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Kein Kinosterben in Kairo

Januar 30, 2012

Während nach einem halben Jahrhundert der Glanzzeit des Kinos in Europa in den 1960er- und 70er-Jahren das große Kinosterben einsetzte, weil sich der Bürger vor seinen trauten Fernseher zurückzog, ist ein Kinoabend in Kairo noch immer etwas prickelnd aufregendes. Nicht, dass nicht auch hier längst in fast allen Wohnungen ein Fernseher den Abend bestimmen würde. Nein. Da sind andere Gründe, von denen einer ist, dass die ägyptische Hauptstadt nach wie vor das Zentrum der Filmproduktion der arabischen welt ist. Und dann ist da noch etwas anderes, das in Europa nicht mehr wirklich von Relevanz ist. Leider, denn es entgehen einem prickelnde Erlebnisse, die freilich eher wenig mit dem gezeigten Film zu tun haben. Sondern mit Licht und Dunkelheit, Mann und Frau, empfundener innerer und nicht auslebbarer äußerer Nähe in einer Gesellschaft, in der die Sozialkontrolle noch so mächtig ist, dass kein unverheiratetes Paar privat und erst recht öffentlich seine Emotionen oder auch schlichte kleine Zärtlichkeiten leben darf. Es sei denn, es ist dunkel und niemand sieht es. Ein Kinoabend in Kairo ist meist vom Rascheln, Kruschteln und Knistern von Popcorn, Sonnenblumenkernen und Chipstüten so laut, dass man kaum die Texte versteht. Aber das ist wie gesagt auch nicht das entscheidende.

In der Kairoer Innenstadt bestehen in einem halbmondförmigen Bogen zwischen Md. Talaat Harb und Ezbekiya-Park noch mehr als ein Dutzend alte Kinos, meist aus den 1920er- oder 30er-Jahren. Nur wenige wurden wirklich modernisiert. Dazu kommen zwei weitere alte Kinos in der Verlängerung der Sh. 26 Julyo westwärts in Boulaq und auf Zamalek, sowie in Doqqi, Manial und Heliopolis. Die meisten bieten eher volkstümliche Produktionen oder amerikanische Blockbuster. Der Eintritt beläuft sich auf 15 bis 20 LE vor- und nachmittags und 25 bis 30 LE abends. Natürlich gibt es seit einem Jahrzehnt auch einige moderne Multiplex-Kinos, vor allem in Heliopolis und Medinet Nasr. Dort kann man sich sogar so genannte VIP-Plätze für 100 LE buchen. Ach ja: Natürlich galt auch in Kairo für manche Kinos: Ende der Vorstellung.

Das „Rivoli“ (Ecke Sh. Al Borsa  26. Julyo) tagsüber und nachts:

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Kino in Boulaq (sh. 26. Julio):

Ein Sittenwächter?

Das „Miami“, Sh. Talaat Harb/ Ecke Sh.Adly (tagsüber) vor und nach der Kaputtsanierung der Originalfassade 2012/13:

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Wenige Meter weiter nordwärts an der Sh. Talaat Harb liegt mit dem „Metro“ das erste Kino, das von Metro Goldwyn Meyer in Ägypten errichtet wurde, um MGM-Filme zu zeigen. Die Eröffnung 1941 war ein Großereignis. Bis in die 1960er-Jahre wurden hier ausschließlich amerikanische Filme gezeigt. Es galt bis in die 1970er-Jahre als beliebtestes Kino der Stadt.

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„Karim I“ in der Sh. Emad ed-Din:

Nebeneinander in schwarz und weiß: Das „Pigalle“ (bzw. hier verballhornt in „Piegal“) und das „Lido“ (bzw. „Ledo“) in der Sh. Emad ed-Din:

© Ekkehart Schmidt

© Ekkehart Schmidt

Nahebei in der gleichen, für ihre Kinos berühmten Straße Sh. Emad-ed Din, das mindestens seit 2012 geschlossene „El-Kahira“ (Foto von 2013):

© Ekkehart Schmidt

Im Gegensatz zu den meisten anderen Kinos der Straße scheint das „Renaissance“, einige Meter weiter, genügend Einnahmen für eine Sanierung gehabt zu haben:

© Ekkehart Schmidt

Am Midan Orabi:

„Cairo Palace“ (Sh. Saray Al-Azbakiyya/ Ecke Sh. Zakariyya Ahmed):

Das „Miami“ (nachts):

„Al Fantasia“ in Alt-Giza (aufgegeben):

Das „Roxy“ in Heliopolis, namensgebend für einen Platz und Kreuzungspunkt, den man Taxifahrern in Downtown Kairo nennt, will man hinaus in diese erste Stadterweiterung auf Wüstenboden des frühen 20. Jahrhunderts:

© Ekkehart Schmidt

Kinos in der Neustadt (von Nord nach Süd):

  • Piegal/ Pigalle (Sh. Emad ed-Din 25)
  • Ledo/ Lido (Sh. Emad ed-Din)
  • Ritz (Sh. Emad ed-Din) (geschlossen)
  • Karim II (Sh. Bustan al-Dikka) (geschlossen)
  • Karim I (Sh. Emad ed-Din) (geschlossen)
  • El Rihany Theater (geschlossen)
  • Cosmos (Sh. Emad ed-Din 12) (Neubau 2012)
  • Renaissance (Sh. Emad ed-Din 8)
  • Cine El Kahira (Sh. Emad ed-Din) (geschlossen)
  • Cairo Palace (Sh al-Azbakiyya/ Ecke Sh. Zakariyya Ahmad) von ungefähr 1930
  • Diana (Sh. Alfi 17) von 1930
  • Rivoli (Sh. 26 Julyo/ Ecke Al Borsa)
  • Metro (Sh. Talaat Harb 35)
  • Miami (Sh. Talaat Harb)
  • Odeon (Sh. Abd al-Hamid Said 4)
  • Radio (Sh. Talaat Harb)
  • Kasr el-Nil (Sh. Kasr en-Nil)
  • Ramsis Hilton (im Ramsis Hilton)

Kinos in Heliopolis

  • Palace (geschlossen)
  • Roxy
  • Al Salam Concorde
  • Normandy
  • Golden Stars Cinema

Kinos in Medinet Nasr:

  • Serag City Hall
  • Genena
  • City Centre
  • Tiba

Kinos in anderen Stadtteilen:

  • Rio (Sh. Mansour, Bab el-Louq, geschlossen)
  • Nile City Renaissance (Nile City Building, Corniche, Maspero)
  • Kino in Zamalek
  • Kino in der Sh. 26 Julyo in Boulaq
  • Tahrir (Sh. Tahrir 112 in Doqqi)
  • Galaxy (Sh. Abd el-Aziz al-Saud 67, auf Manial)
  • New Modern in Shubra
  • Al Fantasia in Alt-Giza (geschlossen)
  • Family in Maadi

Aktuelles Kinoprogramm, Kinoprogramm in Al Ahram

Verwendete Quelle: Capresi, Vittoria/ Pompe, Barbara (Hg.): Discovering Downtown Cairo. Architecture and Stories, Berlin 2015, S. 176-81

Weiterführende Literatur: Kristina Bergmann: Filmkultur und Filmindustrie in Ägypten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993; Kathrin Lötscher: Hollywood am Nil: Die Orientalisierung der Moderne in Ägypten, 1920-1930, Ergon 2005

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt

From → Kairo, Mann und Frau

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