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Taking pictures of naked women

Januar 28, 2012

Dire Dawa, eine im Südosten Äthiopiens gelegene junge und große Stadt, die 1902 durch den Eisenbahnbau entstanden und  jetzt durch die Einstellung der Linie von Djibuti nach Addis Abeba schwer gebeutelt wird, zieht kaum noch Touristen an. Daher überrascht die Häufigkeit von technisch gut ausgestatteten Fotogeschäften. Auf der Suche nach einem Alkoholgeschäft entstand  im September 2011 ein Schnappschuss einer Angestellten vor einem Foto natürlich nackter Frauen. „You didn’t take a picture … ??“  fragte sie eine Sekunde später. „No, no …“, log ich und schlich beglückt und doch auch beschämt von dannen, irgendwann dann doch einen Kiosk mit schlechtem Wein findend.

Wann immer dieses Foto im Hintergrund aufgenommen wurde: Der Kontrast zwischen  meiner Überraschung als durchreisender Europäer über ein Foto nackter und so modern wirkender Stammesfrauen im öffentlichen Raum und der Professionalität der Angestellten in der Nutzung der Fotosoftware zur Bedienung der Wünsche eines Kunden, war so stark, dass ich ihn festhalten musste: ein paar Meter weiter Luft holen, meinen Mut zusammen nehmen, zurückgehen, eintreten, die Szene knipsen und sich entfernen…

In Äthiopiens Südwesten gibt es noch einige wenige Stämme, deren Frauen im Alltag barbusig leben. Diese natürliche Nacktheit, die in weiten Teilen der Welt völlig verloren gegangen ist (bei gleichzeitiger starker Sexualisierung der Mode, der Musikindustrie in einer ansonsten im Alltag eher prüden westlichen Welt, allerdings bei einfachstmöglicher Verfügbarkeit einer Flut pornografischer Filme und Bilder im Internet), fasziniert in schwer beschreibbarer Weise. Während drei Wochen Reisezeit in Äthiopien hatte ich mehrfach die eigentlich unrealistische Phantasie, ganz unsexualisierte natürliche Fotos von Frauen machen zu wollen (oder auch Männern, wobei da die Faszination eine andere ist).

Tatsächlich gab  es sechs Momente solcher Situationen, bei denen drei Fotos entstanden : (1) In diesem Fotogeschäft, (2) eine Badende am Nordrand des Tana-Sees in Gorgora und (3) nackt badende Frauen an einem Bach an der Piste zwischen Gondar und Gorgora (sie entfleuchten angesichts der aus dem durchfahrenden Taxi gehaltener Kamera in Sekundenschnelle). Keine Fotos gibt es von einer Begegnung an den heißen Quellen im Awash Nationalpark und von zwei Szenen mit nackten Männern:  Sich waschende Jungs am Südrand des Sees und ein vielleicht verwirrter Nackter an der Durchgangsstraße in Bahir Dar.

Interessant: Wie akribisch ich das benenne. Weil Nacktheit im öffentlichen Raum für Europäer offenbar sensationell ungewöhnlich ist. Aber auch, weil ich dabei mit einem – meinem – Voyeurismus konfrontiert wurde, der eher peinlich ist.

Interessant auch: Dieser Blogeintrag wird besonders häufig aufgerufen, aber nie kommentiert.

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