Zum Inhalt springen

Windsor Hotel_Kairo

Januar 14, 2012

„Windsor“ – Was für ein klangvoller Name! Aber auch sehr aus alten Zeiten … Man denkt an das Schloß der königlichen Familie Großbritanniens. Aber es ist tatsächlich kaum anmaßend, dass sich dieses Hotel nahe des Ataba-Platzes in Kairo nach dieser nennt. Etwas südlich des legendären, 1952 abgebrannten „Shepheards Hotel„, westlich des ehemaligen „Eden Palace Hotels“ und etwas nördlich des „Continental Savoy“ gelegen, war es in den Jahren um die Jahrhundertwende von 1900  tatsächlich eines der bevorzugten Hotels britischer Touristen. Anders als die beiden anderen genannten existiert es noch. Natürlich hat der Zahn der Zeit stark genagt, aber man kann sich tatsächlich in die Kolonialzeit zurückversetzt fühlen – ein Satz, den man aus unzähligen Texten kennt. Aber er ist in diesem Fall wirklich zutreffend. Es ist kein Zufall, dass hier die eine oder andere Szene von Filmen ägyptischer oder auch Hollywood-Produktionen gedreht worden sind.

Das erste Gebäude an dieser Stelle beherbergte Bäder der königlichen ägyptischen Familie, der heutige Bau entstand 1893 und scheint um die Bäder herum gebaut worden zu sein. Vielleicht heißt deshalb das 2012 sanierte Restaurant gegenüber „Kursaal„? Dann diente das Haus jahrelang als Club britischer Offiziere, während nicht weit entfernt 1929 das „Hotel Windsor“ entstand. Erst als der Bau als Annex des (oder aufgrund der Nähe zum) Shepheards Hotel um 1936 von einem Schweizer Hotellier namens Frey erworben und umgewandelt wurde, zog das Hotel hierher um (damals hieß es: Hotel Windsor – Maison Suisse). Es folgten italenishe und französische Inhaber, ehe das Hotel 1962 von der koptischen Familie Doss erworben wurde. Der damals 94jährige William Doss war zumindest bis 2010 Inhaber.

Erworben wurde es, nachdem das Haus zwei Jahre lang komplett von russischen Ingenieuren ausgebucht war, die für den Bau des Assuan-Dammes im Lande waren. Es heißt, auch Nikita Chrustschow habe ihnen hier einmal einen Besuch abgestattet. Ansonsten fehlen bekannte Namen.

„Today the Windsor’s guest rooms retain an ambiance of faded grandeur and the hotel’s famous Barrel Bar remains a popular Cairo rendezvous.“ Ersteres stimmt, letzteres ist Wunschdenken, treffen sich doch dort nur noch (meist) europäische und nordamerikanische Hotelgäste. So jedenfalls bei meinen Übernachtungen im September 2009, Oktober 2011 und Oktober 2015.

Die Räume (die Fotos unten zeigen Zimmer 36) sind – wie der Frühstücksraum, das Restaurant und die Bar – weitestgehend mit dem Originalmobiliar ausgestattet. So scheint es jedenfalls. Das hat einige Nachteile in Bezug auf den Komfort, doch werden diese bei weitem wett gemacht durch das preiswerte Erlebnis, in einer Art Museum zu übernachten: Die Nacht kostet je nach Standard und Belegungszahl zwischen  30 und 50 Euro. Das Frühstück besteht aus einem Toast, einem Croissant (eher british style) und einem Pappbrötchen, dazu ein dreieckiges Schmelzkäsestückchen und Marmelade sowie einem ganz besonders bemerkenswert schalen Kaffee. „Faded grandeur“ eben. Aber natürlich: Kaffee war nie die Stärke der Tee trinkenden Briten. Dafür ist der Service durch die etwa 50jährige Iman besonders nett, familiär und aufmerksam: -Sie arbeitet seit 12 Jahren hier und schafft es, Gästen immer neu das Gefühl zu geben, der erste und wichtigste seit Tagen zu sein.

Der Backsteinbau steht in einem ruhigen Geviert zwischen Sh. Alfi (deren Nr. 19 die Postadresse ist, obwohl das Haus ihr den Rücken zukehrt), Sh. Gumhuriya und Sh. 26. Julio. Er wirkt wie eine Burg, die Außenwelt klar abweisend, unsicheren Fremden ein Sicherheitsgefühl vermittelnd. Umso mehr Sterne ein Hotel in Kairo hat, desto stärker wird dieses burgartige betont (extrem beim Ramsis Hilton). Von den hölzernen Balkonen der Vorderzimmer des Windsor (die zu empfehlen sind) blickt man hinab auf Gassen ohne Autoverkehr, deren Teehäuser deshalb besonders beliebt sind. Besonders im Sommer kann man dort schön kühl an Tischen auf der Straße sitzen und eine Wasserpfeife rauchen oder Backgammon spielen.Von hier aus kann man abends die Sh. Alfi westwärts laufen, um in das „traditionelle“ Vergnügungsviertel der Neustadt zu gelangen. Direkt hinter dem Hotel ist sie allerdings eine hässliche Durchgangsstraße, nicht zuletzt, weil das Gelände des abgebrannten „Shepheards Hotel“ mit einer Tankstelle und einem staatlichen Bürokomplex bebaut wurde.

Ausgerichtet war das Hotel freilich nach Osten: Dort, jenseits der Sh. Gunhuriya und der Ezbekiya-Gärten begann damals der Orient. Per Pferdekutsche ging es von hier in die Altstadt und die Basare, während sich die moderne Neustadt des Khediven Ismail diesseits ganz dem Westen zuwandte und das Haussmann’sche Paris zu kopieren suchte. Das ist alles lange her. Aber das Windsor hat überlebt, anders als das Continental Savoy, auf dessen Nordfassade man vom Balkon aus schauen kann. Aber das ist eine andere Story.

Die Überdachung des Eingangs erinnert nicht zufällig an die Pariser Metro: Das Hotel beherbergte in den 1940er-Jahren das „Café Parisiana“, dessen Stühle rückwärtig auf dem Bürgersteig standen. Damals zählte es zu den renommiertesten Cafés der Stadt.

Die Hotellobby ist sehr hoch, im Kontrast dazu wirkt die Rezeption mit vielen uralten Utensilien in die Ecke gequetscht. Der hölzerne Schindler-Aufzug, der in der Mitte des Treppenhauses leicht schwankend hoch fährt, scheint der älteste noch in Betrieb befindliche Aufzug der Stadt zu sein.

Das Gebäude beinhaltet 60 Zimmer (ursprünglich 84) in sechs Geschossen und einem Teilgeschoss, das von der Straße her kaum wahrzunehmen ist. Der Bau wird von allen vier Seiten von Straßen umgeben. Eine in Kairo einzigartige Backsteinarchitektur bestimmt die äußere Gestalt. Wenngleich der Gesamteindruck an ähnliche Architekturtendenzen Mittel- und Nordeuropas erinnert, gibt es doch hie und da Gestaltungselemente, die an lokale Traditionen erinnern: z.B. die Spitzbögen im zweiten Geschoss oder die hölzernen Balkon- und Brüstungsgitter.

Zitierte Quellen: Andrew Humphreys: Grand Hotels of Egypt in the golden age of travel, AUC Press, Cairo, New York 2011, S. 158-165;Mohamed Scharabi: Kairo. Stadt und Architektur im Zeitalter des europäischen Kolonialismus, Tübingen 1989, S. 227

Weitere Herbergen und Hotels in Kairo

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt

Webseite des Hotels

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: