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Der Staub von Kairo

Januar 10, 2012

Dem noch unreflektierten neuen Besucher von Kairo, der diese größte Metropole Afrikas noch mit staunenden Augen entdeckt, fällt einiges sofort auf, was Bewohner und langjährige Besucher kaum noch wahrnehmen: Neben der Dichte des Lebens, den anderen Regeln des Verkehrs  und der Kakophonie der Geräuschkulisse ist es vor allem der überall präsente Staub, der Kairo dieses ganz besondere Flair gibt. Was ist das für ein Staub? Wieso fegen ihn die Leute nicht weg?

Nach einigen Tagen wandeln sich die Fragen: Wieso ist er unbezwingbar? Was bewirkt er im Selbst- und Fremderleben der Stadt? Was ist sein Beitrag dazu, daß Kairo ganz anders als jede andere Millionenstadt dieser Welt ist?

Irgendwann, nachdem der mitteleuropäische Besucher seinen Staubschock zu verarbeiten begonnen hat, wächst ganz langsam ein bestimmtes Gefühl.

Der Staub der Sahara vermischt sich mit all den Ausdünstungen und Abgasen dieser letztlich mitten in der Wüste liegenden Stadt zu einer Schicht, die alles gleich macht. Ein bisschen wie ein mitteleuropäischer Herbstnebel. Eine melancholische Grundierung unter den Tag legend.

Und der Stadt eine Patina verleihend, die ihresgleichen sucht.

Mit dem vom Wind gebrachten Staub wirkt auch die Sommerhitze auf Farben, Gestein und andere Materialien. Was fehlt, um einen gewissen Reinigungseffekt zu bewirken, ist zum einen der Regen…

… zum anderen fehlt die Disziplin und der Optimismus der Menschen, den Staub reinigen zu wollen. Denn: Man hat keine Chance. Bei seinem täglichen Absinken aus den Ostwinden wäre es eine Sysiphusarbeit.

Ja, natürlich: Es geht schon. Zumindest kurzfristig wie bei dieser teuer sanierten Dachwohnung direkt an der tausendjährigen  Ibn Tulun Moschee. Dem strahlenden Weiß gebe ich vielleicht drei Jahre.

Ob man sich schützt oder nicht: Diese Staubpartikel färben irgendwann alles in grau-beige. Der Staub hat in Kairo aber auch eine ästhetische Qualität, ist fast sogar schön oder hebt Schönheit hervor, indem er unverstaubtes besonders farbig erstrahlen lässt.

Die Ablagerung von Staub ist ein gegenwärtiger Vorgang, er vollzieht sich so, dass man zusehen kann. Man wische über einen Tisch, lasse das Fenster geöffnet: zwei Stunden später kann man mit dem Finger eine sichtbare Linie ziehen. Ein Gebäude vom Staub zu säubern fiele niemandem ein (und jemand aus Weltregionen mit viel Regen lernt diesen in seiner reinigenden Eigenschaft (!) zu schätzen). Man hüte sich daher vor Urteilen über den „Schmutz“ dieser Stadt.

Die Bedeckung von allem Gestein mit Staub und Flugsand ist ein städtisches Phänomen (die Natur draußen auf dem Land vermag ihn zu verarbeiten). Die Verstaubung ist aber auch ein seit Jahrtausenden wirkender Prozess, der Monumente schützt: Staubschichten verbergen, konservieren und bewahren vieles. Anders als in Mitteleuropa, wo durch den Regen und die präsentere Natur in ihrem immerfort sichtbar sich entwickelnden Jahreszeitenwandel immerfort Gegnwart ist, fällt man in Kairo manchmal aus der Zeit. Die Vergänglichkeit allen menschlichen Tuns und Bauens wird dort nicht durch den dynamischen Wandel, sondern durch das Statische des Staubs spürbar.

Für arm und reich ist der Staub zu guter Letzt auch ein großer Gleichmacher, wie der Tod.

Revolutionen und Umbrüche kommen und gehen: Napoleon 1798, der Neustadtbau ab 1869, Nasser 1952 und das Aufbäumen am Tahrir 2011. Der Staub von Kairo aber bleibt unverändert. Was irgendwie auch beruhigend ist.

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

From → Kairo

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