und Restaurants (auch sehr guten). Ab Sonnenuntergang, wenn in der Reststadt die Bürgersteige hochgeklappt werden, beginnt sich hier das zweite Leben des Quartiers zu entwickeln. Übel beleumundet schon immer, aber heute noch zu Recht? Natürlich gibt es hier Sexshops, Stripteasebars und sonstiges Zwielichtiges, aber seit dem Bordellverbot vor einigen Jahren ändert sich die Szene. Die Auberge de Reims jedenfalls ist kein Stundenhotel. Darauf achtet die italienischstämmige Inhaberin Joséphine Carpoccia. Anfang Februar 2012 verbringe ich meine zweite Nacht dort und fühle mich, sehr nahe an meinem Arbeitsplatz in der mondänen Avenue de la liberté, sehr weit weg.

Ich habe schon gute vier Zimmer ausprobiert, hier Nr. 11:

Und hier Nr. 21:

Das Haus ist sehr sauber und bietet für den Preis (das billigstmögliche in Luxemburg) einen wirklich ordentlichen Standard. Am schönsten ist das Frühstücksfeeling im Nebenraum der Bar, wenn einem Herr Capoccia mit viel Liebe ein Croissant, sehr gute Flûtes, Marmelade, Streich- und Schmierkäse sowie einen halben Liter derbe starken Kaffee mit einem Kännchen heißer Milch und ein Glas Orangensaft serviert und man sich (hoffentlich) Zeit nehmen kann:

Abends klappern freilich die Stöckel von hohen „Damenschuhen“ durch die sonst sehr ruhige Nacht. Die Nachtclubs ziehen offenbar kaum (noch) Besucher an.

Seit dem Verbot von Bordellen vor einiger Zeit ist zwar wohl die Zahl der Prostituierten und Kunden nicht gesunken, aber das Geschäft hat sich verändert: Prostituierte aus dem Drogenmilieu sind eher nachmittags anzutreffen. Andere stehen an bestimmten Ecken in der rue de Hollerich, an dem kleinen Platz im Kreuzungsbereich von rue de Strasbourg und rue Joseph Junck am Café Le Relax. Die Geschäftsaktivitäten werden dann offenbar in Autos oder schummrigen Ecken oder privaten Appartments vollzogen, seitdem das nicht mehr direkt in Etablissements erlaubt ist.

Es kann dann auch mal passieren, dass direkt unter dem Hotelfenster am Schaufenster einer ehemaligen biologischen Bäckerei eine Verhaftung stattfindet. Ansonsten bietet die Nacht ein schales Gefühl von viel Einsamkeit, Existenznöten und Überlebenskampf. Vielleicht schaue ich bei der nächsten Übernachtung auch einmal in eine dieser Bars, eher kurz wohl, so als Premiere zu Recherchezwecken (ich bin einfach sehr neugierig).

Ein Blog mit eher vulgären Tipps zu Standorten luxemburger Prostituierter, vor allem auf dem Straßenstrich, beschreibt ein wenig die aktuelle Situation aus Sicht der Nachfrager. Weitere Hintergrundtexte werden ergänzt, insbesondere zur Gesetzgebung. Ich setze das nur deshalb hier schon online, weil ich work-in-progress praktiziere.

Das offizielle Bordellverbot in Frankreich und Luxemburg hatte für das Saarland die Folge eines starken Aufschwungs von Etablissements für Männer aus diesen Nachbarländern. Hier sind über 260 Bordelle registriert, die meisten in Saarbrücken (über 100 Rotlicht-Adressen, was mehr ist, als andere deutsche Großstädte aufweisen). Auch das kleine Neunkirchen hat offenbar 60 Puffs. Hier eine kleine Geschichte der Prostitution.

Nachtrag vom Januar 2014: Mittlerweile bin ich ein Dutzend Mal hier gewesen. Aber erst jetzt hat mir Herr Capoccia seine Geschichte erzählt:  Der etwa 78jährige stammt aus der Region Lazio bei Rom.1952, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, ist er im Alter von 17 Jahren nach Venezuela ausgewandert und blieb dort sieben Jahre. Nach seiner Rückkehr hörte er von einem Freund, dass es in Frankreich Arbeit gibt. Er folgte ihm nach Lothringen und arbeitete 20 Jahre in der Stahlindustrie. 1978/79 kam er dann nach Luxemburg und übernahm das Hotel. Eigentlich wollte er es kaufen, aber der Besitzer wollte es nur vermieten. So unterschrieb er einen auf 40 Jahre angelegten Pachtvertrag. Wenn er in wenigen Jahren ausläuft, wird er ihn wohl nicht verlängern. Man müsste so viel machen im Hotel, vor allem fehlen den Zimmern individuelle Duschen, aber ihm fehlt dafür das Geld, bedauert er.

Nachtrag vom Januar 2016: Die Nacht im EZ kostet jetzt 45 EUR.

Nachtrag vom Juni 2017: Die Nacht kostet jetzt 50 EUR.

Adresse: 17 Rue Joseph Junck, L-1839 Luxembourg, Tel.: 00252-486245, keine Mailanschrift

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

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