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1, Midan Tahrir

Januar 12, 2012

Der Platz fühlt sich anders an. Sicher nicht nur für den europäischen Beobachter, sondern auch für die Ägypter. Einen Monat nach Mubaraks Rücktritt bietet sich vom Balkon der gleiche nächtliche Blick auf den orange-gelb beleuchteten Platz, den vorher wochenlang die Fernsehsender gezeigt haben, abgesehen vom zeitweiligen Rückzug ins Semiramis- bzw. Ramsis Hilon Hotel, als es für Journalisten kurz gefährlich wurde. Das Ismailya House Hotel ist dagegen ein Travellerhotel, in dem die Nacht nur 10 bis 12 Euro kostet. Das von mir gewählte Balkonzimmer im 8. Stock ist jedoch einige Euro teurer. Freitags müsse ich raus, weil ein Fernsehsender den Balkon gebucht hat, um Demonstrationen zu filmen. Als schlichter Revolutionstourist hat man sich zu fügen. Seit Jahrzehnten war Ägypten nicht mehr so im Fokus der Weltöffentlichkeit, vielleicht zuletzt im Oktoberkrieg 1973.

Das Haus, in dem ich zwei Wochen im März verbracht habe, hat eine – heute – symbolträchtige Adresse: 1, Midan Tahrir. Damals, 1988/89, als ich hier im Viertel acht Monate gewohnt habe, war es das Nachbarhaus zum Platz hin, auf das es mich immer wieder zog, um Fotos zu machen: Im roten Licht der Sanyo-Werbung, gegenüber der Coca Cola Schriftzug, im Hintergrund Mogamma, Semiramis Hotel, Oper, Arabische Liga, Nile- und Ramsis-Hilton sowie das Ägyptische Museum. Das ist die nächste große Veränderung: Die Leuchtreklamen sind aus, werden offenbar abgebaut. Warum bleibt unklar. Ansonsten hupt es sich unten fröhlich weiter, als wäre nichts geschehen.

Am ersten Morgen scheint die Revolution nur eine Schimäre gewesen zu sein. Alles ist wie immer. Der Verkehr tost um den Platz. Dann fällt das ausgebrannte, damals nie interessierende große und architektonisch belanglose Quergebäude zwischen Nile Hilton und Museum ins Auge. Es ist bzw. war der Sitz der Regierungspartei. Die schwarzen Brandspuren sind beeindruckend, in einem ersten Gang führt es mich unwiderstehlich hin, um ein Foto zu machen, hoffend, dass mir keiner die Kamera abnimmt. Es beweist, dass etwas unglaubliches geschehen ist. Und ich höre, dass es deshalb ab Mitternacht so ruhig wurde, weil es eine Sperrstunde gibt. Im Auge des Orkans war es bis zum Sonnenaufgang still, wie nie zuvor.

Das Erleben aus Deutschland hat mir als Kairoliebhaber nicht gereicht. Nostalgisch alte Kassetten hörend, wurde Faiza Ahmeds Song „Ta’ala ve shuf” (deutsch: komm und sieh) plötzlich zur Aufforderung zwei Wochen nach Kairo zu kommen. Ein Revolutionstourist, wie andere, die sogar schon während der wochenlangen Besetzung des Platzes gekommen sein sollen, wie eine ortsansässige Freundin erzählt. Im Hotel findet sich zum Frühstück eine kleine bunte Gruppe zusammen: zwei stille Journalisten an ihren Laptops, eine ältere Kanadierin, die Englisch unterrichtet und zwei japanische Rucksacktouristen, die fassungslos die Erdbebenberichte auf CNN verfolgen. Oder ein Schweizer Rentnerpaar, das seit sieben Monaten hier ist, verstrickt in betrügerische Versprechen einer Art „Nigeria Connection“, die ihnen – gegen ständige Zahlungen – eine hohe Geldsumme versprechen.

Für ein paar Tage ist auch ein österreichisches Fernsehteam da. Sie drehen während einiger Tage eine Doku mit einem Ägypter aus Wien als Hauptperson. Wir treffen uns alle immer zum Frühstück.

Mit einem Berliner verbringe ich den Freitag der großen Demonstration gegen die Verfassungsänderung auf dem Balkon eines Ausweichzimmers. Als das TV-Team kam, half er, meine Sachen schnell eine Etage tiefer zu bringen. Er behauptet, wegen seiner Birkenpollenallergie in den Süden geflohen zu sein, kann jedoch alle Transparente und Sprechchöre übersetzen: „Es shaab yurid dusturun gedid“ – Das Volk wünscht eine neue Verfassung (und sagt deshalb Nein zu den am 19. März zur Volksabstimmung stehenden Verfassungsänderungen). Er erklärt, welche unterschiedlichen Gruppen sich unter uns formieren, weiß von jedem Hotelgast alles notwendige, kann erzählen, wo überall noch Panzer stehen und vertritt die Theorie, dass die Leuchtreklamen im Januar abgebaut wurden, weil sie die Nachtsichtgeräte des Geheimdienstes stören. Der Rezeptionist sagt aber, dass man schon im Winter damit angefangen habe. Er erzählt auch von den Geheimdienstlern, die sich hier einfach tagelang einquartierten und Essen bestellten, ohne je zu bezahlen. Das bringt mich auf die Idee, auch der Berliner könnte vom Bundesnachrichtendienst sein? Ich werde ihn noch fragen.

Das Ismailya House Hotel ist schwer zu finden. Hinter dem Zeitungsstand nahe der Metrostation zwischen den Einmündungen der Sharia al-Tahrir und Sharia Mohammed Mahmoud führt eine Passage durch das Haus und zu den beiden Treppenhäusern. Acht Monate lang führte der Weg zu meinen zwei aufeinander folgenden Praktikastellen täglich immer wieder vom Hinterhaus durch die Passage auf den Tahrir. Obwohl ich jahrelang nicht hier war, ist alles vertraut, als wäre die Zeit stehen geblieben. Auf dem Platz aber ist alles verändert. Straßenverkäufer bieten Fahnen, Aufkleber, Sticker, Stirnbänder, CDs und bedruckte Gläser zum emblematischen 25. Januar an. Die Revolutionsbegeisterung ist schnell als Marktnische entdeckt worden. Die Jahrzehnte alte Mauer um ein Ruinengrundstück in der Sharia Mohammed Mahmoud ist mit fröhlichen und stolzen Graffitis bemalt worden. Zwei Freunde fotografieren sich davor. Die erfolgreiche Revolution erscheint als Faktum.

In den ersten Tagen beherrscht den nachrevolutionären Gast die Spurensuche. Der Rasenplatz im Zentrum des Platzes ist abgetreten, aber sauber aufgeräumt. An den meisten Straßeneinmündungen muss der Fußgänger durch Sand laufen, die Platten fehlen, sind Ende Januar zu Wurfgeschossen gemacht worden. Die Fahrbahntrennung am Ägyptischen Museum wird aber soeben neu gepflastert. „Welcome back“ hatte das Flugmagazin von Egypt Air getitelt. Stolz auf das Erreichte, aber auch klar in die Zukunft schauend: Das touristische Business soll, so hoffen alle, bald wieder zur vorrevolutionären Haupteinnahmequelle werden. Die Plumpsklos auf einer Verkehrsinsel standen allerdings schon vor dem 25. Januar unbenutzbar frei und  staubten seit Jahren zu.

Rundherum gibt es alle paar Tage kleinere Demos: Jemeniten vor der Arabischen Liga, Al-Azhar Sheiks in ihren Gewändern, auch verschiedene Berufsgruppen zieht es immer wieder hierher. Christen demonstrieren seit vielen Tagen vor dem Fernsehgebäude weiter nördlich, um eine genauere Aufklärung der Todesfälle Anfang März im Süden der Stadt zu erreichen. Am Ramses Hilton, am Abdin-Palast, hinter dem Außenministerium: überall stehen noch Panzer, aber es klettern tatsächlich Kinder auf ihnen herum. Die Soldaten lassen sie gewähren. Dann brennt wieder das Innenministerium: aus einer Protestdemo von Polizisten heraus entlud sich so offenbar eine starke Wut über Entlassungen. Ich kam zufällig vorbei, hab meine Fotos auf Facebook gepostet und kann mich vor dem Berliner wichtig tun: Es ist noch nicht vorbei.

Dafür weiß er, dass sich die Leute für die abendlichen Debatten auf dem Tahrir immer vorher am Talaat Harb Platz treffen. „Hyde Park“ nennt er es. Hier unten sind sie erst ab 23 Uhr. Es ist faszinierend zu erleben, wie Muslimbrüder und Beamte, Studenten und Arbeiter miteinander das demokratische Erlebnis freier Meinungsäußerung teilen. Für eine gemeinsame Sache. Noch. Und es gibt täglich hitzig debattierte neue Fragen, wie es weiter gehen soll. Unter die revolutionär Beteiligten mischen sich interessierte Schaufensterbummler. Ganz Kairo scheint aus dem Jahrzehnte alten Trott geworfen worden zu sein. Die Atmosphäre ist frei und entspannt. In der Menge werden per Handy weiter Fotos aufgenommen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass manche so tun wollen, als wären sie Ende Januar dabei gewesen. Gegenüber Ausländern ist der Stolz zu spüren

Ausländer werden gefragt, was sie von der „thaura“ halten: ehrliche Bewunderung, aber auch Skepsis, ob man nicht erst eine halbe Revolution erreicht hat. „Wer eine Revolution nur halb umsetzt, wird von ihr gefressen“ heißt ein warnender Spruch auf Facebook.

Die Skeptiker bleiben aber in der Minderheit. Das Freiheitsgefühl in all seinen Facetten wird unumkehrbar sein, sagt Sarah. Die Germanistin, die jetzt bei IBM arbeitet, war damals dabei. Und sie betont, dass kaum ein Vater danach noch eine junge Frau wird davon abhalten können, abends alleine unter Männern unterwegs zu sein. Schließlich hat sie hier tagelang auf dem Platz übernachtet. Das verwüstete Rund in der Mitte des Platzes, auf dem bis zum 9. März die Zelte standen, wird nun jeden Morgen von Gärtnern gewässert. Auf dem ehemals grünem Rasen stehen nun tagelang große Pfützen, bis das erste frische Grün sprießt. Falls nicht wieder…

Es wird wieder gearbeitet, „Hardees“ unten im Haus bekommt gerade eine neue Leuchtreklame, selbst die Souvenirläden am Museum öffnen wieder, die Inhaber kommunizieren einen so geschickt wie eh und je in die Situation, „nur kurz“ hinein zu schauen. Das Leben muss weitergehen. Mc Donalds und das Cilantro Café nebenan sind noch da, jetzt aber eher ein Treff der revolutionären, denn der angepassten scheinbar kritiklosen reichen Jugend, die in der AUC studieren darf, wie es oberflächlich betrachtet in den vergangenen Jahren schien. Die AUC ist nun aber in die Wüste New Cairos umgezogen. Hier verblieben sind die Buchhandlung und schön sanierte Räume wie die Ewart Hall, in der gerade ein Dokumentarfilmfestival stattfindet. Aber die Studenten sind weg, sie wohnen nicht mehr in WGs rundum Bab el-Louk und Garden City. Das ist vielleicht eine der nachhaltigsten Veränderungen am Tahrir.

Aber die Kunstgalerien nördlich des Platzes ziehen immer noch Publikum an. Die Vernissagen im März zeigen die ersten Künstler, die das Geschehen zu verarbeiten suchen. Es gibt auch wieder Parties im „After Eight“ (die DJ-in war vorher Tag und Nacht auf dem Platz). Es wird ausgelassen gefeiert, aber nicht anders als früher, heisst es. Anders ist aber, dass Fahnen geschwungen werden und fast alle 20 Minuten vor Mitternacht hektisch aufbrechen, um irgendwie noch am Tahrir vorbei heimwärts zu kommen. Einige Autos werden noch durchgelassen, andere müssen enorme Umwege fahren. Mehrfach fahren später Panzerkolonnen von Garden City und dem Regierungsviertel kommend über den Platz nordwärts. Die Grundstimmung ist überall: Es scheint alles vorbei. Wir krempeln jetzt die Ärmel hoch und verändern alles. Der Berliner ist aber skeptisch und verweist auf das unterwürfige Verhalten der Hotelangestellten gegenüber einem (in Ägypten) gewohnt herrisch auftretenden syrischen Geschäftsreisenden: „Immer noch wie ängstliche Hunde“.

Nach zwei Wochen fallen die unveränderten Dinge stärker auf. Nicht nur die Riesenbaustelle der neuen Metro-Querverbindung. Eher hinter den gelb gestrichenen Hausfronten am Platz, potemkinsch für hohe Gäste den Staub verdeckend: In gewisser Weise ist genau hinter der Fassade des Platzes in beruhigender (oder erschreckender) Weise alles beim Alten geblieben. Bis ins Detail. In meiner Passage an der Teestube unten liegt der Müll wie eh und je und wird eben auch jetzt nicht weggeräumt, auch das circa 30 Jahre alte gefährliche Loch mit der Metallplatte gähnt weiter vor sich hin. Die Zementsäcke im Treppenhaus könnten auch schon ein paar Jahre alt sein, man müsste den Bawuab fragen (er sei seit 50 Jahren hier). Das winzige Teehaus ist unverändert provisorisch, genauso wie der Lagerraum daneben, in dem schon 1988 die nachts angelieferten Zeitungen gestapelt wurden. Die provisorische Moschee allerdings hat sich vergrößert, nimmt die hintere Gasse jetzt raumgreifender ein. Die Mauer zum Schutz gegen Streubomben (1973 schnell hochgezogen) steht da vor dem Eingang meines damaligen Wohnhauses, als hätte sie noch einen Zweck. Es ist eben egal. Die dreckstarrende Gasse zwischen den Häusern (auf dem Dach noch die gleichen Holzreste wie 1988, unter anderem gut 50 Schusterleisten) ist jetzt nicht mehr nur Parkfläche, sondern bietet mittags Dutzenden Menschen zugleich an Stehtischen ein schnelles Mittagessen.“

So die Eindrücke von einem Kairo-Besuch im März 2011. Mit Ernüchterung bei der Abreise: Nichts Grundlegendes wird  sich mittelfristig ändern. Behäbig, an die genügsame Haltung des seit Jahrtausenden in Unfreiheit lebenden Volkes gewöhnt, wird  weiter nur von heute auf Morgen gedacht. „Das Fressen kommt vor der Moral“, muss ich an Brecht denken. Leicht abgewandelt für die Akteure vom Januar: Der revolutionäre Stolz schützt nicht vor Blauäugigkeit. Und: Wer eine Revolution nicht zu Ende führt, wird von der Reaktion der Systemprofiteure gefressen. Viele seien unbemerkt verhaftet worden, heißt es. Auch die Kräfte der Beharrung räumen unbemerkt auf. Aber wehe, die unvermeidliche Desillusionierung erzeugt eine neue Wut. Zurück in Deutschland gibt es Anfang April wieder Fernsehbilder von Gewalt auf dem Platz. Der Berliner hat übrigens – in Worten, aber nicht in der Körpersprache – meine Vermutung bestritten. Natürlich. Fragen Sie in 1, Midan Tahrir nach ihm: Wenn er noch da ist, ist das Thema für den BND noch nicht erledigt.

Jetzt ist Januar 2012. Es gibt wenig zu ergänzen. Vielleicht noch die homepage des Hotels.

Nachtrag vom Juni 2015: Das abgebrannte Gebäude der Staatspartei NDP wird abgerissen. Mehr dazu hier. Im November war der Abriss abgeschlossen. Dazu ein ernüchterter Nachtrag vom Dezember 2015 zum Midan Tahrir.

From → Hotels, Kairo

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  1. “Kairo? Bist du verrückt?” « akihart

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