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Das neue Leben des Continental Savoy

Januar 10, 2012

Aus den früheren Jahren der ab 1870 westlich der historischen Altstadt enstandenen „europäischen“ Neustadt von Kairo bleiben – abgesehen von der reinen Gebäudesubstanz – vor allem einige noch heute bestehende Hotels, Restaurants und Cafés, durch die sich der heutige Besucher ein Bild dieser vergangenen Epoche machen kann. Aber auch die Häufung mancher spezialisierter Geschäfte in bestimmten Straßen, zum Teil auch der Flair, den diese – oder auch nur ihre Werbeschilder – noch immer ausstrahlen, lässt die damalige Zeit wieder auferstehen. Die Neustadt wandelte sich bis in die 1920er Jahre aus einer Gartenstadt mit Villen in eine pulsierende City. In den Nachkriegsjahren, insbesondere seit dem Zuzug vieler Zuwanderer, gingen europäisch inspirierter bürgerlicher Lebensstil und Reichtum verloren. Viele zogen in neue Viertel. Ab 1970 wurde die Innenstadt immer stärker verdichtet, ein ländlicher, kleinbürgerlicher Lebensstil setzte sich durch. Das ist wohl die Konstante: Man darf sich keiner Illusion hingeben: Die Neustadt wird kontinuierlich umgenutzt, an die Bedürfnisse der Bewohner und der von außerhalb kommenden Konsumenten angepasst.

Einen sehr ungewöhnlichen  Gang durch Zeit und Raum kann man am Ezbekiyah-Park im Zentrum der Millionenmetropole des 21. Jahrhunderts  unternehmen, genauer gesagt: am Eingang der Metrostation „Ataba“. Die bei den aktuellen Baumaßnahmen verbliebenen Bäume gehören zum Park, an dessen Stelle sich bis 1867 eine Lagune befand. Jenseits standen Palastbauten der Machthaber. Hier richtete Napoleon 1798 sein Hauptquartier ein. Diesseits erstreckte sich ein weites Schwemmland bis zum Ufer des weit entfernten Nils.

Schaut man südwärts hinüber zur anderen Straßenseite, fällt ein großer ockerfarbener Bau auf: das ehemalige Hotel Continental Savoy. Es bedarf einiger Phantasie, sich vorzustellen, wie hier vor einem Jahrhundert Pferdekutschen reiche Touristen aus Europa vom Bahnhof her durch die heutige Sharia Gumhuriya zu ihrem Domizil brachten. Von der Veranda aus konnten Engländer und Franzosen auf das bunte orientalische Treiben zu ihren Füßen herabschauen, ehe sie sich auf das Abenteuer eines Gangs in die Altstadt jenseits des Parks machten. Und bevor es mit Thomas Cook auf die große Tour in den Süden ging, konnte man sich beim renommierten Waliser Importeur Davies Bryan mit Reisekleidung, Schuhen und Hüten ausstatten – zu festen Preisen wohlgemerkt.

Um 1900 hatten bis auf das Mena House an den Pyramiden, das Gezira Palace Hotel (heute „Marriott Zamalek“) und das Semiramis am Nil alle großen Hotels (neben dem Continental auch das Nationale, das Angleterre, das Windsor und natürlich das Shepheards) ihren Standort hier am Park. Wohlgemerkt diesseits, denn jenseits begann „der Orient“, mit einem städtischen Leben, das bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von jeder Art westlichen Einflusses unberührt geblieben war. Edward Lane hat den Lebensstil dieser „modernen“ Ägypter beschrieben – der durch die folgende Modernisierung verschwunden ist bzw. heute Ausdruck von Rückständigkeit ist.. In Kairos Belle Epoque bekam die jeunesse dorée aus den Familien der Paschas jedoch Zutritt zu den Tanzbällen im Continental.

Die neue Stadt entwickelte sich zunächst von den Palästen jenseits der Lagune in Richtung zum neuen Bahnhof (dem neuen Tor zum Hafen von Alexandria und Europa), wobei ein Großteil der sich dort bis hinüber nach Boulaq erstreckenden Altstadt zerstört wurde. Der entscheidende Impuls zum Bau einer planmäßig errichteten Neustadt nach Pariser Vorbild ging jedoch erst 1869/70 vom Khediven Ismail aus. Er veranlasste die Bebauung der gesamten Agrarfläche zwischen Altstadt und Nil durch eine moderne Stadt mit von Prachtgärten umgebenen Villen, Theatern und anderen Vergnügungslokalen im europäischen Stil. Man kann schon von einer regelrechten Obzession des Khediven sprechen, hier ein Paris-sur-Nil zu bauen. Anders als in den meisten nordafrikanischen Städten waren es nicht die Kolonialherren, die „ihre“ Stadt neben die der Einheimischen setzen, in Kairo war es der Herrscher selbst. Er ließ nicht nur architektonisch und städtebaulich das Haussmann`sche Vorbild nachahmen, sondern hatte auch das Ziel, „seine“ Hauptstadt insgesamt grundlegend zu europäisieren. Nicht umsonst wurde dieser Stadtteil „Al Qahira al-Ismailiya“ oder kurz „Ismailiya“ genannt. Zur Eröffnung des Suezkanals wollte der Vizekönig den europäischen Herrschern imponieren. Mit seinen Projekten verschuldete er sich jedoch so sehr, dass sich die Briten 1882 als Kolonialherren etablieren konnten.

Das ehemalige Continental Savoy Hotel (von Norden)

Und dann kam 1952 die Revolution der „Freien Offiziere“ unter Nasser und es setzte eine Verstaatlichungswelle ein, der auch dieses Hotel zum Opfer fiel. Es wäre noch zu recherchieren, was mit dem Continental Savoy genau passierte. Sicher ist nur, daß es mindestens seit meinem ersten Besuch 1988 ganz und gar kein Hotel mehr war, wenngleich einem dies äußerlich schon damals kaum auffiel. Es muß ab und an ein frischer Anstrich erfolgt sein. Was auch wichtig ist, schließlich kommen hier Hunderttausende täglich vorbei. Was aber ist in seinem Inneren?

Geht man links oder rechts des Vordergebäudes in die Hauptstraßen hinein und sucht recht bzw. links den ersten Eingang ins Innere des Komplexes, so findet man eine enge Gasse mit Stoffhändlern und befindet sich nach wenigen Schritten im Gelände des ehemaligen Hotelgartens. Die Passagen dieses gesamten Baublocks unterscheiden sich nur in der Geschäftsausstattung und im moderneren Angebot von Basargassen im altstädtischen Suq. Eine Basarisierung hat stattgefunden. Jegliche Raumreserve wird in enormer Verdichtung von Geschäften ausgenutzt. Personen mit Entdeckergeist können von links kommend am Ende des Weges geradeaus, kurz vor der Mündung auf die Sh. 26. Juli rechts einen inneren Hintereingang des Hotels suchen (von rechts den ersten, hinter Kleiderständern versteckten Eingang links suchen) und die herunter gekommenen Treppen hochsteigen:

Man wird überrascht feststellen, dass fast alle 176 Zimmer und Suiten des Hotels heute Schneiderwerkstätten beherbergen. Selbstverständlich ohne Nutzungserlaubnis. Ein schöneres Beispiel für einen clandestinen Funktionswandel durch den informellen Sektor in Kairo läßt sich kaum finden. Die langen Hotelflure sind noch eindeutig zu erkennen, wenn auch in fast allen Stockwerken am Treppenhaus Gebetsecken eingerichtet worden sind und große Schilder auf die Werkstätten verweisen. Interessant ist, dass sich hier neben arabischen auch russische Schilder befinden. In den ehemaligen Hotelzimmern rattern nun Nähmaschinen. Und in den Fluren wurden schon nicht mehr ganz so provisorische Gebetsecken eingerichtet.

Offiziell firmiert das Hotel als Sitz der ägyptischen Hotellerieverwaltung. Das erfährt man, wenn man den großen Haupteingang betritt, auf ein entsprechendes Schild achtet und die vor sich hin dösenden Personen hinter den ehemaligen Rezeptionstresen fragt. Bei Aufwendung von etwas freundlichem Interesse an diesem schönen alten Gebäude, lassen diese einen ein paar Meter ins Innere gehen. Dort sieht es nicht so aus, als gäbe es tatsächlich irgendwo mehr als ein paar kleine Büroräume im Erdgeschoß.

Im Alternativreiseführere „Ägypten für Globetrotter“ konnte man 1988 noch lesen, dass hier ein Einzelzimmer mit Bad 12 LE, ein Doppelzimmer mit Bad 21,90 LE kosten. Ob man da schon nur aus alten Reiseführern abgeschrieben hat? Im Sommer 1991 jedenfalls, bei meinem ersten Besuch, waren die Schneidereien, wie mir schien, schon fest etabliert. Um eine Vorstellung vom ursprünglichen Flair der Hotels am Ezbekiyah-Park zu bekommen, lohnt ein Blick in das ähnlich alte Hotel Windsor, das jenseits der Sh. 26. Juli liegt und nach wie vor einen etwas morbiden, aber sauberen britischen Charme ausströmt. Das erheblich renommiertere Shepheards Hotel, noch ein Stück weiter nördlich, hat einer Tankstelle und einem Büroklotz Platz machen müssen.

Genannte Literatur: Tondok, Wil und Sigrid: Ägypten für Globetrotter, Reise Know-How, München, 6. akt. Auflage 1988

Copyright Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink und Hannah Scharlau (Treppenhaus und gelbe Tafeln)

From → Hotels, Kairo

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